In unnütz toller Wut

Maarten t'Hart, Gregor Seferens


Der holländische Autor Maarten t'Hart wird sechzig, veröffentlicht einen neuen Roman und empfängt eine Schar radelnder Journalisten.

Ob sie denn wüssten, wer dort wohne, wird die Phalanx radelnder Journalisten gefragt, die sich soeben nach einer Adresse irgendwo hier zwischen Reitställen, Glashäusern und Grünflächen erkundigt hat. Ja, doch: Maarten t'Hart. Und ob man denn auch angemeldet sei? Aber sicher.

Maarten t'Hart hat wachsame Nachbarn, die die Abgeschiedenheit respektieren, in welche sich der Bestsellerautor ("Das Wüten der ganzen Welt", "Die Netzflickerin"), Verhaltensforscher, J.-S.-Bach-Freak und passionierte Hobbyorganist zurückgezogen hat. Dabei ist t'Hart, der dieser Tage seinen sechzigsten Geburtstag feiert, durchaus kein weltfremder oder asozialer Mensch. Er hat nur Lebensgewohnheiten, die konventionelle Formen der Geselligkeit eher unmöglich machen: Er steht mit den Hühnern auf und geht mit ihnen schlafen. Aus diesem Grund macht t'Hart kaum Lesungen - und Lesetouren unternimmt der absolute Reisemuffel sowieso keine.

Hühner hat der in der 5000-Seelen-Gemeinde Warmond bei Leiden lebende t'Hart übrigens keine - nur einen Hund. Und einen Ziegenbock namens Josef. Mit ihm hat er auch für einen Fotoband der Fotografin Els Hansen Modell gestanden. Und der war die Inspirationsquelle für den jüngsten Roman: "In unnütz toller Wut" handelt davon, dass in Monward eine attraktive Fotografin auftritt, um die markantesten Gestalten des Ortes für ein Buch vor die Kamera zu kriegen. Als die Abgebildeten aber der Reihe nach den Löffel abgeben, keimt unter den Betroffenen schnell Hysterie auf, und Gerüchte über Vodoo-ähnliche Praktiken machen unter den Bewohnern die Runde.

Und genau so ist es auch tatsächlich gewesen, erzählt Maarten t'Hart, der sich überhaupt gerne an die Tatsachen hält: "Ich finde es sehr schwer zu fabulieren. Das ist vielleicht doch der Verhaltensforscher in mir, der die Realität beschreiben möchte." Die Geschichte mit dem vergleichsweise glimpflich verlaufenden Kettensägenunfall, den der Held - erstaunlicherweise ein Schriftsteller und Hobbyorganist - erleidet, und die Sache mit dem suizidalen Taxifahrer, der seinen Fahrgast auf eine zünftige Geisterfahrt einladen möchte, fußt ebenso auf Selbsterlebtem wie die komische Episode, in der dem Protagonisten ein Riesenziegel mehrfach eingeschweißter Bücher auf die Hofzufahrt gekippt wird, damit er ein paar hundert Exemplare signieren kann. Ob heftiger und nicht ganz klischeefrei geschildeter Spontangeschlechtsverkehr mit transsexuellen Kosmetikerinnen ("oh, dein harter Schwanz, dieser harte Schwanz, wie herrlich (...) mach schon, los, mach schon, ja, ja, oh du Tier, du Tier, du Tier") auch zum Alltag des Autors zählt, sei dahingestellt - aber ein bisschen imaginativen Auslauf braucht ja auch der realitätsversessenste Schriftsteller. T'Harts Frau hat übrigens Sanskrit studiert, muss auf Indienreisen aber auf die Begleitung ihres Gatten verzichten: "Ich liebe Kälte. Deutschland geht ja noch, aber Indien ist wirklich viel, viel zu heiß."

In einem der nächsten Romane wird es den t'Hart'schen Protagonisten wohl vom Fahrrad schmeißen - so wie vor drei Monaten den Autor. Als der Schriftsteller den journalistischen Begleittross dann auf dem kürzesten Weg zu seinem Leidener Lieblingsasiaten bringt, gerät sein Fahrrad gefährlich ins Schlittern (die feuchten Herbstblätter?). "Der Arzt hat gesagt, es ist alles tadellos verheilt und ich kann schon wieder fallen", beruhigt t'Hart seine Gäste, nachdem er für alle eine Reistafel geordert hat.

Seine überaus erfolgreiche Schriftstellerkarriere war dem Sohn eines Gärtners und Totengräbers nicht unbedingt in die Wiege gelegt - ebenso wenig wie seine Musikbegeisterung, denn für die streng gläubigen Eltern waren die landesüblichen Psalmenvertonungen das einzig Akzeptable und schon Bach too much: "Die ,Matthäus-Passion' endet mit den Worten: ,Wir setzten uns in Tränen nieder' - für meine Mutter und meinen Vater war das keine Auferstehungsmusik", erzählt Maarten t'Hart, der seine Schriftstellerambitionen zunächst hinter einem Pseudonym zu verbergen trachtete. Martin Hart war freilich kein besonders ausgefuchster Deckname, und die Sache flog schnell auf. "Mein Vater war sehr unzufrieden, weil es nicht dem Gottesdienst entsprach - er hat allerdings nur ein Buch erlebt. Meine Mutter lebt noch heute, liest das aber nicht und lässt sich von meinem Bruder erzählen, wie schlecht das alles ist."

Gerade vor kurzem erst ist Mama t'Hart von den synodal-reformierten zu den christlich reformierten Calvinisten übergetreten. "Es gibt zehn bis zwölf Sorten von Calvinisten, die sich wechselweise bekämpfen", erklärt t'Hart, der an das liberale Image der Niederlande nicht so recht glauben mag - immerhin sei es in dieser Gegend nicht ganz unüblich, unrechtgläubigen Nachbarn die Radmuttern zu lösen, so dass sich das Rad beim Fahren verabschiedet.

Maarten t'Harts Fahrradunfall ist aber eher nicht auf einen konfessionell motivierten Sabotageakt zurückzuführen. Wenn jemand unter der Woche stirbt oder heiratet, springt er in dem durchgehend katholischen Warmond für den Gemeindeorganisten ein. Wobei es allerdings zu Abstimmungsschwierigkeiten kommen kann. Manches, etwa Messiaen, ist t'Hart zu schwer, und "Yesterday" von den Beatles findet der Popverächter "grenzwertig". Ansonsten ringt der passionierte Freizeitmusiker mit einem Grundsatzproblem: "In der Kirche Bach zu spielen, ohne an Gott zu glauben, ist schwierig. Aber wenn ich ,Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ' interpretiere, dann habe ich doch noch das Gefühl, dass man ihn eben anrufen kann - auch wenn er nie zurückruft. Die klassische Musik ist für mich eigentlich Religionsersatz."

Neben Bach, dem er ein eigenes Buch ("Bach und ich") gewidmet hat, schätzt t'Hart vor allem Schumann, Schubert und Wagner. Ein Text über die Sprache der Rheintöchter, den er für Bayreuth verfasste, war dem Intendanten Wolfgang Wagner dann aber wohl nicht ehrfürchtig genug.

Von seiner Primärausbildung her ist Maarten t'Hart eigentlich Verhaltensforscher; Spezialgebiet: der dreistachelige Stichling. "Für meine Studenten habe ich dann noch die Ratte dazu genommen. Die wollten ein Tier zum Streicheln haben." Einen Streichelzoo des Grauens plante Filmregisseur Werner Herzog seinerzeit in Delft freizulassen, um für den Film "Nosferatu" (mit Klaus Kinski in der Titelrolle) für entsprechende Atmosphäre zu sorgen. Die Behörden untersagten ihm allerdings die inszenierte Rattenplage, worauf Herzog mit den 10.000 in Ungarn billigst erworbenen Tierchen nach Lübeck auswich.

Maarten t'Hart wurde als Fachmann engagiert und attestiert Herzog auch große charismatische Austrahlung: "So wie man sich Jesus vorstellt." Der Umgang mit den armen Ratten aber entsetzt ihn, dessen Tierliebe auch im jüngsten Roman eine nicht unbedeutende Rolle spielt, noch heute: Ohne Wasser und Futter waren sie im Lastwagen in die Niederlande gekarrt worden und hatten sich schon während der Fahrt erheblich dezimiert. Da es sich um weiße Ratten handelte, ließ Herzog die Tiere umfärben, indem er sie käfigweise in grauer Farbbrühe versenkte. Was allerdings nicht sehr effektiv war, begannen sich die Tiere doch gleich danach wieder weiß zu lecken.

Klaus Nüchtern in FALTER 47/2004



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×