Geisterströmung. Gedichte

Brigitte Oleschinski


Kaum eine Autorin, die es besser versteht, mit Wörtern Lust zu evozieren, als Brigitte Oleschinski. Jetzt erhält die Lyrikerin den Erich-Fried-Preis.

Ich wüsste nicht, was leidenschaftlicher und klarer spricht als Gedichte", schrieb die 1955 in Köln geborene, in Berlin lebende Lyrikerin Brigitte Oleschinski in ihrem Essayband "Reizstrom in Aspik. Wie Gedichte denken". Gedichte seien jene profanen Ekstasen und Erleuchtungen, die unsere technisierte, entzauberte Welt kippen lassen. Die Orientierung verliert man im jüngsten Gedichtband "Geisterströmung", einem aus zahlreichen kurzen Wahrnehmungs- und Erinnerungssplittern bestehenden, hundertseitigen polyphonen Großgedicht, gleich am Anfang:
"auf dem Nachtrücken, rücklings nackt
(und)
die Raumstation tief am Horizont, die
Schlafhütte am Hang, das Genlabor, die
Notaufnahme, die Bankenzentrale ..."

Die Welt ist in dieser Nacht der Umarmung, der Liebe vielleicht, aus den Fugen geraten: Ein Termitenhügel befindet sich da, ein Helikopterlandeplatz, der Ort des Geschehens ist die Utopie des Gedichts. "Wo beginnt die Berührung?", fragt eine Stimme, deren Identität nicht ausgewiesen wird:
"die eigentliche Haut

schien aus Frottee zu sein, ein minzblauer
Stickstoff-BH, und mehr davon in den
Knautschlackzonen, formgepresst

zu winzigen

Schlingen."

Schließlich beginnt sich ein Geisterstrom an Wörtern zu lösen, der den Leser in ein Organ der Zerebralperistaltik verwandelt: "ich ist der Vogeldarm, durch den sie (die Bilder und Wörter, Anm.) reisen müssen". Ausdrücke wie "Chamäleonherz", "Savannendrift", "Menschenseide" oder "Weihwasserpantoffel" (was immer das sein mag) werden mit Bildern einer technizistischen Welt verschränkt: "Kontrollräume", "Konsolen der Welt", "Synapsen der Station". Die in ein unendliches Partikelgestöber zerschlagene Welt der Brigitte Oleschinski mit ihren ins Freie führenden, mitunter nicht endenden Satzteilen, enthält auch konventionelle Poetismen wie "aus Fenster stürzenden Kommas, klein wie Menschen", oder "tanzende Mückenprinzessin im Wärmeauftrieb zweier inbrünstig schwitzender Kissen".

Was dieses Hohe Lied der Lieder, um das es sich zweifellos handelt, zu einer atemberaubenden und zugleich problematischen Reise ins Herz der Finsternis macht, ist der "zunehmende Krieg": Ob das Gedicht die beschworenen killing fields der Weltgeschichte ("wenn in den Gräbern das Fett zu tauen / beginnt, ein dünner Aufstrich nur von Blauhelm-Margarine") tatsächlich notwendig hat, um seine ganze Kraft zu entfalten, ist fraglich. Wenn es später aber heißt
"Gas
war die älteste Stille der Welt",
wird es vollends abstrus. Über das nicht minder manierierte "begattet von Minaretten" mag man dann nur noch lachen. Sex und Tod, die düsteren Adler, umrauschen nachtlang dieses Haupt. Hiroshima - mon amour, gibt es schon, und schon dort war alles Kitsch.

Das Buch endet in einem Zirkelschluss:
"noch einmal
in der Achsel des Abend-
geruchs gehen: Geruch nach Gerste, Kamille und
Staub
und einem Blick nach oben: "ich
hört die Gecko Hände an den Wänden der Decke." An dieser Stelle wird nicht nur klar, dass man das Buch auch von hinten nach vorne lesen kann. Das Ganze beschreibt einen einzigen Moment des Schauens und Hörens aus Raum und Zeit hinaus, den Eintritt in jenen anthropologisch fremdartigen Zustand, den allein das Gedicht hervorzurufen vermag: die Fülle der Zeit, die weder Anfang noch Ende hat, das Ruhen in sich selbst. Brigitte Oleschinski hat diesen Zustand einmal so charakterisiert: "Mehr Körper. Mehr Entschiedenheit. Mehr Lust, mehr Intensität."

"Geisterströmung", eine emphatische Montage aus Archaismen und Modernität (die an zahlreichen Stellen Paul Celan - allerdings weniger neurotisch, dafür umso erotischer - anklingen lässt), vermittelt den berauschenden Charakter dieses Zustandes auf ziemlich eindringliche Weise. Gedichte wollen nicht nur geschrieben oder gelesen, sondern auch gelebt sein.

Erich Klein in FALTER 46/2004



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