Die neuen Kreuzzüge. Die arabische Welt und die Zukunft des Westens

Gilles Kepel


Gilles Kepel, französischer Dschihadistenexperte, über den Terror der Islamisten, den Aufstand im Irak, die Ähnlichkeit zu Baader-Meinhof sowie die Frage, ob die Islamisten in der Offensive oder in der Defensive sind.

Gilles Kepel, 49, ist einer der besten Kenner der militanten Islamistenszene. Seit seinem "Schwarzbuch des Dschihad" ist der Professor am Pariser Institut d'Etudes Politiques auch hierzulande eine feste Größe. Kepel stellte kürzlich sein neues Buch, "Die neuen Kreuzzüge", am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen vor.

Falter: In ihrem "Schwarzbuch des Dschihad" haben Sie die Krise des Islamismus analysiert. Nunmehr scheinen Sie nicht mehr so sicher zu sein, ob die Dschihadisten nicht aus dieser Krise herausgekommen sind.

Gilles Kepel: Ich bin mir aber auch nicht so sicher, ob sie jetzt so viel besser dastehen ...

Falter: Sie agieren in Augenhöhe mit einer Supermacht. Das gibt doch Bedeutung: With a little help from their enemies, könnte man sagen.

Gilles Kepel: Im Dezember 2001 hat Ayman al-Zawahiri, der zweite Mann hinter Osama bin Laden, ein kleines Pamphlet geschrieben: "Ritter unter dem Banner des Propheten". Nach den Niederlagen, die der Dschihad in den Neunzigerjahren einstecken musste, so seine Überzeugung, müsse man ihm neues Feuer zuführen. In den Neunzigerjahren hätte die Avantgarde der Umma nicht die richtige Sprache gefunden, um die Massen zu erreichen, so sein Urteil.

Falter: Wohin ging der Strategiewechsel?

Gilles Kepel: Die neue Strategie war die Bekämpfung des "fernen Feindes" statt des "nahen Feindes". Interessant ist: Zawahiri kommt aus Ägypten, die Beispiele, die er bringt, beziehen sich vorwiegend auf Ägypten. Der Krieg gegen das Mubarak-Regime hat in furchtbaren Blutbädern und am Ende mit der Niederlage der Dschihadisten geendet. Darum die neue Konzentration auf den "fernen Feind" - in diesem Fall die USA -, ein Strategiewechsel, der mit 9/11 für jedermann sichtbar wurde. Das Ziel war, mit spektakulären Aktionen die Massen aufzurütteln, die mit dem Kampf gegen den "nahen Feind" so offensichtlich nicht erreicht werden konnten.

Falter: Das hat doch ganz gut geklappt, oder?

Gilles Kepel: Das ist doch fraglich, finde ich. Die Macht haben die Dschihadisten jedenfalls nirgendwo übernommen. Im Gegenteil, das Talibanregime, das ihnen freundlich gesonnen war, wurde gestürzt. Und nun ist Folgendes interessant: Mit den Anschlägen von Taba vor einigen Wochen schwingt das Pendel zurück, der Dschihad kommt zurück nach Ägypten. Das waren immerhin die ersten großen terroristischen Aktivitäten seit 1997, die Ägypten trafen. Möglicherweise hat sich die Orientierung auf den "fernen Feind" doch als kurzlebig und ineffizient erwiesen.

Falter: Aber alles in allem scheint es doch so zu sein: Die Dschihadisten sind, weil sie vor allem Amerika und Israel ins Visier nehmen, bei weitem nicht mehr so isoliert von den muslimischen Massen.

Gilles Kepel: Das ist die große Frage. Das ewige Problem des Terrorismus ist: Wie übersetzt man Gewalt in politischen Erfolg? Betrachten wir es einmal aus ihrer Perspektive. Was waren die Rückschläge und was waren die Fortschritte nach dem 11. September? Die Rückschläge: Sie haben die Talibans verloren. El Kaida ist schwer angeschlagen, auch wenn al-Zawahiri und wahrscheinlich auch Osama bin Laden am Leben und in Freiheit sind. Andererseits sind ihnen eine Reihe spektakulärer Anschläge gelungen, in Bali, Casablanca, Istanbul, Madrid. Sicherlich haben sie den Kreis ihrer Sympathisanten ausgeweitet. Ob sie die Massen erreichen können, ist ein anderes Thema.

Falter: Spielt nicht der Aufstand im Irak eine Schlüsselrolle?

Gilles Kepel: Der Irak sollte das neue Land des Dschihad werden. Das ist ganz klar. Aber ist er es? Oder ist er nicht eher das Land der Fitna - auf arabisch für Chaos, Zerwürfnis, Zerfall der Gesellschaft? Fitna ist traditionell der Albtraum der Ulema, der islamischen geistlichen Führung. Die Frage ist schon, ob die durchschnittlichen Iraker eher dem Dschihad zustimmen, weil er sich gegen die Amerikaner richtet, oder ob sie sich eher gegen die Gewalt wenden, weil diese die gesamte Gesellschaft zerstört. Das alles ist sehr ambivalent und schwer einzuschätzen. Aber wir dürfen auch nicht vergessen: Diese Dschihadstrategie hat, wenn überhaupt, nur in den sunnitischen Regionen eine Chance. Diese erinnern sehr stark an die Regionen Algeriens, in denen die Dschihadisten in den Neunzigerjahren stark waren. Und die sind, wie wir wissen, untergegangen, weil sich die Gesellschaft gegen sie gestellt hat.

Falter: Aber im Irak könnte das anders sein: Hier haben die Dschihadisten die Chance, ihre Ziele mit denen eines nationalistischen Aufstands gegen eine Besatzung zu verbinden.

Gilles Kepel: Ja, und das ist gewiss das, was sie versuchen. Das ist es ja übrigens auch, was sie in Hinblick auf Israel versuchen. Gegen Amerika, gegen Israel, das sind die beiden Parolen, mit denen die Dschihadisten bei der einfachen Bevölkerung punkten können. Aber wiederum ist es in beiden Fällen nicht leicht, das in politischen Erfolg zu übersetzen.

Falter: Wenn man die Texte liest, aus denen Sie in Ihrem neuen Buch zitieren ("Die neuen Kreuzzüge", Piper Verlag), etwa den von al-Zawahiri, dann fühlt man sich stark an westliche Revolutionstheorien erinnert. Wie stark sind die Dschihadisten von diesen beeinflusst? Immerhin ist da von der Avantgarde die Rede und von der Sorge, sie könne sich von den Massen isolieren. Das klingt ja wie bei ...

Gilles Kepel: ... Baader-Meinhof ...

Falter: ... oder auch wie bei Lenin!

Gilles Kepel: In den Siebzigerjahren waren Gruppen wie die RAF oder die Roten Brigaden der Meinung, die Massen wären in tiefem Schlaf versunken, die Avantgarde müsse sie wachrütteln. Daran fühlt man sich mit Recht erinnert. Andererseits spielen Islamisten auf einem viel größeren Klavier. Sie bieten ganzen Kohorten junger, verarmter, zukunftsloser Menschen eine Weltanschauung an.

Falter: Ist diese Gedankenreihe von Avantgarde, Massen, Intervenieren um Bewusstseinschaffen et cetera etwas, wohin jede radikale Formation gleichsam automatisch kommt, oder sind die Dschihadisten buchstäblich vom den modernen Revolutionstheorien beeinflusst?

Gilles Kepel: Schwierige Frage, die ich mir selbst schon oft gestellt habe. In jedem Fall ist Letzteres bei jenen Dschihadisten der Fall, die von dem ägyptischen Islamisten Sayyed Qutb beeinflusst sind. Der wird viel rezipiert. Al-Zawahiri steht eindeutig in seiner Tradition. Qutb hat viel westliche Politstrategie - um das nicht Theorie zu nennen - in die arabische Welt transformiert. Er hat sich das Nützliche herausgefiltert, und es gewissermaßen grün übermalt. Auf der anderen Seite haben wir auch die salafistische Tradition, die bin Laden offenbar viel stärker geprägt hat - die ist eigentlich überhaupt nicht daran interessiert, was in der westlichen Geisteswelt so vor sich geht.

Robert Misik in FALTER 46/2004



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