Später Ruhm. Novelle

Wilhelm Hemecker, David Österle, Arthur Schnitzler


Was soll man tun mit "Später Ruhm"?

Arthur Schnitzlers nun erstmals veröffentlichte Novelle "Später Ruhm" sorgt für heftige Kontroversen

Schon lange hat ein Stück Literatur, das bereits 120 Jahre auf dem Buckel hat, nicht mehr für so viel Aufsehen gesorgt wie Arthur Schnitzlers bislang unveröffentlichte Novelle "Später Ruhm". Als der Zsolnay-Verlag die "sensationelle Entdeckung" Anfang Mai mit einer Pressemeldung ankündigte, langten innerhalb von zwei Stunden 260 Anfragen ein: vom Mostviertel Basar bis zu Le Monde. Eine Woche vor Erscheinen brachte die FAZ einen Teilabdruck und gelangte zu dem Urteil, dass "schon sehr viel mehr vom großen Schnitzler in dieser Novelle zu erkennen (sei), als ihr Verfasser selbst geahnt haben dürfte".
Mit Heranrücken des Veröffentlichungstags, des 17. Mai, wurden allerdings auch die skeptischen Stimmen lauter. In der Tiroler Tageszeitung widersprach die Germanistin und Präsidentin der Arthur-Schnitzler-Gesellschaft, Konstanze Fliedl, der These vom "Sensationsfund" vehement. Dass sich die Novelle im Schnitzler-Nachlass in Cambridge befinde, sei seit über 40 Jahren bekannt. Dort heißt sie allerdings "Die Geschichte vom greisen Dichter".

"Das wäre mir schon sehr unsexy vorgekommen", erklärt Zsolnay-Chef Herbert Ohrlinger, warum er den von Schnitzler schlussendlich gewählten Titel nicht übernommen habe. Der für eine erste Skizze gewählte "Später Ruhm" habe das gleiche Gewicht, von einer "Mogelpackung" könne also keine Rede sein: "Es ist ein wunderbarer, unbekannter Schnitzler-Text, der nur Forschern zugänglich war, die nach Cambridge fahren." Zwei von ihm im Sommer 2013 konsultierte Spezialisten hätten zwar von dessen Existenz gewusst, ihn aber nicht gekannt. Die heftigen Vorwürfe, die Volker Breidecker in der Süddeutschen Zeitung (16.5.) erhoben hat, findet Ohrlinger "absurd, rätselhaft und überzogen".
In seiner extensiven, bis in die feinsten Verästelungen der Veröffentlichungsgeschichte vordringenden Fundamentalkritik des ganzen editorischen Unterfangens zweifelt Breidecker sowohl die Lauterkeit der beiden Herausgeber, Wilhelm Hemecker und David Österle, als auch die Authentizität bzw. Beweiskraft der von diesen ins Spiel gebrachten Dokumente an und sieht in der Veröffentlichung von "Später Ruhm" die Nachlassverfügung des Autors verletzt.
Auch wenn sich die Indizienkette, die Breidecker mit detektivischem Interesse an Handschriften und Schreibmaschinentypen entwickelt, der Überprüfbarkeit durch Außenstehende entzieht, lässt sich der Vorwurf einer tendenziösen Vorgangsweise der Her­ausgeber schon nachvollziehen. In ihrem Nachwort zitieren diese etwa frühe, wohlwollende Äußerungen des Autors ("nicht übel gelungen", "einige sehr gute Stellen"), ignorieren aber – wie man mittlerweile auch auf einer laufend aktualisierten Wikipedia-Seite zu "Später Ruhm" nachlesen kann –, dass dieser schon ein Jahr später zu einem völlig anderen Urteil gelangte: "verstimmt über ,den greisen Dichter', den ich durchlas und der mir höchlichst mißfiel".
Dem "Normalleser" können all diese philologischen Spitzfindigkeiten natürlich egal sein. Auch kommt den Autoren nicht automatisch höchste Autorität in eigener Sache zu. Hat sich Arthur Schnitzler am Ende geirrt?
"Später Ruhm" erzählt von dem betagten Beamten Eduard Saxberger, den seine schriftstellerische Vergangenheit, mit der er längst abgeschlossen hat, auf völlig unerwartete Weise einholt: Ein junger Autor namens Wolfgang Meier wird eines Tages bei Saxberger vorstellig und beteuert in devoten Worten nicht nur die eigene, sondern die Begeisterung eines ganzen Literatenkreises für die "Wanderungen", eine Gedichtsammlung, die Saxberger vor Jahrzehnten publiziert hat, ohne dass dies in der literarischen Öffentlichkeit allzu große Wellen geschlagen hätte.
Zögerlich lässt sich Saxberger, dem das unvermutete Interesse an seiner Person natürlich auch schmeichelt, hofieren, hängt mit der ebenso ehrgeizigen wie erfolglosen Entourage im Kaffeehaus ab, sagt seine Teilnahme an einem Vortragsabend zu, mit dem die "Begeisterung", wie sich die Gruppe nennt, endlich die Aufmerksamkeit zu gewinnen hofft, die ihr der eigenen Auffassung nach zusteht.
Erzählt wird das in der dritten Person und aus Saxbergers Perspektive, die sich vielfach in erlebter Rede artikuliert und nur an wenigen Stellen von auktorialen Kommentaren unterbrochen wird. Die wehmütigen, um nicht zu sagen: rührseligen Passagen, in denen der Protagonist der eigenen Jugend nachsinnt ("die blassen, süßen Gesichter!"), werden von satirischen Einschüben konterkariert, die die Ambitionen der Literatenclique auf die Schaufel nehmen: ",Dieser Mensch da (…) schreibt Dramen, hauptsächlich historische in fünf Akten.' Christian unterbrach ihn. ,Es sind nicht immer fünf Akte, sie sind auch nicht immer historisch. Ich schreibe, wozu es mich drängt. Es drängt mich eben meistens zu historischen Dramen.'"
Das ist stellenweise ziemlich witzig, insgesamt aber auch recht durchschaubar. Kein Leser, der seine sieben Zwetschken beinanderhat, wird auf diese Truppe selbstgefälliger Leider-nein-Genies hereinfallen, und die Frage, ob diese nach real existierenden Vorbildern (Hugo von Hofmannsthal?!) modelliert wurden, macht die Sache auch nicht interessanter.

Das Problem der Novelle ist ihr Protagonist: ein freundlicher älterer Herr, der eigentlich schon mit allem abgeschlossen hatte und sich auch von einer eit­len, koketten und anstrengend anlassigen Schauspielerin (Adele Sandrock?) nicht aus der Spur seines ereignisarm dahinziehenden Lebensabends bringen lassen möchte. Das ist naturgemäß nur mäßig spannend.
Fünf Jahre vor "Später Ruhm" hat Anton Tschechow ebenfalls einen älteren Herrn in den Mittelpunkt einer Geschichte gestellt. Professor Nikolaj Stepanovič Soundso erzählt freilich in der ersten Person, und er hat – anders als Saxberger, der insgesamt ein bisschen vertrottelt wirkt – einen scharfen Verstand, der ihm die eigene Unleidlichkeit und die seiner Mitmenschen gnadenlos ausleuchtet.
Aber gerade deswegen bringt ihm der Leser mehr Empathie entgegen als dem arglosen Saxberger. Und im Unterschied zu "Später Ruhm" ist Tschechows grandiose Erzählung nur dem Titel nach "Eine langweilige Geschichte". Man sollte sie wieder einmal zur Hand nehmen.

Klaus Nüchtern in FALTER 21/2014



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