Die Gesellschaft des Terrors. Innenansichten der Konzentrationslager Dachau und Buchenwald

Paul M. Neurath, Hella Beister


Nach sechzig Jahren erschienen: Paul M. Neuraths hellsichtige soziologische Erinnerungen an seine schreckliche Zeit im KZ.

Nicht bewegen, oder ihr werdet erschossen! Nicht aus dem Fenster schauen, oder ihr werdet erschossen! Mund zu, oder ihr werdet erschossen!" Mit diesen Drohungen schikanierte der SS-Mann im Zug die ersten 150 Österreicher, die am 1. April in das Konzentrationslager Dachau gebracht wurden; es war der so genannte Prominententransport, in dem sich führende Repräsentanten des Ständestaats ebenso befanden wie Sozialdemokraten und Juden, deren Verwandte erpresst werden sollten.

Einer der 150 "Auserwählten" war der damals 27-jährige Paul Martin Neurath, der, womöglich bloß wegen einer Verwechslung mit seinem Vater, dem sozialistischen Philosophen, Ökonomen und Museumsgründer Otto Neurath, verhaftet und am Westbahnhof in den Zug zur Hölle hineingeprügelt worden war. Die nächsten 14 Monate wurden für den eben promovierten Juristen zur härtesten Erfahrung seines Lebens. Als "politischer Jude" ging er durch den Terror der Konzentrationslager von Dachau und Buchenwald, ehe er Ende Mai 1939 aufgrund eines Ausreisevisums und Interventionen seiner damaligen Freundin entlassen wurde.

Neurath flüchtete in die USA, studierte in New York Soziologie und promovierte 1943 mit einer Studie über die Konzentrationslager. Nun, drei Jahre nach Neuraths Tod, erscheint sie nicht nur erstmals auf Deutsch, sondern auch erstmals als Buch. Denn Mitte der Vierzigerjahre wollte man Neuraths hellsichtige Analysen des KZ-Systems nicht mehr drucken: Sie waren nicht mehr spektakulär genug, weil Neurath den erst nach seiner Entlassung eingerichteten Vernichtungslagern und der eigentlichen Shoa entgangen war.

Heute, sechzig Jahre danach, erscheint Neuraths unakademische Analyse womöglich aktueller als damals, ist sie doch beides: authentischer persönlicher Erfahrungsbericht und distanziert-nüchterne Analyse des Terrors in den Konzentrationslagern. Als ehemaliger Häftling schildert Neurath die permanenten Grausamkeiten, Gewalttätigkeiten und Demütigungen des KZ-Alltags, als angehender Soziologe reflektiert er das von der SS aufgezogene System des Grauens. Besondere Aufmerksamkeit widmet Neurath der Frage, warum es so wenig Widerstand unter den Insassen der Konzentrationslager gab. Seine ausführliche Antwort, die auch auf selbst Erlebtem beruht, ist einleuchtend: Noch vor der Einlieferung in die Lager wurden die Opfer systematisch mental gebrochen, indem sie ständiger brutaler Gewalt und permanenten Gewaltandrohungen ausgesetzt waren - so wie Neurath und seine 149 Leidensgenossen beim Transport nach Dachau und davor.

Durch die Arbeiten des italienischen Philosophen Giorgio Agamben ist der Begriff des Konzentrationslagers für Analysen der Gräuel der Gegenwart fruchtbar gemacht worden. Neuraths wichtiges Buch scheint indes eher zu verdeutlichen, was die Philosophin Hannah Arendt schon 1948 kategorisch behauptet hatte: "Es gibt keine Parallele zu dem Leben in Konzentrationslagern."

Klaus Taschwer in FALTER 45/2004



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