Feel. Robbie Williams

Chris Heath, Katharina von der Leyen


Die Wahrheit, irgendwie: Chris Heath schaut Robbie Williams beim Leben zu.

Nein, ich versuche nicht, meine sensible Seite zu verstecken", erzählt Robbie einer japanischen Radiomoderatorin. "Eigentlich bin ich viel zu sensibel. Wirklich. Ich verbeule ganz leicht." Die Biografie des größten Popstars der vergangenen Jahre liest sich mitunter wie ein Begleitbuch für Psychotherapeuten in Ausbildung: Robbie ist depressiv, Robbie kann nicht schlafen, Robbie ist zornig, Robbie bekommt neue Medikamente, Robbie redet auch mal darüber.

Aber nur, solange er will. Schon im nächsten Moment kann seine Stimmung umschlagen. "Starbucks", antwortet er dann gelangweilt auf die tiefenpsychologisch ausgefuchste Journalistenfrage, an welchem Ort er sich denn am wohlsten fühle. Wieder ein paar Sekunden später wird er in eine seiner affigen Fernsehentertainer-Parodiestimmen verfallen. Das heißt dann: Robbie möchte jetzt nicht über sich sprechen, würde es im Augenblick überhaupt vorziehen, nicht Robbie sein zu müssen. Viel lieber als Promotionstermine zu absolvieren, würde er pausenlos am Computer Fußballmanager spielen, wie es ein dreißigjähriges Kind mit vorgezogener Midlifecrisis eben so tut.

"Die Wahrheit steht hier drin - irgendwo", hat Robbie Williams über seine erste offizielle Biografie "Feel" verlautbart. Bis zum Ende gelesen haben wird sie der Sänger mit der notorisch kurzen Aufmerksamkeitsspanne wahrscheinlich eher nicht. Mit über 600 Seiten bietet das Buch nämlich der Wahrheit eine Menge Platz, sich zu verstecken. Chris Heath, eines der einsamen Lichter des Musikjournalismus und Autor zweier wunderbarer Bücher über die Pet Shop Boys, hat den König der leichten Unterhaltung über ein Jahr lang begleitet, hat zugehört, mitgeschrieben und daraus Anschauungsmaterial über eine multiple Persönlichkeit unserer seltsamen neuen Starkultur kompiliert.

Das - irgendwie zu erwartende - Ergebnis: Robbie, das ist nicht einer, das sind viele. Auf der Suche nach dem wahren Ich seines Auftraggebers wird Heath, der meist den stummen Beobachter spielt und die sich tagtäglich ereignenden Absurditäten um Robbie Superstar überwiegend unkommentiert lässt, nicht fündig. Er beschreibt ihn eher als die Summe seiner Gegensätzlichkeiten, als apathisch und getrieben, tiefgründig und seicht, als Rotzbuben und Charmeur. Und er versucht natürlich, hinter das Geheimnis des begnadeten Entertainers zu blicken, wegen dem man sich für Robert Peter Williams überhaupt erst interessiert.

"Meine Kunst, wenn man so will", sagt Robbie, "besteht darin, mich hundertfach größer zu machen, als ich bin, und die Leute dazu zu bringen, mir das abzunehmen. Wenn mein echtes Ich da jeden Abend auf der Bühne seine Show abziehen würde, wäre das ziemlich langweilig." Sein echtes Ich? Vielleicht haben wir ja doch was überlesen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 45/2004



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