Chronicles. Die Autobiografie

Bob Dylan


Die "Masters of War" als Kinder der "Seeräuber-Jenny": Im ersten Band seiner "Chronicles" legt Bob Dylan so manchen Bluff offen.

Schon nach den ersten zwei Seiten der Lektüre dieses ersten Bands von Bob Dylans "Chronicles" verspürt man eine mächtige Erleichterung. Der Autor hat sich gerade erfolgreich durch eine Schilderung eines Wintertags im Manhattan der frühen Sechzigerjahre manövriert, die Klischees der dampfenden Kanaldeckel mit den Hasenfellohrenschützern der Passanten kontrastiert und einen geistigen Kameraschwenk ins Büro des Musikverlegers Lou Levy vollführt, wo sein jüngeres Ich nervös an einer Gitarre herumfummelt. Die größte aller Befürchtungen wird von dem eisig kalten New Yorker Wind, der spürbar durch diese Zeilen weht, eindrucksvoll weggeblasen: Dylan wird seinen Ruf nicht ruinieren, er kann Prosa.

Dass Dylans Erzählung sich nicht der Chronologie der Ereignisse unterwirft, hat nichts mit einem Mangel an Disziplin zu tun. Die von sprunghaften Szenenwechseln zerfetzten Erzählstränge dienen vielmehr zur mutwilligen Frustration unserer Neugier, wie schon die nächste Szene des Eingangskapitels illustriert: Gerade erst hat er seinen Plattenvertrag gekriegt, da erzählt der Sänger seinem Publicitybetreuer bei Columbia Records auch schon die wildesten Raubersgschichten über den Rauswurf durch seine Eltern, den anschließenden Bauarbeiterjob in Detroit und darüber, wie er in einem Frachtwaggon nach New York gekommen wäre. Alles Geschwafel, wie Dylan seinen Lesern mit schmeichelhaftem Zwinkern anvertraut. Und überhaupt: Es sei kein Frachtzug, sondern eine Limousine gewesen.

Die Antwort auf die in der Luft liegende Kernfrage, wie Robert Zimmermann nun wirklich zu Bob Dylan wurde, hebt der hinterfotzige Kerl sich allerdings erst recht für später auf. So wie die zeitgleich erscheinende Gesamtausgabe seiner Lyrics beweisen die "Chronicles", wie einer auf nicht einmal 300 Seiten wortreich sein kann, ohne sich zu verplappern. Wer in seiner Autobiografie die Gefährdung seiner Privatsphäre durch seine dreisten Jünger und die noch dreistere Journaille beklagt, fordert naturgemäß den Vorwurf der Heuchelei heraus, aber Dylans Schreibe ist tatsächlich ein Musterbeispiel nobler Diskretion. Im Gegensatz zu seinen untergriffigen Attacken auf Joan Baez aus der "Highway 61"-Ära beschränkt er sich hier ganz auf den wesentlichen Aspekt dieser Beziehung: Seine beinahe religiöse Bewunderung für ihre außerordentlichen Fähigkeiten als glaubhafte Folksängerin und hervorragende Gitarristin. Die vergleichsweise belanglosen persönlichen Details ihrer Affäre hingegen bleiben völlig zu Recht unerwähnt. Anstatt Voyeure zu befriedigen, porträtiert sich Dylan lieber als beflissener Ernährer und Familienvater, ohne auch nur ein einziges Mal den Namen seiner Frau oder seiner Kinder zu erwähnen - ein Gestus, der ihm zwangsläufig das Antlitz eines Patriarchen alter Schule verleiht.

Dylans Weigerung, als Sprachrohr seiner Generation zur Verfügung zu stehen, wurde rund um das Erscheinen der "Chronicles" zum großen Thema stilisiert. Dabei lässt sich aus heutiger Sicht die seinerzeitige Hysterie um Dylans Wortgewalt ohnehin kaum mehr nachvollziehen, und das Ausbleiben der Weltrevolution wird ihm auch niemand mehr ernsthaft anlasten. Der von vielen Rezensenten geäußerte Vorwurf, Dylan gebe in den "Chronicles" nichts von seinem Mysterium preis, erweist sich indessen als vollkommen haltlos. Selbst wenn er auf die Auslegung so manch kryptischer Textzeilen verzichtet, lässt sich Dylan etwa zu dem viel sagenden Eingeständnis hinreißen, dass er den in "Desolation Row" erwähnten Ezra Pound nie gelesen habe. In einer der witzigsten Szenen des Buchs bestätigt der belesene Schriftsteller Archie MacLeish dem ahnungslosen Songschreiber, dass er genau verstehe, was dieser mit seiner Anspielung auf Pound und TS Eliot gemeint habe. Auch wenn Dylan seine coolen Bluffs bewusst und bereitwillig offen legt, bleibt in den "Chronicles" noch Platz für unfreiwillige Komik: Ausgerechnet der berüchtigt hermetische Songwriter bezeichnet James Joyce wegen dessen Unverständlichkeit als "einen der arrogantesten Männer, die je gelebt" hätten.

Dylans künstlerischer Selbstfindung widmen sich die "Chronicles" in aller wünschenswerten Genauigkeit: Sie reicht von der Entdeckung Woody Guthries über die Lehrjahre im Greenwich Village bis zu jener lebensverändernden Aufführung von Brecht/Weill-Songs, zu der der Provinzjüngling eines Abends von seiner Freundin Suze Rotolo mitgenommen wird. Er ist schwer beeindruckt davon, wie das bourgeoise Publikum sich vom Text der "Seeräuber-Jenny" bedroht fühlt, analysiert den Song bis in die kleinsten Details und überlegt genau, wie er dessen Potenzial für die Erschaffung einer bislang noch nicht existierenden Songform nutzen kann. Wenig später kommt der Einfluss der existenziellen Poesie des Bluessängers Robert Johnson dazu, und Dylan hält alle Fäden in der Hand, die er braucht, um daraus Songs wie "Gates of Eden", "Masters of War" oder "A Hard-Rain's A-Gonna Fall" zu knüpfen.

Dennoch lässt sich der Prozess des Schreibens nicht so ohneweiters entmystifizieren: In einer Rückblende in die späten Achtziger bekennt Dylan, dass es damals nicht mehr in seiner Macht stand, Songs der oben erwähnten Größenordnung zu schreiben. "Ich hatte es einmal getan, einmal war genug." Dafür seien nun andere zuständig, jene, die die "Wahrheit der Dinge" zu sehen vermögen - die ehrliche, aber ernüchternde Erkenntnis des Verlusts der eigenen Relevanz.

Robert Rotifer in FALTER 45/2004



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