Baron von Teive. Die Erziehung zum Stoiker

Fernando Pessoa, Inés Koebel


Der 1888 geborene Fernando Pessoa war eine gespaltene Persönlichkeit. Er erfand eine ganze Reihe an Pseudonymen, die alle ihre eigene Biografie verpasst bekamen. Die einzelnen, meist lebensuntüchtigen Ichs diktieren den Editionsplan der Werkausgabe des Ammann-Verlags, die erstmals alle Texte des trinkenden Melancholikers auf Deutsch zusammenführen wird. Eine der bislang unbekannten Abspaltungen ist das Prosafragment "Die Erziehung zum Stoiker" aus der Feder des beinamputierten 20. Baron von Teive, Alvaro Coelho de Athayde, den Pessoa 1932 der Literaturgeschichte unterjubeln wollte. Keine seiner Deckidentitäten litt so stark unter der selbst gewählten Unerträglichkeit seiner Existenz wie der adelige Selbstmörder. Mit fatalistischen, ob ihrer Analysebesessenheit schmerzhaft masochistischen Reflexionen über ein Leben ohne Glück und Sex martert der Baron sein Publikum - eine Qual, die nur für obsessive Pessoa-Leser zu ertragen ist.

Nicht minder nihilistisch, aber durchgehend lebensbejahend, geben sich die Gedichte von Alberto Caeiro. Die prosaisch schnörkellose "Poesie" des "Meisters", den Pessoa zu Recht für einen seiner wichtigsten Alter Egos hielt, negiert Vers um Vers, dass sich unter der Oberfläche des Sichtbaren etwas Entdeckenswertes befinden muss, etwas geheimnisvoll Metaphysisches. Caeiro feiert die bloße Existenz von Mensch, Natur und Gegenstand in magisch banalen Sätzen:
"Der einzige innere Sinn der Dinge
Ist, dass sie keinen inneren Sinn besitzen." In einem fiktiven Interview theoretisiert Caeiro: "Ich stelle fest, dass Bäume, Flüsse und Steine Dinge sind, die wirklich existieren. Auf diesen Gedanken war noch nie jemand gekommen. Die anderen Dichter haben die Natur besungen und sie sich unterworfen, als seien sie Gott; ich besinge die Natur und ich unterwerfe mich ihr, nichts deutet auf meine Überlegenheit hin, denn sie schließt mich ein, ich entstehe aus ihr." Keiner hat den reinen Materialismus mit mehr Überzeugung gepredigt. Vorsicht: Dieses Buch führt zu Suchterscheinungen.

Martin Droschke in FALTER 45/2004



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