Ketzer

Leonardo Padura, Hans-Joachim Hartstein


Fidel Castro kann nicht tanzen

In "Ketzer" schließt Krimiautor Leonardo Padura einen abenteuerlichen Raubkunstplot mit Kritik am sozialistischen Kuba kurz

Man sollte meinen, das ginge gar nicht: ein Mix aus Kuba-Krimi und Raubkunst, Rembrandt und Holocaust, aus Künstlerroman und Historienschmöker plus Revolutionskritik nach 50 Jahren Sozialismus made in Havanna. Es geht aber doch, und sogar überraschend glatt und krampflos.
Leonardo Padura, der nur vier Jahre älter ist als Fidel Castros Revolution von 1959 und trotz aller Kritik an Kubas Misswirtschaft und Systemfehlern auch weiterhin lieber in Havanna als in Miami lebt, ist ein Autor mit überbordendem Erzähltemperament. Sein Credo: Warum nur einen Roman schreiben, wenn man auch drei oder mehr Romane in ein einziges Buch packen kann?
Und genau dieser Vorsatz liegt seinem jüngsten Roman "Ketzer" zugrunde. Dar­in verquickt Padura recht unbekümmert eine jüdische Emigrationsgeschichte und einen Kunstthriller um ein enteignetes Rem­brandt-Gemälde mit einem Barockroman über das Goldene Zeitalter der Niederlande sowie einem gesellschaftskritischen Havanna-Krimi.

Damit das alles nicht auseinanderfliegt, braucht es eine solide Klammer. Als Leitmotiv dient dem Autor dabei ein verschollenes Jesus-Porträt aus Rembrandts berühmter Serie von Christus-Köpfen "nach dem Leben", für die ein junger Amsterdamer Jude Modell gesessen hat.
Das Gemälde hält als Dingsymbol den ausufernden Großschmöker zusammen und verleiht ihm Struktur. Padura erzählt die Odyssee dieses Christus-Porträts in chronologischen Sprüngen und folgt den einzelnen Stationen von dessen abenteuerlicher Irrfahrt im Zickzack durch die Jahrhunderte – von Rembrandts Amsterdamer Atelier im Jahre 1645 über Kleinrussland, Krakau, Havanna, Miami und ein Londoner Auktionshaus bis zur Ankunft im Holocaust-Museum in Washington.
Wobei Padura das Schicksal dieses Rembrandt-Bildes immer mit dem Schicksal der Juden verknüpft. Er erfindet einen Sepharden namens Elias Ambrosius, einen Schüler Rembrandts, der dem Meister für das Antlitz Christi Modell sitzt und dafür von der jüdischen Gemeinde in Amsterdam als Ketzer ausgeschlossen wird. Das Jesus-Bild, ein Abschiedsgeschenk Rembrandts, nimmt er mit ins Exil. Auf Umwegen gelangt das Gemälde schließlich in den Besitz der Krakauer jüdischen Familie Kaminsky, die es jahrhundertelang als Familienreliquie bewahrt, ehe es die Nachkommen auf der Flucht vor den Nazis nach Havanna verschlägt, wo ihnen ein korrupter kubanischer Polizist das Bild gegen das Versprechen abluchst, ihnen würde Asyl auf der Insel gewährt. Doch die Kaminskys werden betrogen, ihr Schiff wird nach Deutschland zurückgeschickt; sie kommen im Holocaust um. Das Gemälde bleibt verschwunden. Bis es Jahrzehnte später bei einer Londoner Auktion auftaucht.
Auftritt Comisario Mario Conde. Der Ex-Polizist, Antiquar und Privatschnüffler, der als Protagonist bereits in zahlreichen Romanen Paduras aufgetaucht ist, vor allem in der Krimireihe "Das Havanna-Quartett", begibt sich auf Spurensuche: Wer ist der unrechtmäßige Eigentümer des Bildes, der es nach London gebracht hat? Und wo sind die rechtmäßigen Erben dieses Raubkunstwerks, die überlebenden Kaminskys?

Mit Conde, dem pfiffigen Überlebenskünstler und Alter Ego seines Autors, kommt auch das heutige Kuba ins Spiel, denn der Detektiv recherchiert die genauen Umstände eines der dunkelsten Kapitel der kubanischen Zeitgeschichte: 1939 verweigerte die kubanische Regierung dem mit 900 jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland besetzten Schiff St. Louis die Erlaubnis, im Hafen von Havanna einzulaufen, weil diese die plötzlich geforderte halbe Million Dollar für die Einreise nicht aufbringen konnten. Das bringt Conde auf die Spur der korrupten Geschäfte einer kubanischen Kleptokratie, deren Bereicherungsgier unter dem einstigen Diktator Batista genauso groß ist wie später unter Fidel Castro.
Padura zeichnet Conde und seine trinkfesten Freunde als exemplarische Kubaner ganz nach seinem Herzen: desillusioniert, aber lebensfroh in ihrem schlampigen Laisser-faire, skeptisch gegenüber allen politischen Parolen, aber einander loyal, stets zu Fress- und Saufgelagen aufgelegt und nüchtern nur im Misstrauen gegen alle patriotischen Appelle, die Verzicht und Opfer einfordern im Namen einer leuchtenden sozialistischen Zukunft, die nie kommt.
Und damit erklärt sich auch der Titel des Romans. Es geht dem Autor um die individuelle Freiheit, die von den Rechtgläubigen jeglicher religiösen oder politischen Konfession stets verketzert wird. Seine Sympathie gehört den Häretikern durch alle Zeiten hindurch, den Ketzern, die sich allen Orthodoxien verweigern, sich auf eigenes Risiko den Uniformierungszwängen entziehen und den geistlichen und weltlichen Autoritäten den Gehorsam verweigern.
So gesehen ist auch Rembrandt ein Ketzer, wenn er Jesus ein menschliches, ein jüdisches Antlitz gibt. Sein Schüler Elias ist ein Ketzer, wenn er dem jüdischen Bilderverbot zuwiderhandelt und Maler wird. Der überlebende Daniel Kaminsky fällt vom jüdischen Glauben ab und wird zum Ketzer, als er ohnmächtig zusehen muss, wie seine Eltern an Bord der St. Louis zurückgewiesen und in den Tod geschickt werden. Conde, dem seine persönliche Freiheit über alles geht, ist sowieso ein Ketzer. Und Ketzer sind erst recht die jungen Kubaner von heute, die, demonstrativ gepierct und geschminkt, alkohol-, musik- und drogenumnebelt, als Rapper, Rastas und Punks auf Havannas einst prächtigster Avenida in aller Öffentlichkeit ihre Freiheit ausleben, in spontaner Rebellion gegen Castros verwesendes Gesellschaftsmodell.

Kuba liegt in Agonie. Das zeigt der Roman; das bestätigt Leonardo Padura auch im Gespräch in Berlin. Die Kubaner seien Hedonisten und allen physischen Genüssen zugeneigt. Sie seien der Mangelwirtschaft, der verordneten Armut und Askese und des politischen Stillstands überdrüssig. Sie wollen in guten Schuhen gehen, Musik machen und fidel sein ohne Fidel. Sie wollen Castros System abschütteln, denn es ist ihnen wesensfremd. "Fidel Castro", sagt Padura, "kann nämlich nicht tanzen. Er ist überhaupt ein Feind des Genusses." 

Sigrid Löffler in FALTER 18/2014



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