Die Erfindung des Jazz im Donbass

Serhij Zhadan


"Wir greifen an! Es ist herrlich!"

Heldengejaule und verstummte Kritiker: wie Russlands Intelligenzija angesichts Wladimir Putins Machtpolitik versagt

Wir greifen an! Wir haben seit 1945 nicht mehr angegriffen. Es war längst Zeit! In Moskau scheint die Sonne! Es ist herrlich! Auf der Krim werden schon die Grenzpfosten zum Maidan aufgestellt!" Der Schriftsteller Eduard Limonow nennt sein am vergangenen Sonntag veröffentlichtes Gejaule zum nicht erklärten Krim-Krieg eine "Sonntagspredigt".

Lange Zeit präsentierte sich der aus Charkow stammende Ex-Dissident und Ex-Emigrant als wortgewaltiger Sprecher der Parteienplattform "Das andere Russland". Der Verbund von weit links bis rechts reichenden Gruppen vereinigte ausschließlich radikale Putin-Kritiker.

Dass sich Limonow seit seiner Rückkehr nach Moskau in den frühen 1990er-Jahren für alles "Russische" wie den Schwarzmeerhafen oder die "unterdrückten" russischen Minderheiten in Lettland oder Estland ereiferte, wurde ihm lange Zeit als nationalistische Marotte nachgesehen. Erst als der deklarierte Linke mit einem Häufchen seiner jugendlichen Parteigänger, den "Natsboly" ("Nationalbolschewiken"), der russischen Minderheit in Kasachstan zu Hilfe eilen wollte, wurde Limonow verhaftet und für einige Jahre ins Gefängnis geworfen.

Heute ist Limonow streng auf Kreml-Linie, und sein verbales Rowdytum erinnert an Putins Propaganda: "Die Krim gehört uns. Wenn wir bis nach Odessa kämen oder gar das ganze linke Ufer des Dnjepr bekämen, wäre das auch nicht schlecht."

In Russlands staatlichen Medien, die sich seit Jahren auf Antiamerikanismus und die Verhöhnung "westlicher" Werte eingeschworen haben, findet derartiges Gebaren ungeteilte Zustimmung. Zwischen Größenwahn und Niedertracht findet sich in Moskaus derzeitigem Propagandakrieg für jeden etwas -von abstrusestem Stalinismus bis zur hysterischen Beschwörung der "großen russischen Zivilisation".

Dass der Aufruf des "Russischen Schriftstellerverbandes" an Präsident Putin und an den Föderationsrat besonders ernst genommen wird, darf man noch bezweifeln, aber immerhin, die Altstalinisten erklärten dezidiert: "In Kiew haben faschistische Jugendbanden einen Staatsstreich durchgeführt, die Hintermänner stammen aus dem Westen." Die russischen Klassiker von Dostojewski bis Scholochow würden auf dem Maidan öffentlich verbrannt. Nur gerecht sei also die Aufforderung an Präsident Putin zur "Unterstützung für das ukrainische Volk und die Völker der Krim". Im Klartext heißt das: Krieg.

Etwas subtiler geht es in den Internetforen der zahllosen Kreml-Blogger zu. Das technisch aufwendige Portal "Sputnik und Pogrom" schickte etwa den Starjournalisten Oleg Kaschin als Kriegsberichterstatter auf die Krim. Er wurde vor einigen Jahren von Anhängern der Putin-Jugend niedergeschlagen und schwer verletzt. Die Internet-User sind nun überrascht. Denn Kaschin berichtete davon, dass in Simferopol eigentlich nur eine Provinzposse stattfinde, ein Einmarsch "grüner Männchen" - es sei alles nicht so schlimm!

Auch der bislang Putin-kritische Jungschriftsteller Sergej Schargunow, seit etlichen Jahren Liebkind aller Moskauer liberalen Medien, war überraschenderweise vor Ort und beschrieb einem Millionenpublikum mit hörbarer Begeisterung die Demonstrationen der "Krymtschany" in Sewastopol. Die "Tatsachen", die Schargunow präsentierte, waren nicht besonders drastisch verdreht - Orwells Newspeak für Fortgeschrittene. Wer könnte etwas gegen ein Referendum in Lugansk und Charkow, also in den russischsprachigen Gebieten im Osten der Ukraine haben, zumal sich die Ereignisse dort stündlich überschlagen?

Während sich binnen einer Woche in Russlands Politiklandschaft die Schafe von den Böcken schieden - von russischen Parlamentariern kam keine einzige Frage an den Kreml, warum eigentlich eine Besetzung der Krim erfolgen sollte -, beeilten sich immerhin einige Künstler und Kulturschaffende, ihr internationales Ansehen zu bewahren.

Die auch im Westen tätige Kunsthistorikerin und Kuratorin Katja Djogot, in den letzten Jahren niemals verlegen, von "Antikapitalismus" und "Postkolonialismus" zu schwadronieren, ruderte mit einem Schuldbekenntnis zurück: "Wir sind an dieser Situation alle selbst schuld, wir haben uns zu bequem in den Moskauer Verhältnissen eingerichtet und das Putin-Regime nicht ausreichend bekämpft."

Der in Berlin und Moskau lebende Theatermacher Kyrill Serebrennikow bedauerte die Absage eines Moskau-Gastspieles durch den Regiestar Alvis Hermanis und rief sogleich zu einer großen Gedichtlesung ukrainischer und russischer Lyriker an einem der schicksten Kulturplätze Moskaus auf. Am letzten Montag musste er eine Vorstellung absagen, weil eine Schauspielerin gegen den Krieg protestierte und nicht ins Theater kam.

Das bislang originellste Antikriegsmanifest stammt von Pawel Pepperstein. Der in Prag und Moskau lebende Künstler und Schriftsteller rief mit Hinweis auf die drohende atomare Apokalypse eines Dritten Weltkrieges die "Regierenden Russlands, der Ukraine, der EU und der USA" zu einer "Demilitarisierung der Krim" auf.

Unter der Ägide von Uno und Unesco sollte dort eine "Republik der Gesundheit und der Erholung" geschaffen werden. Die "Krim" gehörte - trotz aller Tragödien, die über die Halbinsel im 20. Jahrhundert hereinbrachen (Bürgerkrieg, Besetzung im Zweiten Weltkrieg und die Deportation der Krimtataren durch Stalin am 20. Mai 1944) - schon immer zu den Lieblingsmythologien der russischen Intelligenzija.

Deren Ratlosigkeit und Ohnmacht angesichts der aktuellen Besetzung wurden nirgendwo deutlicher als in der knappen Erklärung des russischen PEN-Clubs: Dessen Vorsitzende, die Schriftsteller Ljudmilla Ulitzkaja und Andrej Bitow, kritisierten zwar die "Desinformationskampagne und Aggressivität der russischen Medien". Mehr als eine Verurteilung militärischer Aggression in der Ukraine, die der Kreml bis heute bestreitet, war allerdings nicht drin.

An frühere Statements einiger Unterzeichner, wie etwa Wiktor Jerofejews, der auf der Krim ob der Rückkehr jahrzehntelang verbannter Krimtataren schon immer eine "islamische Gefahr" heraufziehen sah, möchte man dabei gar nicht erinnern.

Mittlerweile folgen Petitionen auf Petitionen aller nur denkbaren Kunstschaffenden - allerdings fand in den zwei Wochen seit Beginn des Konfliktes auf der Krim bislang nur ein einziger merklicher Straßenprotest gegen den Krieg statt. Die 200 vor dem Moskauer Verteidigungsministerium erschienenen Demonstranten wurde nach wenigen Minuten verhaftet - und am selben Tag wieder freigelassen.

Die Zeit, da es unter Moskaus Hipstern fast zum guten Ton gehörte, auch einmal im "Awtosak", im vergitterten Gefängniswagen, weggeführt zu werden, scheint vorbei zu sein. Für die Krimtataren, seinerzeit von Dissidenten wie Andrej Sacharow immer wieder in ihrem Recht auf Rückkehr in ihre Heimat auf der Krim unterstützt, interessiert sich kaum jemand.

Dabei sind gerade sie, die immer gewaltlosen Widerstand praktizierten, eines der Hauptobjekte der Kreml-Propaganda. Das sogenannte Referendum werden sie boykottieren.

Was die lange Zeit verhätschelte und vom Kreml bislang kaum bedrängte russische Opposition derart sprachlos machte und gleichzeitig das offizielle Russland sowie einen Großteil der Bevölkerung an den Vorgängen in der benachbarten Ukraine so sehr schockierte, charakterisierte die Lyrikerin und Literaturprofessorin Olga Sedakowa folgendermaßen: "Im Vergleich zu den Kiewer Proteste auf dem Maidan - gegen Korruption, gegen Machtmissbrauch - gibt die russische Gesellschaft ein trauriges und schändliches Bild ab."

Im benachbarten Kiew sei jener Zynismus, der sich in allen postsowjetischen Gesellschaften breitmachte (das eine zu denken, das andere zu sagen und etwas Drittes zu tun), überraschenderweise überwunden worden. "In Kiew gab es eine furchtlose Menge, die keine Angst mehr hatte, die Reste des Sowjetmenschen abzuwerfen."

Der Historiker Andrej Subow, der die russische Militäraktion mit Hitler und dem Jahr 1938 verglich, wurde kurzerhand aus der bislang eher liberalen Moskauer Diplomatenakademie entfernt.

Das deutsche Wort "Anschluss" kennt jetzt immerhin jeder. Viele russische Beobachter fürchten nun eine Verwandlung Russlands in eine Diktatur. Bislang verstand man sich als europäisch - eine Rückkehr zu "asiatischem" Personenkult rund um Wladimir Putin ist für viele nur eine Frage der Zeit.

Die Rede von den "Predateli", von "Vaterlandsverrätern", und der "fünften Kolonne" der Kritiker ist im russischen Fernsehen ohnehin keine Seltenheit mehr.

Der Schreck, der russischen Oppositionellen vielleicht am tiefsten in den Knochen sitzt, sind die von Putin aufgekündigte bisherige Weltordnung und die Gefahr eines Atomkrieges.

Immerhin - für den 15. März, den Vorabend jenes "Referendums", in dem die Krim über ihre Zukunft entscheiden soll, ist in Moskau ein großer Friedensmarsch der Opposition angekündigt. Auf dem Moskauer Puschkinplatz soll "gegen Russlands Verletzung der Souveränität der Ukraine und gegen den Einmarsch der Truppen auf der Krim" protestiert werden.

Man darf gespannt sein, wie viele diesem Aufruf folgen werden, einem Appell, den auch die auf dem Kiewer Maidan Versammelten machten.

Vergangenen Sonntag trat dort übrigens überraschenderweise der Kreml-Kritiker und jahrelang inhaftierte ehemalige Oligarch Michail Chodorkowskij vor die ukrainische Menge, um ihr zu erklären, dass nicht ganz Russland der Ukraine Böses wolle. "Russland, steh auf!", tönte es dem Putin-Gegner entgegen.

Gegen Putin werden aber wohl die wenigsten aufstehen. Jüngsten Umfragen zufolge heißen fast 70 Prozent der befragten Russen Wladimir Putins Vorgehensweise gut - 2008, auf dem Höhepunkt des kurzen Krieges gegen Georgien waren es allerdings fast 90 Prozent.

Erich Klein in FALTER 11/2014



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