Löwenslauf

Heinz Rudolf Unger


Der Wiener Dramatiker Heinz R. Unger ("Proletenpassion") hat mit "Löwenslauf" einen Krimi geschrieben, der eigentlich keiner ist.

Ehe ich etwas über dieses Buch sage, ist ein Bekenntnis fällig. Heinz R. Unger war einer der wenigen Wiener, die zu mir 19-jährigem, wenig versprechendem Jüngling freundlich waren, als ich 1968 nach Wien kam. Er wies mich in einige Geheimnisse Erdbergs und des Praters ein und ging sogar so weit, mit mir gemeinsam ein Theaterstück zu schreiben, das glücklicherweise als verschollen gilt. Das disqualifiziert mich gewiss als Rezensenten. Ich werde dennoch versuchen, etwas über Ungers neues Buch zu sagen.

Man kennt Unger hauptsächlich als Dramatiker ("Zwölfeläuten"), Lyriker und Songschreiber ("Proletenpassion"). Mit "Löwenslauf" legt er nun einen Krimi vor, der eigentlich keiner ist. Oder nur in dem Sinn, als die Figuren des Buchs allesamt in der Vergangenheit herumschnüffeln. Und in dem Sinn, dass eine der zentralen Figuren ein pensionierter Kriminalinspektor ist. Ein alter Kommunist und Widerstandskämpfer, wie es sie in der Wiener Polizei nach 1945 viele gab. Unger vermittelt nebenbei Zeitgeschichte, wenn er beschreibt, wie die Kommunisten bei der Polizei in Ungnade fielen, als die Russen gingen und durch Sozialdemokraten ersetzt wurden.

Dem Inspektor Fuchs steht Lapinski gegenüber, ein Mann mit dem Namen eines Hasen, der sich als Löwe fühlt. Das ist nicht sein einziges Problem mit seiner Identität. Er hat sie im französischen Widerstand bekommen und behalten, da er seine jüdischen Eltern nach seiner Rückkehr nicht mehr vorfand. Es ist das Interessante an Ungers Roman, dass in dieser zeitgeschichtlichen Erkundung von Krieg und Widerstand die Nazis so gut wie nicht vorkommen. Die Erkundung vergangener und fortdauernder Schuld wird nur aus der Perspektive zweier Antinazis unternommen. Das Verbrechen, das die beiden zufällig zusammenführt, ist vermutlich keines, obwohl es einen SS-Mann betrifft. Lapinski, der Mann mit der verfehlten Identität, steht Fuchs, dem Mann ohne Gefühle, gegenüber. Fuchs versucht, Lapinskis Familiensituation auf die Schliche zu kommen. Lapinski kann dagegen gar nichts mehr tun, er liegt im Sterben.

Die verpfuschten Biografien beider Protagonisten nehmen in Rückblenden Konturen an, ebenso wie das Wien der Nachkriegszeit bis herauf in die Siebzigerjahre, mit Drogenkonsum und Untergangskommune. Lapinski sieht alle Menschen als Tiere, was den Fabelcharakter des Buchs vielleicht ein wenig auf die Spitze treibt. Er hinterlässt ein Konvolut, das den Titel "Löwenslauf" erklärt, weil es vom Verhalten der Löwen handelt. In Einschüben streut es Unger durch das ganze Buch, und wir verstehen: Tiere sind die besseren Menschen, eine noch so füchsisch schlaue Erkundung biografischer Fakten sagt uns nichts über den Einzelnen, der in seiner Epoche verschwimmt. Der Einzelne liegt dann auf der Intensivstation, kann nichts mehr machen, nicht einmal alles falsch, wie zuvor, und hinterlässt allenfalls ein Konvolut unerfüllter kreatürlicher Wünsche. Der ein Löwe sein wollte, stirbt, wie er gelebt hat, als Hase. Der alte, fuchsschlaue Kommunist findet die Welt nicht besser, nur weil sich seine Ideologie kompromittiert hat. Aber so ist der Lauf der Dinge. Das Leben geht weiter, auch wenn der Kommunismus am Stock geht und ein Löwenherz im Hasenbalg tot auf seinem Buckel liegt.

Armin Thurnher in FALTER 44/2004



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