Haare am Po Po, Yeah!. Das wunderbare H.A.P.P.Y.-Buch

Andrea Khol


Vergangenes Jahr feierte der House- und Aktionismusklub H.A.P.P.Y sein zehnjähriges Bestehen. Jetzt ist das Buch dazu erschienen.

Ich kenne Herrn Tomtschek nicht, obwohl er mein Nachbar ist und ich sogar mal kurz in seiner Wohnung war. Es sah dort nicht so aus, wie ich mir die Wohnung des Erfinders von H.A.P.P.Y, dem Gesamtkunstfreakout, vorgestellt habe. Die Wohnung war nicht zugemüllt mit Wollknäueln, Stricklieseln, Ganzkörpermutantenkostümen aus Filz und klebrigen Fußfetischistenbildchen; im Gegenteil, sie war wunderbar aufgeräumt, geradezu spießig, es gab sogar eine dieser widerlichen Gemüseampeln, für die Alexander Calder nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden kann. Herr Tomtschek war mal, wie wir alle, Kellner in der Blue Box, in Zeiten, als die Haus-DJs mit grässlichen Gruppen wie Sonic Youth allen an den Nerven sägten, aber niemand sich zu beschweren wagte. Er trug eine Marineuniform, er trug sie freiwillig, im Gegensatz zu mir, der ich sie 15 Monate lang zu Staatsverteidigungszwecken tragen musste, der infantile Krach von Sonic Youth und dann noch diese traumatische Uniform ließen mich lange von der Blue Box fernbleiben.

Das ist auch der Grund, warum ich die Geburt von H.A.P.P.Y vor mehr als zehn Jahren nicht mitbekam und nie sehen sollte. Bis auf eine einzige Ausnahme: das Musical. Aber davon später. Etwa achtzig Jahre vor H.A.P.P.Y trafen sich in Zürich im Cabaret Voltaire eine Hand voll Künstler, Dichter und Tagediebe und entwickelten eine neue, von vorherrschenden Kunstkonsens sich abhebende Bewegung, ihr Name: Dada, ihr Dogma: alle vorhergehenden Dogmen abzuschütteln wie der gerade aus dem Wasser steigende Hund. Es wurde viel gelacht, Dichtung, Bilder, Aktionen und Lötzinn in einen Topf geworfen, durchgerührt und heraus kam ein scheinbar homogenes, nach allen Seiten ausgefranstes Manifest in einer unruhigen Zeit. Es verödete naturgemäß. Erst in den Sechzigerjahren, in stabileren Zeiten, wurde es wieder aufgegriffen und weiterentwickelt - Fluxus. Yoko Ono schmiss rohe Eier in einen Galerieraum und keifte: "Fühle den Raum!" John Lennon war beeindruckt, Andy Warhol weniger. Alan Karpow beschmierte einen Ford Mustang mit Marmelade, ließ ihn von Hippies ablecken und zündete ihn an. Große Aktionen - in der Theorie. In der Praxis muss das neben der gnädigen Vergänglichkeit des Augenblicks immer äußerst peinlich gewesen sein, wenn man Fotodokumente davon ansieht.

Noch peinlicher wurde es, als der Wiener Aktionismus sein schmutziges Haupt erhob, er wurde so schnell lächerlich, wie er wichtig für die Zeit und das Land war. Ganz einfach, weil diese Typen nicht lachen konnten. Das Wort "Fremdschämen" entstand zu der Zeit, erfunden vom weitaus lockereren Franz West. Erst in den Achtzigerjahren tauchten etwas entspanntere Aktionisten auf, die Amerikaner Paul McCarthy und Mike Kelly; Fischli, Weiss und Roman Signer in der Schweiz und Jörg Immendorf in Deutschland (schmiss Schinkenbrote über die Berliner Mauer). Scheiße, Plüsch und Koffer waren ihre Themen, und da sie keine Naziväter hatten, durfte wieder gelacht werden. Nur die Geisterbahn blieb, die aufgearbeitet werden musste.

Herr Tomtschek, der marinephile Kellner, war es irgendwann leid, den dumpf vor sich hinbrütenden und -brabbelnden Gästen der Blue Box Bier hinzustellen, und entwickelte peu à peu ein immer größer werdendes Rahmenprogramm, das Werbeschwachköpfe später "Eventgastronomie" nennen sollten. Gäste spielten begeistert menschliche Flipper, stellten den "Straßenstrich mit Zuhörnutten" nach oder strickten gemeinsam an einem Haus. Es wurde H.A.P.P.Y genannt, und das, was sie machten, Happyning, und es war dem, was etwa achtzig Jahre zuvor in Zürich passierte, gar nicht so unähnlich. Man gab eine Zeitung heraus, drehte einen Film, klonte Stoffpuppen, entwickelte das "schlechteste Musical der Welt" ("Steffi, Wanderjahre einer Tennisprinzessin"), die einzige Ironie im H.A.P.P.Y-Universum, denn die schlechtesten Musicals der Welt sind zweifellos die mit Nina Proll. Und man erfand die Prototypen für die Teletubbies: Jutta, Annton und Pupehle. H.A.P.P.Y ist vor einem Jahr zehn geworden, ein opulenter Katalog ist nun erschienen, bei Amazon wird beim Kauf schon Mike Kellys famoser Ausstellungskatalog "Das Unheimliche" dazu empfohlen.

Tex Rubinowitz in FALTER 43/2004



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