Sam, die Beatles und ich. Wie ich das Herz meines Sohnes gewann

Peter Smith, Susanne Goga-Klinkenberg


In seinem Buch "Sam, die Beatles und ich" beschreibt Peter Smith, wie er über Popmusik emotional Zugang zu seinem achtjährigen Sohn fand.

Vorneweg eine Befangenheitserklärung des Rezensenten: Ich selbst habe einen fünfeinhalbjährigen Sohn, der schon vor längerem der Beatlemanie verfallen ist. Noch im Kinderwagen verlangte er unter Androhung des Aussteigens während der Fahrt nach augenblicklichem Vortrag von "Yellow Submarine" und "Nowhere Man". Als er Peter Smiths "Sam, die Beatles und ich" (Originaltitel: "Two of Us") vorige Woche auf dem Küchentisch liegen sah, fragte er kompetent: "Warum sind auf dem Buch da die Anzüge der Beatles von der Sgt.-Pepper's-Platte drauf?"

Smiths Prämisse, dass sich ein achtjähriges Kind des 21. Jahrhunderts in der archaischen Mythenwelt der fabulösen Vier verlieren könnte, ist also durchaus realistisch, so wie grundsätzlich überhaupt nichts an diesem journalistischen Protokoll einer Vater-Sohn-Beziehung erfunden zu sein scheint. Dabei hätte ein wenig Fiktion gar nicht geschadet. Smith bewegt sich tief im Nick Hornby-Revier zwischen "High Fidelity" (männlicher Musikfetischismus) und "About a Boy" (generationsübergreifende Männerfreundschaft). Doch im Gegensatz zu Hornbys humorigen Überspitzungen bleibt Smith anscheinend brav beim Selbsterlebten. Folglich klingt seine autobiografische Prosa ganz nach jemandem wie Smith: nach einem soliden Kernfamilienvater aus dem suburbanen Massachusetts, der es gut meint.

Der Vater also sucht die Verbindung zu seinem ihm zusehends fremder werdenden Sohn. Hinter der Fürsorge jedoch steckt der Drang zur Überwindung des eigenen Kindheitstraumas: der distanzierten Beziehung zum eigenen, früh verstorbenen Vater. Wie es sich für dieses Milieu gehört, bleibt dem Leser die obligate Baseballszene nicht erspart, noch dazu versetzt mit einer Pointe, die in ihrem als Selbstironie gekleideten Elitarismus die falsche Art von Gänsehaut verursacht: "Der Ball traf mit einem hässlichen Knacken auf Sams neuen Handschuh (...). Es war der hohle Klang des falschen Mythos, dem ich anhing. Nein - mit Sport würde es bei uns nicht funktionieren. Außerdem muss ich ehrlich sein: Mir lag mehr daran, meinen Kindern Kultur beizubringen, als ihnen zu zeigen, wie man einen Faustball wirft."

Statt an dieser Stelle Klavier- oder Geigenstunden zu buchen, greifen Smith und seine Frau Maggie zur pädagogischen Keule ihrer Generation: "Warum nicht die Kinder mit den Beatles bekannt machen?" Für ihre perfide Manipulation kindlicher Neugier wählen die Eltern den Moment, in dem Sohn Sam am wehrlosesten ist: angeschnallt am Rücksitz des Familienfahrzeugs auf einer sechsstündigen Autoreise durch Neuengland. "Irgendwo in Connecticut holte Maggie wie verabredet die Kassette von Abbey Road' aus der Tasche und schob sie in den Rekorder." Das Manöver ist erfolgreich, und Sam entwickelt sich innert Wochen zu einem Beatles-besessenen Besserwisser, der bald seinen eigenen Vater mit Details aus dem Sagenschatz der Beatles-Mythologie belehrt und immerhin eigenständigen Charakter beweist, indem er sich in seinen Sympathien weder für John noch Paul, sondern für George entscheidet.

Smith und seine Frau gehören dagegen eindeutig zu den Paulanern, die den Johannitern voraus haben, dass ihr Prophet noch lebt und der Revisionismus damit auf ihrer Seite ist: "Ungeachtet der Bemühungen Lennons hat die Zeit die Gruppe zahmer gemacht, Innovation und Revolution in etwas Warmes, Kuscheliges verwandelt."

Es ist aber nicht bloß die Zeit, die so etwas tut. Ganz beiläufig erwähnt Smith gegen Ende des Buchs in einer Klammer, dass er das Plattencover von "Two Virgins", auf dem John und Yoko nackt zu sehen sind, von seinem Söhnchen ferngehalten habe: "Einige Beatles-Artefakte hatte ich dann doch zensiert." Sauber.

Der erstaunlichste weiße Fleck in "Sam, die Beatles und ich" sind aber Sams Schwestern, die als Charaktere völlig flach bleiben und zumeist gemeinsam mit Frau Maggie als "die Mädchen" firmieren. Dass er die Bindung zu ihnen verloren haben könnte, scheint Smith keineswegs zu kränken. Es wäre ein interessanter Stoff für eine Fortsetzung, wie Peter Smith seine Verbündungsrituale mit dem anderen Geschlecht anlegt.

Robert Rotifer in FALTER 43/2004



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