Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana. Illustrierter Roman

Umberto Eco


Umberto Eco nutzt einen erzähltechnischen Trick, um sich die Leseparadiese der Kindheit neu zu erschließen.

Ein Vollbad in der Welt- und Trivialliteratur: Der Held, ein erfolgreicher Antiquar aus Mailand, erwacht aus dem Koma. Er hat einen Teilverlust seines Gedächtnisses erlitten. Giambattista Bodoni heißt er und hörte, wie er erfahren muss, auf den Spitznamen Yambo; mithilfe seiner Frau Paola und wohlwollender Freundinnen und Freunde findet er zurück ins Leben. Er ahnt, dass er zuvor ein Frauenheld war, aber man lässt es ihn nicht merken, und aus einigen Szenen kann der Autor auch pikant-komisches Kapital schlagen.

Doch "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana" ist auch ein politisches Buch: Wir befinden uns im Jahr 1991, Bomben fallen auf Bagdad; der noch nicht ganz Sechzigjährige (Umberto Eco war damals genau so alt) findet zu seiner Identität zurück, und zwar durch Lektüre, vor allem auf dem Lande, wo er seine Kindheit verbrachte. Dort ist der intakte Fundus seiner Vergangenheit aufbewahrt. Eine Bäuerin, die ihm in Bewunderung ergeben ist, erzählt ihm seine Kindheitsgeschichte neu; vor allem aber sind es die Bücher des Großvaters und die eigenen Kinderbücher, die ihn in Bann schlagen, und wir bekommen von Eco eine kleine Geschichte der italienischen Kinder- und Jugendliteratur mitgeliefert, naturgemäß mit besonderer Berücksichtigung ihrer abwegigen Entwicklung im Faschismus. Man fragt sich nur, wie es sein kann, dass sich einer mehr als perfekt in der Literaturgeschichte und im Besonderen in der Bibliophilie erweist, dass für ihn aber zugleich sein ganzes Privatleben verschüttet ist. Gegen Ende scheint Eco dieser Camouflage denn auch überdrüssig geworden zu sein und lässt Bodoni so erzählen, als ob es diesen Gedächtnisverlust nicht gegeben hätte. Allmählich hat sich der Nebel gelichtet, der leitmotivisch beschworen wird. Es ist, als hätte Eco eine literarische Enzyklopädie des Nebels anlegen wollen: "Du weißt doch", sagt Yambo zu Paola, "Zitate sind meine einzigen Leuchten im Nebel."

Das ganz Buch ist, in bester Eco-Manier, Zitat. Es beginnt mit Poe, Stevenson und Melville, dann kommen Hesse und Manzoni, Tschechow und Baudelaire zum Zug, die Kirchenväter (Augustinus!) dürfen nicht fehlen, Montale und Lilli Marleen geben sich ein Stelldichein, natürlich vernehmen wir auch Shakespeare, Dante, Flaubert und Eco höchstpersönlich. Und falls beim Leser die Kenntnisse auslassen, findet er die Belege für die Zitate im Anhang. Ich war überglücklich, denn endlich fühlte ich mich als Leser verstanden: Da ist einer, der mir Zitate auftischt, die mir geläufig sind (und falls meine Kenntnisse auslassen, gibt es einen Anhang mit den Belegen).

In der Hauptsache jedoch speist sich der Roman aus anderen Quellen; Quellen, die für gewöhnlich als trübe gelten, bei Eco aber ganz rein und klar hervorsprudeln: Es geht um solche Lektüren, die wir nach der Pubertät abgelegt haben wie unsere Spielsachen, also um die massenhaft verbreitete Literatur, die weit unter dem Niveau eines Jules Verne liegt. Eco ist von bezaubernder Offenheit und verrät das Rezept, mit dem er - vermutlich nicht nur diesmal - gekocht hat: "Du liest als kleiner Junge eine beliebige Geschichte, dann lässt du sie im Gedächtnis wachsen und reifen, transformierst sie, überhöhst sie, steigerst sie ins Erhabene, und so kommt es vor, dass du dir eine völlig sinnlose Geschichte zum Mythos erwählst." Und der "fadesten, dümmsten Geschichte, die je ein menschliches Hirn sich hatte ausdenken können", verdankt sich auch der Titel des Ganzen: "La misteriosa fiamma della regina Loana". Im Finale des Romans ist es dem Helden auch in einer Vision vergönnt, diese seltsame Königin zu sehen, "mit ihrem keuschen Büstenhalter, einem nabelfreien, aber knöchellangen Rock, das Gesicht unter einem weißen Schleier verborgen" usw. Das ist ein deutliches Bekenntnis zu unserer literarischen Sozialisation, die wir später gerne verleugnen.

Der Autor aber steht zu seinen Lektüren, zu Emilio Salgari, dem italienischen Karl May, zu den Comicheften, ja auch zu prägenden Einflüssen dämlicher Heftchen faschistischer Provenienz. Und die Geschichten, die uns der Held aus seiner Jugend erzählt, sind so ganz nach dem Muster der Lektüre von einst gestrickt, nach Dumas und den Comicstrips. Yambo verabschiedet sich von uns, indem er noch in den Dichter Cyrano hineinschlüpft, und wir wissen, dass das für den unglücklich verliebten Poeten und Haudegen auch nicht gut ausgeht: "Ich spüre einen kalten Hauch, ich hebe die Augen. Warum wird die Sonne auf einmal so schwarz?" Ende.

Eco ist kein Autor, Eco ist ein System. In diesem wird die weltweit größte literarische Wiederaufbereitungsanlage betrieben, gleichgültig, ob Eco als Romancier oder als Gelehrter fungiert. Die Paradiese der Kindheit sind für ihn immer schon Leseparadiese gewesen, und er weiß, dass man sich nach diesen zurücksehnt; er weiß aber auch, dass man bereits in diesen Paradiesen nicht so ganz unverdorben war. Er schlüpft in verschiedene Kostüme; er kann in der Rolle des ernsten Faschismuskritikers dem Italien Berlusconis die Leviten lesen und zugleich im Gewand des Harlekins sich selbst der Lächerlichkeit überführen. Er kann unterhalten, aber nicht selten auch langweilen, wenn er den ganzen Trödel vor uns ausbreitet.

Selbst wenn sich manche Partien so lesen, als würde ein Film Bertoluccis mit seinen Genreszenen zu einem Roman umgegossen, so gibt es doch kaum eine Episode, die sich nicht auch wie ein Stück angewandte Philosophie lesen ließe. Und so haben wir alle unsere Freude an diesem Buch, bei dem wir naiv und gebildet zu gleich sein dürfen und uns sogar vom Lesen ausruhen können, denn unzählige Illustrationen machen daraus ein Bilderbuch, so wie wir es als Kinder gerne hatten.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 43/2004



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