Sein letzter Fall

Håkan Nesser, Christel Hildebrandt


Alle klassischen Zutaten sind vorhanden: eine hohe Lebensversicherung, ein Privatdetektiv, ein unerschütterliches Alibi, ein Hauptverdächtiger mit dunkler Vergangenheit. Für Kommissar Van Veeteren hat der Fall eine persönliche Dimension: Jaan "G." Hennan war sein Schulkollege und schuld am Tod eines Klassenkameraden. Doch der Kommissar kann den Fall der weiblichen Leiche in einem leeren Swimmingpool nicht aufklären, eine schlecht vorbereitete Anklage mündet in einen Freispruch für G. Das war 1987. Fünfzehn Jahre später wird der Fall G. (so auch der schwedische Originaltitel des jüngsten Krimis von Håkan Nesser) durch das Verschwinden des Privatdetektivs wieder aktuell. In "Sein letzter Fall" wird Van Veeteren, mittlerweile aus dem Polizeidienst ausgeschieden und als Buchhändler tätig, von seinen ehemaligen Kollegen noch einmal zu Rate gezogen. Das Aufspüren Hennans, der mit nun neuem Namen in einem kleinen Küstenort lebt, bringt eine letzte dramatische und nicht unblutige Volte in immerhin insgesamt vier Mordfälle.

Serien von zehn Kriminalfällen haben in Schweden Tradition, denkt man an Kommissar Beck (Maj Sjöwall und Per Wahlöö 1965 - 1975), und so muss Van Veeterens zehnter Fall auch sein letzter sein. Håkan Nesser gelang es mit seinem 1993 begonnenen Dekalog, eine breite Fangemeinde anzusprechen, die weithin seinen psychologisch verbrämten Stil (Traumsequenzen!) schätzt. Fürwahr, der letzte Fall ist spannend, die Handlung nicht unlogisch konstruiert und die Lösung hinlänglich überraschend. Unter diesem Gesichtspunkt lohnt die Lektüre. Lediglich die Hauptperson des Kommissars wirkt (wieder) wie eine reine Kopfgeburt - liest Kierkegaard, lauscht Sibelius und Penderecki, spielt Schach mit anderen Expolizisten (ebenfalls mit tragischer Biografie) und scheint auch sonst wenig Spaß zu haben. Zu viele Probleme, mein lieber Watson!

Martin Lhotzky in FALTER 43/2004



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