Die Aktion. Nr. 209

Franz Pfemfert


Der ideologische Flickenteppich, auf dem sich eine illustre Schar von Berufsprovokateuren vor 1933 tummelte, um nach der Revolution zu greifen, ist das Steckenpferd der Hamburger Edition Nautilus. Seit dreißig Jahren publiziert das Verlagskollektiv immer wieder Titel über die Protagonisten aus der vitalen Kampfzeit zwischen der 2. Kommunistischen Internationale von 1889, Stalins Aufstieg zum Alleinherrscher und der Machtübernahme Hitlers, die für die Subversiven und ihr Netzwerk das Aus bedeutete. Erklärtes Ziel ist es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Konkurrenz ganz unterschiedlicher Schulen 1929 nicht zwangsläufig zu Stalin hätte führen müssen. Die Autoren, die für die Zeitschrift Die Aktion geschrieben haben, agitierten mitunter massiv gegen die Pervertierung der Marx'schen Ideen zur Diktatur. Franz Pfemfert hatte das Magazin 1911 ins Leben gerufen, um in den folgenden zwei Jahrzehnten möglichst viele Expressionisten, Dadaisten, Anarchisten, Trotzkisten, Leninisten et al. an einen gemeinsamen Tisch zu bekommen. 1981 ließ die Edition Nautilus das 1932 eingestellte Heft als "kritische Sichtung der Gegenwart" neu auferstehen. In Nr. 209 erinnert man nun in einem neunzig Seiten starken Essay an den Gründervater, den Strippenzieher der politischen Avantgarde.

Parallel dazu ist eine lange überfällige Biografie von Franz Pfemferts Gattin erschienen, die dem Verleger als Dolmetscherin, Koordinatorin und Ratgeberin zur Seite gestanden ist. Auch Alexandra Ramm-Pfemfert hatte sich "Ein Gegenleben" eingerichtet: Als gefragte Übersetzerin aus dem Russischen hatte sie sich auf die Seite des verfemten Trotzki geschlagen, den sie ins Deutsche übertrug, mit dem sie intensiv korrespondierte und dem sie trotz Verbots Zeitungen und Bücher ins Exil schickte. Julijana Ranc hat nun - ausgehend von den Briefen Ramm-Pfemferts - den Versuch unternommen, den Lebensweg einer Aktivistin zu rekonstruieren, über die es fast keine Quellen gibt. Ihre Nähe zu Trotzki machte die Jüdin 1933 zu einer doppelt Verfolgten. Das Archiv der Pfemferts wurde vernichtet, das Werk von zwei Diktatoren aus der Geschichte gestrichen.

Martin Droschke in FALTER 42/2004



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