Hip Hop Files. Photographs 1979-1984

Martha Cooper, Nika Kramer


Die ausgewiesenen Szenekenner Martha Cooper und Mika Väisänen haben zwei Fotobände gemacht, die historische Ursprünge sowie aktuelle Größen des HipHop abbilden.

HipHop ist in seinem globalen Erfolgszug die wirkungsmächtigste jugendkulturelle Bewegung, seit Elvis Presley dem Rock 'n' Roll Mitte der Fünfziger ein allgemein wahrgenommenes Gesicht gab. Während Rock zwar auf schwarzer Musik basierte, aber in erster Linie von weißen Künstlern populär gemacht wurde, spielten diese im HipHop bis zum kometenhaften Aufstieg der Ausnahmefigur Eminem keine sonderliche Rolle.

Wirklich verändert hat sich daran auch durch den bösen Buben aus Detroit nichts. HipHop ist in den mittleren Siebzigern im großteils von Afroamerikanern bewohnten New Yorker Stadtteil Bronx entstanden. Seit den frühen Achtzigern wurde diese ursprünglich noch vielfach als potenzielle Eintagsfliege belächelte Musik von US-Acts wie Grandmaster Flash & The Furious Five, Kurtis Blow oder der Sugarhill Gang weltweit bekannt gemacht. Und trotz ihrer globalen Verbreitung wird die HipHop-Kultur auch heute noch nahezu ausschließlich von Afroamerikanern dominiert und geprägt.

"Die Leute dachten damals, HipHop dauert zwei Jahre, und das wär's dann", wird Freddie Foxxx, ein Rapper aus dem Umfeld der New Yorker Gruppe Gang Starr, in Mika Väisänens Buch "And It Don't Stop" zitiert. "It's rebel music. Es ist wie ein Virus. Es recycelt sich selbst." Zumindest mittelfristig hat die Geschichte des HipHop diese These bislang zwar stets bestätigt; sein Erscheinungsbild hat sich aber ganz massiv verändert. War die Party einst stark an politische Inhalte gekoppelt, dominieren heute stumpf-sexistische Videos, und nur selten schaffen es künstlerische Freigeister wie zuletzt das Duo OutKast, über die inhaltlich wie musikalisch einfältigen Gangsterbanalitäten zu dominieren.

Vielen jungen HipHop-Hörern ist heute nicht einmal mehr bewusst, dass die Musik - also Deejaying und MCing - ursprünglich neben Breakdancing und Graffitimalen nur einer von drei gleichwertigen Bestandteilen der HipHop-Kultur war und der heute stets im Vordergrund stehende Rapper einst praktisch aus der Not geboren wurde: Weil das Publikum bei den frühen block parties durch seine Faszination für die Künste der Discjockeys zusehends aufs Tanzen vergaß, wurde der so genannte Master of Ceremony (MC) eingeführt, um die Gäste mit schnell legendär gewordenen Phrasen wie "Throw your hands in the air and wave them like you just don't care" wieder ans Tanzen zu erinnern.

Martha Coopers Buch "Hip Hop Files" bietet in doppelter Hinsicht eine historische Nachhilfestunde. Die einst für die New York Post tätige New Yorker Fotografin hat die Entwicklung des HipHop in ihrer Heimatstadt seit den ausgehenden Siebzigern festgehalten und dabei vitale Dokumente einer Jugendkultur im Aufbruch geschaffen. "Martha Coopers Bilder fangen exakt den Moment ein, als HipHop aus der Bronx in der Nachtclub- und Kunstszene Manhattans Einzug hielt", bemerkt etwa Charlie Ahearn, Regisseur des legendären HipHop-Films "Wild Style".

Ihre gemeinsam mit dem deutschen HipHop-Aktivisten Akim Walta alias Zeb.Roc.Ski erstellte Fotoauswahl wird zudem von ausführlichen Texten begleitet, in denen viele der fotografierten Akteure zu Wort kommen, wodurch in der Montage eine spannende Oral History entsteht. Nach der im heutigen HipHop weit verbreiteten Coolness und Unnahbarkeit sucht man vergeblich; an ihrer Stelle steht eine natürliche Lässigkeit im Ausprobieren von Posen und Styling, die vertretene Genrelegenden mit jugendlichen Tänzern und Sprayern von der Straße verbindet.

Enden Coopers Aufnahmen im Jahr 1984, so konzentriert sich der als Fotochef des deutschen Magazins Backspin tätige Mika Väisänen weitgehend auf die Gegenwart des HipHop. Kommerziell erfolgreiche Superstars wie Cypress Hill, Busta Rhymes, die verstorbene R-'n'-B-Sängerin Aaliyah, Eminem (vor Jahren bei einem kleinen Clubkonzert in München), RZA, Jay-Z oder die Black Eyed Peas finden sich bei ihm neben gewichtigen Größen wie Public Enemy, Common, Gang Starr, The Roots, KRS-One (der auch mit einem Text vertreten ist), Kool Herc, Q-Tip, Talib Kweli oder Afrika Bambaataa sowie einigen Undergroundacts. Angenehm frei vom normierten Hochglanzelend, das HipHop-Videos seit Jahren prägt, stellt Väisänen Konzertaufnahmen neben Interview- und Sessionfotos und ergänzt die visuelle Ebene durch launige Kurzschilderungen der jeweiligen Shootings.

Gerhard Stöger in FALTER 41/2004



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