Der Schacht von Babel. Ist Kultur übersetzbar?

Boris Buden


Der aus Kroatien stammende Philosoph Boris Buden zweifelt in seiner Studie "Der Schacht von Babel" an der Übersetzbarkeit von Kultur.

Der Begriff der "kulturellen Übersetzung" hat im weiten Feld zwischen politischer Theorie und Kulturtheorie zuletzt groß Karriere gemacht. Der Postkolonialismustheoretiker Homi Bhabha etwa erkennt in Prozessen kultureller Übersetzung eine Subversion (post-)kolonialer Herrschaftsgefüge, und Judith Butler vertraut ihnen eine "Wiederkehr des Ausgeschlossenen" und die Möglichkeit eines neuen politischen Universalismus an.

Was in diesen Entwürfen zum Ausdruck kommt, ist nicht zuletzt die fortgeschrittene Skepsis gegenüber einem Multikulturalismus, der mit neorassistischen Haltungen die Voraussetzung teilt, dass sich soziale Verhältnisse ausgehend von starren kulturellen Identitäten begreifen lassen. Der Blick fällt mithin zunehmend aufs "Hybride", auf die Wirklichkeiten des Austauschs, der Neuzusammensetzung, der Veränderung.

Dass Übersetzung, ganz unmetaphorisch verstanden, jedoch auch anderen Zwecken dienen kann, macht Boris Budens Buch "Der Schacht von Babel" von Anfang an deutlich. Buden, selbst übrigens Übersetzer mehrerer Bücher (u. a. Sigmund Freuds) ins Serbokroatische, schildert die bizarre Episode des ersten serbischen Films, der Anfang der Neunzigerjahre nach Ausbruch des Krieges in kroatischen Kinos gezeigt wurde. Mit kroatischen Untertiteln, wohlgemerkt. "Das muss man sich so vorstellen: Die Stimme im Film sagt etwa Guten Tag', der Untertitel wiederholt Guten Tag'. Die Stimme fährt fort 'Wie geht es Ihnen?', der Untertitel wiederholt 'Wie geht es Ihnen?' - und so weiter, bis auf ganz wenige unterschiedliche Wörter, die im Publikum ohnehin jeder verstand." Das übersetzerische Echo des Originals schwört die Menschen hier auf eine neue Sprachgemeinschaft ein, erscheint als Instrument einer nationalistischen Kampagne, die auf den Schlachtfeldern noch ganz andere Mittel kennt.

Es hat zweifellos mit sprachlichen Gemeinschaftsbildungen dieser Art zu tun, dass Buden den Anpreisungen der emanzipatorischen Potenziale kultureller Übersetzung misstraut. Seine Untersuchung setzt stattdessen dort an, wo eine Theorie der Übersetzung zuerst formuliert wurde: bei Wilhelm von Humboldt und Friedrich Schleiermacher, im Umfeld einer deutschen Romantik, die sich von der Übertragung fremdsprachiger Texte vor allem eine Beförderung der "eigenen" - national gedachten - Ausdrucksfähigkeit versprach.

Der Weg zur "hybridisierenden" Übersetzung als Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation ist sichtlich weit, doch nicht weniger aufschlussreich. Er führt Budens Untersuchung über literaturtheoretische Diskussionen ebenso wie über psychoanalytisch inspirierte Gesellschaftsanalysen und mündet schließlich in aktuelle Diskussionslagen postkolonialer, poststrukturalistischer und postmarxistischer politischer Theorie.

Genau dort setzt die zentrale These des Buches an: Gemeinsam ist den eingangs erwähnten Ansätzen, dass sie auf politische Fragen kulturelle Antworten geben. Buden liest sie als Symptom einer "Gesellschaft, die Politik mit Kultur verwechselte", die "die tatsächlichen Opfer der Nationalismen diesem oder jenem Nationalstaat" überlässt, während sie sich in ihren kulturellen Artikulationen über Nationalismen erhaben fühlt. Kurz: Das Problem an der kulturellen Übersetzung ist, dass sie sich nicht ins Politische übersetzen lässt.

Slavoj Zizek hat wohl nicht zuletzt diese Diagnose dazu veranlasst, Budens Buch zur Pflichtlektüre für alle zu erklären, die im Wissensbetrieb tätig sind - dies verbunden mit der Aufforderung, danach ihr Leben zu ändern. Der Schacht von Babel, den Buden entsprechend einer Nachlassnotiz Kafkas gräbt, gibt als Richtung die Suche nach der verlorenen gesellschaftlichen Emanzipation vor.

Stefan Nowotny in FALTER 41/2004



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