Zypressen. Drei Erzählungen

Merkel


Verstörend streng, betörend stark: Inge Merkels wieder aufgelegter Erzählband "Zypressen".

Der Ton macht nicht nur die Musik, auch jeder Text hat seinen eigenen Sound. Liest man zum ersten Mal Prosa von Inge Merkel, so ist man bezirzt vom unverwechselbaren Klang ihrer Sprache: Strenge, Noblesse, Präzision und eine subtile Musikalität mischen sich in einer Art, die eben an jenen "hohen Ton" erinnert, welcher den großen Schauspielerinnen des vorigen Jahrhunderts zugesprochen wurde: Nennen wir Paula Wessely oder Vilma Degischer. Wie ein letztes Echo aus einer vergangenen Epoche dringen die 1982 ersterschienenen, jetzt wieder aufgelegten Erzählungen der 82-jährigen, in Baden bei Wien lebenden Schriftstellerin ans innere Ohr des Lesers: verspätete literarische Schallwellen, die Anklänge an Hilde Spiel, an Doderer, Schnitzler und Musil mit sich tragen.

Streng ist nicht nur der Ton Merkels, streng ist auch die Behandlung, die sie ihren drei Protagonistinnen widerfahren lässt. In den beiden ersten Prosastücken, "Der Mentor" und "Jüdische Sappho", erleben wir die jugendliche Hauptperson als untergeordneten Teil eines Erziehungsverhältnisses, das klar definiert, nichtsdestotrotz spannungsreich, weil immer auch kryptoerotisch aufgeladen ist.

Eros - Merkel definiert ihn als das "Erkennen und Vertrautsein mit der Seele" des anderen - ist das Höchste, Reinste, Schönste; alles Sexuelle, "das Blut", wird in katholischer Tradition erstickt und einer rigiden moralischen Disziplinierung unterworfen: "Sie verbot es sich." Sexuelle Visionen lässt Merkel aufbrechen wie Eiterbeulen und setzt sie genüsslich in ein modriges, feucht-faulendes Ambiente. Verzicht ist von zentraler Wichtigkeit, weil Bewahrer der Schönheit: "Der Feind der Schönheit ist der, der sie konsumiert." Was Wunder, dass in solch strengem, Trieb und Leib verleugnendem Umfeld das Leben nicht wirklich glücken mag: Die erste Erzählung endet mit einem doppelten Suizid; in der zweiten wird zumindest ein einfacher angedeutet.

Das dritte Erzählstück, "Pygmalion", führt eine mittelalte, an "Gefühlsermattung" leidende Protagonistin bei einem Besuch in Los Angeles vor - die Tochter heiratet. Man kann nicht sagen, dass sich die Neue-Welt-skeptische Erzählerin von ihrem Umfeld begeistert zeigt: "Rosa und sittichgrüne Hosenanzüge hingen an dahinkrüppelnden Greisinnen oder umspannten fette Matronen, schmuckbehängt, glitzernde, großsteinige Ringe an gedunsenen oder gichtgekrümmten Fingern."

Um der US-amerikanischen Sterilität zu entkommen, büchst die Kulturgeschockte für einen Zweitagesausflug nach Mexiko aus. Nach der Buntheit und der Intensität des Lebens gierend, wird sie doch zu sehr von diesen bedrängt: "Das dicke, erstickende Tuch des Himmels mit den starren Sternen senkte sich nieder wie eine Vergewaltigung." M. flieht diese, setzt sich ins Auto, hört dort Vivaldi und fühlt sich gereinigt: "... ein Bad, eine Taufe, eine Segnung und Absolution." Es soll nicht sein: Natur und Kultur, Trieb und Geist wollen sich in Merkels Welt nicht verbinden lassen. Aber die Sehnsucht danach klingt durch jedes ihrer Worte - in einem klaren, strengen Ton.

Stefan Ender in FALTER 41/2004



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