Wissenschaft, die Grenzen schafft. Geschlechterkonstellationen im disziplinären Vergleich

Bettina Heintz, Martina Merz, Christina Schumacher


Die Soziologin Bettina Heintz hat mit Kolleginnen untersucht, wie Frauen im Wissenschaftsbetrieb (keine) Karriere machen.

Zur Jahrhundertwende, im Studienjahr 2000/01, schlossen in Österreich erstmals mehr Frauen als Männer ein Studium an einer Hochschule ab. Mittlerweile macht der Anteil der Absolventinnen schon knapp 52 Prozent aus. Je höher aber die Karriereleiter an Österreichs Universitäten, umso dünner wird die Luft nach wie vor für Frauen. Laut Daten des Bildungsministeriums von 2002 lag der Frauenanteil bei Uniassistenten bei knapp 26 Prozent, bei Professorinnen bei 6,8 Prozent.

Diese Daten sind so bekannt wie die Sonntagsreden der Politiker zahlreich, die zur Änderung der dafür verantwortlichen Rahmenbedingungen aufrufen. Dem jüngst erschienenen Buch "Wissenschaft, die Grenzen schafft" geht es nun nicht um diese Rahmenbedingungen - etwa die größeren familiären Belastungen oder das Fehlen sozialer Netzwerke von und für Frauen. Die drei Soziologinnen Bettina Heintz, Martina Merz und Christina Schumacher untersuchen darin vielmehr die Karrierebedingungen aus der Perspektive der Betroffenen.

Dazu wählten sie vier Institute einer Schweizer technischen Hochschule aus, beobachteten deren Alltag und führten mit Mittelbau-Vertretern beiderlei Geschlechts Interviews. Was im Jargon "soziologische Ethnografie" heißt, führt zu einer Reihe interessanter Ergebnisse - nicht zuletzt für die Autorinnen selbst. Ihre ursprüngliche Forschungsthese, wonach Distanzierung und Entfremdung von der Wissenschaft als Beruf mit dem Mittelbau beginne, ließ sich in dieser Einfachheit nämlich nicht verifizieren.

Geschlechtliche Differenzierung sei vielmehr "vielschichtig", so die Autorinnen. Obwohl Frauen in den höheren Rängen des Wissenschaftssystems deutlich unterrepräsentiert sind, konnten auf der Ebene der Selbstbeschreibungen keine durchgängigen Geschlechterunterschiede festgestellt werden. "Weiblich" oder "männlich" wird hier zu einem Faktor unter vielen, der zur wissenschaftlichen Identität beiträgt. Als mindestens ebenso wichtig stellen sich aber die Unterschiede zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen selbst heraus - und diese seien bisher von der Wissenschaftsforschung viel zu wenig beachtet worden, so Heintz und ihr Team.

Was diese Schnittstellen von geschlechtsspezifischen und disziplinären Unterschieden betrifft, so liefern die Berufsbiografien eine Reihe von Beispielen. Die meisten Meteorologinnen etwa hatten ursprünglich Physik inskribiert. Als Ursache für diese Studienwahl verweisen sie oft auf ein "Vorbild Vater" oder das Motiv, "etwas für Frauen Untypisches machen zu wollen". In der Pharmazie wiederum regiert die alte Gleichung "Apothekerin = Frauenberuf". Bei den Architekten wiederum handle es sich um ein ganz eigenes Völkchen. Nicht nur dass sie sich signifikant häufiger untereinander paaren, herrscht bei ihnen auch das geschlechtsübergreifende Bemühen vor, konsistente Biografien zu liefern.

Männer liefern hier die Erzählung der "charismatischen Figur", die schon als Kind zu Höherem (nämlich dem Architekten) berufen wurde. Frauen beziehen sich bei der Berufswahl auf den Reiz eines gewissen, gegenüber dem Elternhaus sich ausdrücklich absetzenden Milieus. Schwierig speziell für Frauen gestalte sich der Übergang in den Beruf: Die Welt am Bau ist männerdominiert, es gibt keine weiblichen Rolemodels. Die Arbeit in der Hochschule, die mit Kreativität und Selbstreflexion assoziiert wird, gilt hier im Vergleich schon wieder als "weiblich".

Lukas Wieselberg in FALTER 41/2004



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