Wie ich lernte, die Frauen zu lieben. Die amourösen Erinnerungen des András Vajda

Stephen Vizinczey, Carina Enzenberg


Weltberühmt, aber noch nicht bei uns: Der Hungaro-Amerikaner Stephen Vizinczey ist mit einem Roman und seinen literarischen Essays zu entdecken.

Sein Vater wurde von den Nazis erschossen, sein Onkel von den Kommunisten. Er selbst floh nach dem Scheitern des Aufstands von 1956 aus Ungarn über Umwege nach Kanada, wo er, studierter Literaturwissenschaftler und angehender Autor, sich in einem völlig fremden Sprachumfeld wiederfand. "Als mir klar wurde, dass ich mit einemmal ein Schriftsteller ohne Sprache war, fuhr ich mit dem Aufzug zum obersten Geschoß eines hohen Gebäudes an der Dorchester Street in Montreal, um hinunterzuspringen. Als ich vom Dach schaute und mich vor dem Tod fürchtete, aber noch mehr davor, mir das Rückgrat zu brechen und den Rest meiner Tage im Rollstuhl zu sitzen, beschloss ich, lieber zu versuchen, ein englischer Schriftsteller zu werden."

Schwer zu bestreiten, dass das dem 1933 geborenen Stephen Vizinczey (sprich: Wisinzei) gelungen ist. Mit dem Roman "In Praise of Older Women" legte er 1965 einen in viele Sprachen übersetzten Welterfolg vor; auch auf Deutsch erschien das Buch bereits zweimal (1967 unter dem Titel "Frauen zum Pflücken" und 1980 als "Lob der erfahrenen Frauen"), ohne allzu große Wellen zu schlagen. Weltweit wurden jedoch fünf Millionen Exemplare davon verkauft. Der Schirmer und Graf Verlag legt es nun, neu übersetzt von Carina von Enzenberg, unter dem Titel "Wie ich lernte, die Frauen zu lieben", wieder auf. Er kommt der Sache insofern näher, als András Vajda, der Erzähler des Buchs, ein nach Amerika emigrierter Literaturprofessor, davon erzählt, wie ihm erfahrene Frauen die Liebe leicht machten.

Er erzählt der modernen individualisierten amerikanischen Gesellschaft vom alten Zwischenkriegseuropa, dessen Kultur und dessen großfamiliäre Strukturen durch Krieg und Totalitarismus zerstört wurden. Vajdas amouröse Erfahrungen spielen in einem amerikanischen Militärlager in Österreich, im kommunistischen Budapest mit seiner Atmosphäre von Misstrauen und Ungewissheit, schließlich erneut in der Emigration. Sie führt Vajda in ein Land, wo man die Liebe anders sieht, ein Land, in dem sich "erwachsene Frauen wie Teenager benehmen". Im Reigen seiner Geliebten führt uns Vajda Frauentypen von der Mütterlichen bis zur Nymphomanischen, von der überhitzten Jungfrau bis zur mondänen Frigiden vor, und jede Einzelne bekräftigt das Motto: "Mit jemandem ins Bett gehen zu wollen, der so unerfahren ist wie man selbst, erscheint mir ungefähr so vernünftig, wie als Nichtschwimmer mit einem Menschen, der auch nicht schwimmen kann, in tiefes Wasser zu gehen."

Vajda liebt die Frauen, kein Zweifel. Wohl ebenso Autor Vizinczey. Er beschreibt Vajdas Affären erotisch, mit der klaren Sprache des Amerikaners vor dem Hintergrund des Alteuropäers. Sich selbst steht er demgemäß eher ironisch gegenüber. Dem Leser, schreibt er, hätten seine Erinnerungen vielleicht wenig zu bieten, "aber für den Autor hat sich die Mühe gelohnt: Es fällt mir immer schwerer, mich selbst ernst zu nehmen." So ist es nur logisch, dass er mitten in der amerikanischen sexuellen Revolution, mitten im Überfluss den tiefsten Frust erlebt.

Gewiss, das klingt nicht nur nach altem Europa, sondern ein wenig nach old school. Tatsächlich hat man diesen oder ähnliche Ausdrücke verwendet, um die literaturkritischen Essays von Vizinczey zu beschreiben. Unter dem Titel "Die zehn Gebote eines Schriftstellers" sind sie im gleichen Verlag erschienen. Literaturkritik alter Schule sei es, was Vizinczey mache, nichtsdestoweniger hinreißend. Das finde ich auch, und wenn ich hingerissen werde, ist mir das Alter der Schule gleich. Ich mag Vizinczeys ursprünglich in angelsächsischen Weltblättern erschienene Essays zur Literatur noch mehr als seinen Roman, denn in ihnen tritt unverhohlen zutage, was der Autor im Roman so direkt nicht ausspricht.

Vizinczey liegt vor allem am Gebot der Wahrheit, und konsequenterweise verfolgt er die Lüge, wo er sie trifft. Er geht zwar nicht so weit, Schriftsteller aufgrund ihrer Taten anstatt aufgrund ihrer Schriften zu beurteilen, aber er wägt ihre Schriften und ihre Taten und beurteilt sie als ganze Menschen: den Marxisten Georg Lukács, der Glänzendes über den Realismus sagte, aber willig das von den Stalinisten vergossene Blut übersah; den Romancier Herman Melville, der "der böswilligsten Lüge der ganzen Literatur" Gestalt verlieh, nämlich jener, "dass ein Mensch seinen Scharfrichter lieben kann"; das Genie Goethe, das er in Bausch und Bogen zum Speichellecker erklärt. Vizinczey kann ihm nicht verzeihen, dass er offenbar der Ansicht war, "dass der Literatur kein höheres Maß an Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit als irgendeinem Regierungskommuniqué zukomme". Nabokovs "Lolita" wird nüchtern als das charakterisiert, was sie ist, eine gut vernebelte Verherrlichung des Kinderschändens, und ihr großartiger Autor, der "ärgerlicherweise gerade dann am besten schrieb, wenn er log", wird deshalb der moralischen Unvollkommenheit geziehen.

Man sieht: Vizinczey ist ein Moralist, entschlossenen Urteils und fähig, seine Ansichten ebenso elegant wie durchschlagend zu formulieren. Nicht Literatur gegen Leben zu stellen, sondern Literatur als Entscheidung für das Leben zu zeigen ist seine Absicht. Stendhal, Balzac, Kleist sind seine Heroen. In seinen Essays rühmt er offen, was ihm erstrebenswert erscheint (wem nicht?): "Zu leben, zu lieben, frei zu sein." Sein Ideal: "Völlige Hingabe und zugleich völlige Distanz." An seinen Lieblingsschriftstellern schätzt er, dass sie weitab von modernem "ideologischem Optimismus" um die "Grundgegebenheit unseres Lebens" wissen, um das unvorhersehbare Chaos. Hinter jeder Finsternis des Lebens "liegt die noch finsterere Welt des Unvorhersehbaren". Wegen dieser Deutlichkeit zeigt der Reigen der Schriftsteller, die er vor uns treten lässt, mehr von der Leidenschaft des Autors Vizinczey für das Leben als der Frauenreigen in seinem Roman; abgesehen davon, dass die Frauen darin kommen und gehen wie auf dem Laufsteg, während die literarischen Lügner und Wahrheitssucher miteinander verbunden sind, oft genug in ein und derselben Person.

Müsste ich wählen, ich nähme die Essays. So freue ich mich über beide Bücher. Auch, weil ihre Gestaltung Lob verdient, wie die aller Bücher des erst zwei Jahre alten Berliner Verlags Schirmer und Graf. Ihre Ausstattung stammt vom englischen Designer Paul Barnes, die Deckel sind aus Leinen, sie haben passende Lesebändchen, ein heute seltener Luxus, und elegante Umschläge.

Armin Thurnher in FALTER 41/2004



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