Die treibende Kraft. Feuilletons

Theodor Herzl, Marcus Patka


Eine schmale Auswahl der Feuilletons von Theodor Herzl versucht den Begründer des Zionismus als Schriftsteller neu zu entdecken.

Viel Energie muss man besitzen, wenn man es in 44 Jahren schafft, eine solch nachhaltige Wirkung in der Weltgeschichte zu hinterlassen! Als Theodor Herzl mit 44 Jahren starb, hatte er alles getan, unsterblich zu werden. Als Begründer der zionistischen Bewegung wird man ihn niemals vergessen.

Vergessen aber ist Theodor Herzl, der Sohn aus wohlhabendem, assimiliertem Elternhaus in Budapest, als der, der er einmal werden wollte und der er die meiste Zeit seines Lebens war: als Schriftsteller. Vergessen sind insbesondere die Theaterstücke, auf die der junge Herzl alles setzte und deren zeitgenössische Erfolge nicht nur ihrem Autor eher bescheiden schienen.

Und vergessen ist auch die Prosa, die er zuerst als Pariser Korrespondent, später als Redakteur der Neuen Freien Presse schrieb, der wichtigsten Tageszeitung der k. u. k. Monarchie. Dabei gehörten seine Texte doch in die Gattung Feuilleton, und aus diesem Zeitungsterrain haben es um und nach 1900 gerade so viele Wiener Texte hinüber in die große und dauerhafte Literatur geschafft. Tatsächlich dürfte zu keiner anderen Zeit und an keinem anderen Ort der Welt so sehr aus der Zeitung heraus, mit ihr und gegen sie Literatur geschrieben und betrieben worden sein. Allen voran hat (meine persönliche Wertung!) Alfred Polgar das Literarische am Feuilleton als die Konfrontation von Tatsache und Bewusstsein präzisiert; Peter Altenberg schreibt gewissermaßen seine eigene Zeitung der Seele; und Karl Kraus entwickelt im Kampf mit der Tagespresse seine Sprachphilosophie.

Herzl steht um 1900 als Feuilletonredakteur der NFP inmitten dieser hochinteressanten literarischen Bewegung. Aber er ist kein wesentlicher Teil von ihr. Es ist kein Geheimnis der Literaturgeschichte, dass Herzls Feuilletons das damals Übliche der Gattung repräsentierten. Sie sind zwar in Teilen auf den impressionistischen Tonfall der Zeit gestimmt, sie spiegeln die entsprechende Haltung des Flaneurs oder Dandys - aber mehr noch orientieren sie sich am "klassischen" Wiener Feuilleton der Vormoderne, wie es von Ferdinand Kürnberger und Ludwig Speidel vertreten wird. Herzl schreibt eher Plaudereien als konzentrierte, selbstständige Texte. Deren eigene Geschwindigkeit ist auch dann, wenn sie von Automobilen und lenkbaren Luftschiffen schwärmen, die des 19. Jahrhunderts. Und ihre Urteile sind nicht scharf und pointiert, sondern oft behäbig mit einem leichten Stich ins Oberlehrerhafte.

Prosa eben aus der Zeit und für die Zeit. Bei der Umsetzung ins Buch erweise sich, so heißt es immer wieder, ob sie die Probe aufs Literarische bestehe. Herzl hat kurz vor seinem Tod eine Auswahl seiner etwa 280 Feuilletons in zwei Bänden herausgegeben: immerhin siebzig Stücke. Erst nach acht Jahren gab es davon eine zweite Ausgabe. Es dauerte dann über siebzig Jahre, bis André Heller eine Auswahl des inzwischen so berühmten Herzl edierte. Und nun, herausgegeben im Auftrag des Jüdischen Museums und der Israelitischen Kultusgemeinde Wien von Museumskurator Marcus G. Patka, eine neue Auswahl. "Die treibende Kraft" heißt sie. Sie versammelt gerade einmal 13 Texte, und ich finde sie durch und durch unglücklich.

Warum zum Beispiel hat man sich bei der Auswahl nicht an das gehalten, was Herzl selbst für sein Bestes gehalten und sicher für den Buchdruck bearbeitet hat? Stattdessen sechs Texte über die (um 1900) moderne Technik, die der Herausgeber Patka "visionär" nennt, die aber doch eher Herzls freundlich-betuliche Freude am feschen Rasen des Fortschritts zeigen. Und dann sieben Feuilletons, die so exotischen Orten wie Ägypten oder dem Klondyke gelten und, so der Herausgeber, nicht wie andere Reiseberichte Herzls "den Eindruck der Serienproduktion" erwecken. Hingegen erscheint es Patka "von besonderem Interesse, nicht zuletzt unter dem Blickwinkel der Globalisierung, nachzulesen, was Herzl vor mehr als hundert Jahren über außereuropäische Zivilisationen schrieb".

Technische Visionen und Globalisierung! Ohne solche Aktualitätskrücken hätte Herzls Prosa besser laufen können! Man merkt dem Band den inneren Legitimationsdruck an, unter dem er so schmal geworden ist und sich so klein gemacht hat. Es fehlt an allem: an einer vertretbaren Richtlinie für die Auswahl, an einem halbwegs brauchbaren Literaturverzeichnis und an einer Einschätzung dieser Prosa, die sich nicht um literarische Urteile drückt. Auch der Nachworter Professor Langenbucher hat für Herzls Texte nur wenig mehr als zwei Seiten und die Phrase von den "ungehobenen Schätzen" übrig. Und ist es wirklich ein Lob des Autors, wenn er dessen Satz "Augen und Ohren weit offen und empfänglich für die tausend Wunder" eine "lernenswerte Maxime" nennt? Rasch spricht er dann auch lieber über die Theodor-Herzl-Dozentur für Journalistik an der Wiener Universität.

Man soll, heißt es unter Autoren und Kritikern, über Klappentexte die Klappe halten. Aber ich kann nicht. Auf dem hinteren Umschlag nennt der Auswahlband in einem letzten Aufschwung der Selbstrechtfertigung Herzl einen "faszinierenden Visionär und Kulturanalytiker". Mit solchen Begriffen erschlägt das Buch die Texte vollends. Ich kann nur raten, sich die Ausgabe von 1903 (2. Auflage 1911) zu besorgen. Wenn Herzl über sein Wien schreibt, dann erscheint in diesen Texten viel vom Bewusstsein dieses Mannes mit der so folgenreichen Vision. Wie er, der nach Palästina wollte, gleichzeitig sein Wien und damit auch das Wien der nichtjüdischen Wiener liebte, das ist zumindest insofern lesenswert, als es dem Bild dieses bedeutenden Menschen wichtige Aspekte hinzufügt.

Burkhard Spinnen in FALTER 41/2004



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