Drei Männer. Novelle

Walter Grond


In "Drei Männer" nähert sich Walter Grond einer faszinierenden Frau des Fin de Siècle an.

Es gehört eine gute Portion Frechheit dazu, eine Geschichte über drei Männer "Drei Männer" zu nennen und im Nachwort kundzutun, dass sie von Musils Novellen "Drei Frauen" inspiriert sei. Aber man weiß ja: Frechheit siegt. Walter Gronds Buch ist eigentlich gar keine Geschichte über drei Männer, sondern eine Geschichte über eine Frau, für die drei Männer als literarische Steigbügelhalter fungieren. Und Gronds Text ist auch keine "Novelle", wie es im Untertitel heißt, sondern eine Erzählung in drei Episoden. Schon gar nicht ist "Drei Männer" eine "digitale Novelle", wie das wiederum das Nachwort behauptet, es ist ein handfestes Stück Literatur, das genauso gut mit Bleilettern gesetzt sein könnte.

Grond hat sich auf der Suche nach einem literarischen Stoff einmal mehr im Morgenland umgeschaut und ist gleich vor der Haustür fündig geworden. Seine Protagonistin Djavidan Hanum war eine historische und, wie es so schön heißt, schillernde Gestalt: die Frau des ägyptischen Khediven, Jahrgang 1877, von Geburt eine ungarische Adelige - oder auch nicht, die Herkunft blieb ihr Leben lang ungeklärt. Der Khedive hatte sie in Wien kennen gelernt, und sie war ihm, obwohl verheiratet, sogleich in seinen Harem gefolgt.

Nach ihrer Scheidung - eine andere Frau hatte ihr den Rang abgelaufen - führte Djavidan Hanum ein Schönheitsinstitut in Wien und ließ sich eine angeblich haremsbewährte Hautcreme patentieren. In den 1920er-Jahren tauchte sie als männerfressende Bohemienne in Berlin auf, wiederum standesgemäß verheiratet, aus praktischen Namensgründen mit ihrem Onkel, einem österreichischen Diplomaten, was ihr erlaubte, sich ganz legal wieder May Gräfin Török zu nennen. In Berlin kreuzte sie die Wege Gerhart Hauptmanns und Robert Musils, bewog diesen angeblich zu seiner so genannten Posse "Vinzenz oder die Freundin bedeutender Männer". Ihren Lebensabend verbrachte sie, nun wieder als "Prinzessin" Djavidan Hanum, in Graz, wo sie 91-jährig starb.

In seiner Erzählung spiegelt Walter Grond das Schillernde dieser Frau im Blick dreier Männer auf sie: Ismail, der Eunuch, fungiert als unbewaffneter Doppelgänger seines Herrn, einer, der auch will, aber halt nicht kann, worin ihm "Der Romancier", hinter dem sich Musil nicht verbirgt, gleichgestellt scheint: Zwischen ihm und der Löwin der Salons bleibt es bei der Erotik des Wortes. Am nächsten kam der Geheimnisvollen wohl der dritte Mann, Philipp G., der viel jüngere Lebensgefährte ihrer Grazer Zeit.

"Sie hatte nur einen Fehler, den, dass sie in einem ganz ungewöhnlichen Maß schon durch den Anblick von Männern erregbar war. Sie war durchaus nicht lüstern; sie war sinnlich, wie andere Menschen andere Leiden haben", sagt Musil im "Mann ohne Eigenschaften" über die Nymphomanin Bonadea, deren Lieblingswort "hochanständig" ist. Bei Grond fühlt der Romancier eine "charakterliche Nähe zu Meh", wie er die inspirierende Dame bei sich nennt, "einem inzestuösen Verlangen verwandt, das sich Ausdruck verschafft. Seine männliche Energie floss auf das Papier, während Meh ihren Körper von Launen anderer beschriften ließ."

Die Femme fatale als Fleisch gewordene Männerfantasie ("keine Frau, sondern ein Stück Wildnis") wird in dieser Geschichte mehr umkreist denn angepackt. Die Heldin, die Klavier spielt, schreibt und malt, die Sacher-Masoch liest, ihr Leben erfindet und nach Bedarf umdichtet, gewinnt ihre Kontur wie hinter einem feinen Schleier. Grond bedient sich der Faszinosa der Jahrhundertwende und der Zwischenkriegszeit, der Sehnsucht nach dem Orient, der Erotik von Verwandlung und Verkleidung - aber das Rätsel Weib will er gottlob nicht lösen. So setzt er in "Drei Männer" auch stilistisch auf Distanz und Sprödigkeit, auf das Leidenschaftlich-Hölzerne der zeitgenössischen Belletristik; hie und da zeigt sich der Holzwurm: "Seine aufmerksame Gattin ängstigte sich, ihn durch irgendetwas bei seiner literarischen Arbeit zu stören", heißt es über den Romancier. Bläst man das bisschen Holzstaub weg, bleibt ein hübsches, praktisches Möbelstück, sagen wir: ein Diwan.

Daniela Strigl in FALTER 41/2004



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