Der letzte Freund

Tahar Ben Jelloun, Christiane Kayser


In seinem kurzen Roman "Der letzte Freund" singt Tahar Ben Jelloun das Hohelied der Männerfreundschaft.

Jetzt gebe ich dir zurück, was dir zusteht. Unsere Freundschaft war ein schönes Abenteuer. Sie endet nicht mit dem Tod. Sie lebt weiter in dir."

Die Schlusspassage von Tahar Ben Jellouns Roman "Der letzte Freund" schließt sich in einer Kreisbewegung zum Anfang: "Er sagte immer wieder: Worte lügen nie; es sind die Menschen, die lügen. Ich bin wie die Worte." Was sich dazwischen entfaltet, ist thematisch aus Ben Jellouns früheren Büchern "Das Schweigen des Lichtes" oder "Labyrinth des Gefühls" reichlich bekannt: nordafrikanisches Leben in den 1960er-Jahren, Freundschaft, Sex, politischer Kampf, Unterdrückung und Gefängnis, westlicher Lebensstil im Konflikt mit traditionellem Islam, Exil und Emigration. Allerdings: Wirkliche Lebendigkeit der Erzählung, eine Knappheit des Stils, die fast ans Klassische grenzt, Offenheit der Form, ein Spiel der Worte, das jede Lüge in eine unvergängliche Wahrheit zu verwandeln vermag, hat der Franzose marokkanischer Herkunft, der als der bedeutendste lebende arabische Romancier gilt, erst mit diesem 157-seitigen Kurzroman erreicht.

"Der letzte Freund" ist die Geschichte einer simplen Männerfreundschaft. Wir schreiben 1958, Marokkos Nachbarland Algerien blutet unter einem erbarmungslosen Krieg. "Freundschaft beginnt damit, dass man Geheimnisse teilt und Vertrauen entsteht", und traditionellerweise entsteht Vertrauen durch Hilfe. Mamed, der kleingewachsene, unansehnliche Junge, der seine Worte vor allem dazu braucht, um die anderen durch Späße zu verführen, verteidigt Ali, als dieser von den Stärkeren als "Zecke" und "Jude" beschimpft wird. Das erste Geheimnis der beiden sind Mädchen, oder genauer gesagt, der Traum von Mädchen, denn vorerst "gönnen sie sich nur einen Strohhalm" - sie onanieren wie die Blöden. Die Buben überbieten sich in harschen Machosprüchen, man befindet sich im Dauerräsonnement über die Jungfräulichkeit diverser Nachbarstöchter und Kusinen. Erste Bordellbesuche und das Entsetzen darüber.

Ali und Mamed brechen eifrig die Vorschriften des Koran, der Vorname des Propheten wird ebenso leidenschaftlich entstellt, wie sie zu Zeiten des Ramadan gerne Schinken essen und ein Glas Wein dazu trinken. "Wenn es nicht über Sex ging, sprachen wir über Kultur und Politik." Vorrangige Interessengebiete: Jazz, der Entkolonialisierungstheoretiker Frantz Fanon, das europäische Kino von Bergman bis zur Nouvelle Vague.

Die Wege der beiden Rabauken trennen sich, als Ali nach Kanada geht, um Filmwissenschaft zu studieren, und Mamed in Nancy ein Medizinstudium beginnt. Die Sommerferien verbringen beide dennoch in Tanger, und zwar mit ausführlichen Berichten über die Eroberungen in der Fremde: "Die französischen Mädchen stehen auf Marokkaner." Mamed ist der Kommunistischen Partei beigetreten; Parteidisziplin heißt in seinem Fall: "Ich ficke aber nie mit Genossinnen."

Im Jahre 1966 finden alle jugendlichen Illusionen und Phrasendreschereien ein abruptes Ende: Die beiden Maghrebiner begeistern sich für die Ideale der weltweit protestierenden Stundenten, werden verhaftet, finden sich nach einigen Wochen Haft in einem äußerst brutalen Militärdienst wieder: Als Ali Mamed nach einer schweren Lebensmittelvegiftung das Leben rettet, ist die Freundschaft auf ewig gefestigt. Während Ali schließlich an einem Institut in Tanger unterrichtet, übersiedelt Mamed, fertiger Pneumologe, im Dienste einer internationalen Organisation nach Stockholm. Zwar wird noch eine Zeit lang über Politik, Kunst und Kultur schwadroniert, die eigentlichen Lebensentscheidungen aber - Alis kinderlos bleibende Ehe mit Soraya und seine Seitensprünge mit einer spanischen Sekretärin, Mameds Entscheidung für ein Leben im Westen - bleiben in den Gesprächen der Freunde ausgeblendet. Vom sarkastischen Humor früherer Tage ist nur ein Bob-Marley-Zitat geblieben: No woman - no cry! Schließlich kündigt Mamed die Freundschaft auf, er sei von Ali - dem aus Fes, der immer nur auf seinen Vorteil bedacht gewesen sei - eigentlich nur ausgenutzt worden. Alis Versuche, die Situation zu klären, lässt Mamed unbeantwortet, er kehrt schließlich in die Heimat zurück und stirbt.

Der zweite Teil des Buchs erzählt in einer Art Gegenschuss die Spiegelschichte dieser merkwürdigen, unvollendeten Freundschaft und liefert Mameds Perspektive nach. "Der Bruch zwischen uns würde ihn überraschen, ihm aber letzten Endes weniger weh tun", räsoniert der mittlerweile von Chemotherapie und Einsamkeit schwer gezeichnete Mamed, der seinem Freund den eigenen Tod ersparen möchte. Das einzige Mittel, die Freundschaft aufrechtzuerhalten, erblickt er paradoxerweise in deren Aufkündigung: Stärker als die Freundschaft, die beide Männer ein Leben lang auch gegen ihre Ehefrauen verteidigt haben, ist die Liebe, die allein den Tod überwinden kann - und das Ganze um den Preis der Wahrheit. "Wörter lügen nie, es sind die Menschen, die lügen." Überdies kommentiert der auktoriale Erzähler, der sich in die doppelte Ich-Erzählung immer wieder einschaltet, bitter, er habe selbst nie einen Freund gehabt.

Tahar Ben Jelloun hat mit "Der letzte Freund" nicht nur einen großen Roman über nordafrikanische Verhältnisse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschrieben. Das Hohelied auf eine Männerfreundschaft, für eine arabische Gesellschaft vielleicht nicht allzu überraschend, ist vor allem aber eine eindringliche Reflexion über Schmerz, Tod und Vergänglichkeit. Dass Tahar Ben Jelloun eine ganze Menge banaler und klischeehafter Sexszenen bedarf, sei nicht verschwiegen: Mehr als um ein Zugeständnis an die Leser von Kundera bis Houllebecq und mehr als um Bruch muslimischer Tabus handelt es sich dabei um ein Vehikel, um noch einmal vom Leben als Ganzem zu sprechen. Es wird auf düstere Weise als Spiegel des Todes vorgeführt, der sich nur durch ein Mittel überlisten lässt: durch die Lüge, also durch Worte. Tahar Ben Jelloun ist ein Meister dieser Worte und vermutlich einer jener Autoren, deren Bücher in der alljährlichen Flut von bedrucktem Papier es gewiss verdienen, gelesen zu werden.

Erich Klein in FALTER 41/2004



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