Rechtsanwälte, Linksanwälte. 1971-1981. Das Rote Jahrzehnt vor Gericht

Hellmut Brunn, Thomas Kirn


Ein Vierteljahrhundert nach dem Deutschen Herbst, dem Höhepunkt der Machtprobe zwischen Linksradikalen und Staatsgewalt, hätten die Entführer des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer bedauernd zugegeben, "dass ihnen nie die Idee gekommen war, ihre Geiselnahme politisch umzusetzen" - räsonieren der Alt-68er Hellmut Brunn und der bürgerliche Journalist Thomas Kirn. Schleyer war als NS-Funktionär für die "Arisierung" der Tschechoslowakei mit verantwortlich. Warum hat die RAF nie versucht, Entschädigung für ehemalige Zwangsarbeiter zu erpressen? Weil sie von Beginn an nur das Ziel verfolgte, Baader, Meinhof und Nachfolger zu befreien. So jedenfalls sieht es das Autorenduo einer Rekapitulation der deutschen Justiz im Roten Jahrzehnt.

Obgleich viele ihrer Thesen überzeugen, unterschlagen Brunn und Kirn in "Linksanwälte, Rechtsanwälte" zugleich so viele Details, dass ihre Rekonstruktion letztlich unterm Strich einer unterschwelligen parteiischen Abrechnung nahe kommt. Zum Beispiel als am 4. September 1968 ein Mitglied der Berliner Kommune I im Gerichtssaal die Hosen runterlässt, sein Geschäft verrichtet und sich den Hintern mit einer Kopie der Anklageschrift wischt. Brunn und Krin bewerten den legendären "Shit-in" als "die plakativste Form, Verachtung gegenüber der Justiz auszudrücken".

Das ist so nicht richtig. Die fehlenden Zusammenhänge ergänzt Ulrich Enzensberger, ebenfalls Mitglied der Kommune I, in einer Innenansicht des wilden Jahrzehnts, die ob ihrer Vielschichtigkeit zu den Standardwerken zum Thema zu zählen sein wird. Kurz vor der Verhandlung war einem Gesinnungsgenossen im Polizeigewahrsam nämlich das Toilettenpapier verweigert worden. Als Gammler habe er sich, so die Beamten, gefälligst mit der bloßen Hand abzuwischen. Mit dem "Shit-in" hat sich die APO folglich gegen Verachtung gewehrt. Das so herum darzustellen ist nicht nur korrekt, sondern wichtig.

Brunn und Krin halten das Attentat auf Rudi Dutschke 1968 für den Beginn der terroristischen Mobilmachung, die letztlich erst 1989 zu Ende ist. Enzensberger, der viel klarer analysiert, rückt ein früheres Datum in den Vordergrund: den 2. Juni 1967, nach dem sich später Inge Vietts erste Stadtguerilla benennen sollte. An diesem Tag erschießt ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg. Ohne Grund. Und auch nicht aus Notwehr. Aber nach dem Schuss wird über Polizeifunk, dann über Rundfunk bekannt gegeben, ein APO-Student habe einen Polizisten getötet.

Diese Desinformation polarisiert bereits verhärtete Fronten ins Psychopathische. Ohnesorg ist eben beerdigt, als Dutschke auf einem APO-Kongress erklärt, dass direkte Aktionen, also Gewalt, gegen staatliche Einrichtungen nun legitim sind. Entsetzt prägte der Philosoph Habermas den Begriff der "faschistoiden Linken", reist ab, kehrt kurz darauf zurück, um die APO spontan mit der Frage zu konfrontieren, ob sie glaube, dass ihr Vorgehen von der Bevölkerung verstanden werden wird.

Deutschland 1968 Vier Neuerscheinungen stellen sich auf sehr unterschiedliche Weise den Geschehnissen in Deutschland rund um 1968 - einmal uneinsichtig, einmal differenziert, einmal parteiisch und einmal allzu fragmentarisch.

Die radikale Linke hat abgewirtschaftet. Sie existiert. Aber nur noch in Gestalt von konzeptarmen Globalisierungsgegnern und ein paar letzten Fossilien aus einer anderen Zeit. So wie Inge Viett, die sich noch immer um das Eingeständnis herumdrückt, dass sie als Mitglied der Stadtguerilla-Fraktionen "Bewegung 2. Juni" und RAF nicht die Weltrevolution, sondern den Überwachungsstaat herbeigebombt hat. In "Morengas Erben" reist sie nach Namibia, wo sie das Terrain für eine weitere Schlacht für eine sozialistische Gesellschaft auskundschaftet. Das Land wird als geeignet empfohlen.

Verstehe heute einer, wie es dazu kommen konnte, dass von 1968 an Kohorten junger Leute Ideale durchboxen wollten, die sich in der Rückschau als so totalitär entlarven, dass man ein Loblied auf die europäischen Demokratien singen will. Was ließ die Intelligentesten ihrer Generation so blind werden, dass manche noch heute im Che den von Wolf Biermann besungenen "Jesus mit der Knarre" erkennen? Der Guerillero wurde längst als egoistischer Abenteurer enttarnt, der für seinen privaten Adrenalinkick die Revolution ausrief.

Der von Missverständnissen geprägte Streit, der sich 1968 um den "Verräter" Habermas entzündet hat, ist auch in "Gefundene Fragmente" dokumentiert. Anarcho-Veteran Bernd Kramer reiht nahezu kommentarlos Flugzettel, juristische Dokumente und Diskussionsprotokolle aneinander und verlässt sich - vergeblich - darauf, dass der krude Jargon einer anderen Zeit aus sich selbst heraus verständlich geblieben wäre.

Enzensberger hingegen hat sich die unverzichtbare Mühe gemacht, die politischen Zusammenhänge aufzuschlüsseln, vor denen der Glaube an Mao und Che und das Puddingattentat und die Rauchbomben der Kommune sinnvoll und ungeheuer sympathisch erscheinen.

Doch schon 1967 ist bei ihm die Bewaffnung der Linken und ihr Zerfall in sektenhafte Gruppierungen vorprogrammiert. Polizei, Justiz und ein Agent Provocateur, der Mitte der Sechzigerjahre in die Szene geschleuste V-Mann Peter Urbach, der Dutschke zu einem Bombenanschlag angestiftet und entsprechend großen Raum in "Die Jahre der Kommune I" einnimmt, diktierten einer ursprünglich tief pazifistischen Bewegung ihren Weg zum Konzept Stadtguerilla.

Der Tod Benno Ohnesorgs bot die letzte Chance, der Kluge zu sein, der nachgibt, und einseitig abzubrechen. Aber Dutschke und Co waren stur und nahmen das Angebot an, sich im Drehbuch der Zeitgeschichte die Rolle der Terroristen verpassen zu lassen.

Martin Droschke in FALTER 41/2004



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