Dr. Ankowitschs kleines Konversationslexikon

Christian Ankowitsch


Der britische Fotograf und Designer Ben Schott hat obskure Wissensbestände originell aufbereitet. Christian Ankowitsch hat es ihm mit Erfolg nachgemacht.

Mit Wissen zu prahlen, ist schick geworden, dem Kult um Armin Assinger und der "Millionenshow" sei's gedankt. Uncool ist, wer nicht mitmacht beim Um-Sich-Schleudern mit nutzlosem Wissen. Pfiff hat, wer alle Antworten der Brettspielversion auswendig lernt wie einstmals seine Lateinvokabeln. So einer besteht auch jeden Bewerbungstest! Ist fit für die Jobbörse. Macht Karriere. Hat Zukunft.

Die wahre Elite freilich, die Profis der Klugscheißerei, findet es reichlich öde, am abendlichen WG-Tisch immer nur wissen zu dürfen, was Spieledesigner als originell und fragenswert definiert haben. Sie bevorzugt die Königsdisziplin der Klugscheißerei, um die WG-Genossen verbal an die Wand zu drücken. Sie ist nämlich in der Lage, die rhetorische Frage: "Wisst ihr eigentlich " zu bilden und sogleich einen Nebensatz anzuschließen. Diesen zum Beispiel: "Wisst ihr eigentlich, was ,Ich liebe dich' in der Sprache der Zulus heißt?" Kurze Pause, dann: "Nein?" Mit überdeutlich betontem Fragezeichen.

In Großbritannien und den USA ist diese nervigste aller Versionen der Angeberei so populär, dass es ein unerlaubtes Hilfsmittel zum Megabestseller gebracht hat. Auch ein Faktenwissensgenie ist nicht vor den Kapriolen des Gehirns gefeit. Wie peinlich: Man sitzt zusammen und nur den anderen fallen sinnlose Dinge ein! Das Hilfsmittel ist "Schotts Sammelsurium" und kennt alle James-Bond-Filme, Wettersprichwörter, Planetendaten und natürlich die wichtigsten Leute, die auf dem Cover der Beatles-Platte "Sgt. Pepper" zu sehen sind.

Gekauft, heimlich auf dem Klo deponiert und von nun an in schwachen Momenten schnell einmal austreten gegangen und mit der fröhlichen Frage zurückgekehrt, ob denn hier jemand wisse, wie viele Salatköpfe die Titanic auf ihrer Jungfernfahrt dabei gehabt hat. "Wisst ihr nicht? Wisst ihr echt nicht? Ihr Luschen! Ich sag's euch. Es waren genau 7000." Betretenes Schweigen. "Wisst ihr wenigstens, wie viele Flaschen Bier ? Wisst ihr auch nicht? Ihr Flaschen! Wisst ihr denn irgendwas? Genau 20.000." Und wieder hat "Schotts Sammelsurium" der Mehrheit die Laune verdorben.

Weil er ein originelles Weihnachtsgeschenk für seine Kunden brauchte, gewöhnte sich der heute 31-jährige Fotograf und Designer Ben Schott an, in Bibliotheken und auf Internetseiten nach entbehrlichen Fakten zu fahnden: zum Beispiel die Bibelstellen und Lieder, die das schluchzende Volk am 6. September 1997 bei der Trauerfeier für Prinzessin Diana zu hören bekam. Schotts Projekt ist so meschugge, dass auch die jetzt erschienene deutsche Version reichlich Fans finden dürfte.

Sortiert ist das Unwissenswerte nach dem Prinzip des Irgendwie-Durcheinander. Es gibt keine systematische Ordnung. Was man gelesen hat, geht sofort wieder verloren. Das ist Kalkül. Und geht auf. Die Toilettensitzungen der Profiklugscheißer sind von auffällig langer Dauer. Sobald sie den Spickzettel aufgeschlagen haben, saugt sie kindische Neugierde in eine magische Welt der Zahlen, Daten und Fakten, erliegen sie ihrer Faszination für Informationshülsen. In "Schotts Sammelsurium" zu blättern, ist wie Surfen durchs Web. Man lässt sich treiben, kommt wie ferngesteuert von einer zur nächsten Seite, entwickelt heftige Suchterscheinungen.

Pech für den Ex-Falter-Redakteur und eingefleischten Besserwisser Christian Ankowitsch, dass "Schotts Sammelsurium" ausgerechnet jetzt auf den deutschsprachigen Markt kommt. Denn eigentlich sollte keiner merken, dass sein "Kleines Konversationslexikon" eine - zumindest dem Konzept nach - detailgetreue Kopie des GB/US-Erfolgstitels ist und der Wahlberliner ein Plagiator. Sogar die Typografie ist vom Original abgekupfert.

Was die Sinnlosigkeit angeht, steht er Schott allerdings in nichts hinterher. Während das Sammelsurium informiert, dass "Ngiyakuthanda" auf Zulu "Ich liebe dich" heißt, erklärt Ankowitsch, dass die japanischen Wörter für Neurose, Potenz und Pickel aus dem Deutschen entlehnt sind. Trotzdem: Der Unterschied ist gravierend. Findet die WG auf dem Klo den Spickzettel Schott, muss sich der Klugscheißer nur was schämen. Findet die WG aber den Spickzettel Ankowitsch, heißt es: "Der Klugscheißer kann nicht einmal die Kopie vom Original unterscheiden."

Martin Droschke in FALTER 41/2004



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