Neue Vahr Süd

Sven Regener


Sven Regener hat es wieder getan: Sein neuer Roman "Neue Vahr Süd" verspricht, auch lesemüde Bobos hellwach zu machen.

Die Meldung, Sven Regener habe eine Fortsetzung als Vorgeschichte zu seinem Erfolgsroman "Herr Lehmann" (2001) geschrieben, verbreitete sich blitzartig. Schließlich kommt es selten vor, dass von einem Buch eine Million (!) Exemplare verkauft und es dabei von Marcel "Ich lache nur ungern unter meinem Niveau" Reich-Ranicki bis zur jungen, dynamischen Bobo-Zielgruppe durch die Bank dankbar angenommen wird.

Ebenso schnell machte sich jedoch auch Skepsis breit. Nicht nur klang der angekündigte Titel "Neue Vahr Süd" zumindest mittelschwer bescheuert, auch der avisierte Umfang von rund 600 Seiten legte die Vermutung nahe, hier wolle jemand ganz dringend kommerziellen Selbstmord begehen. Und dann noch der Inhalt: Herr Lehmann, hier noch als der 19-jährige Frank, stolpert durch seine Wehrdienstzeit. Würde man das so genau wissen wollen? Drohte gar ein Revival des Landserhumors? Für Entwarnung sorgte schließlich der Spiegel, dessen Rezensent den Roman als Erster lesen durfte: "Erstaunlicherweise will man es dann wirklich so genau wissen."

Aber kam es wirklich so überraschend? Zwei Gründe sprechen dagegen: Zum einen hatte noch alles, was Sven Regener anpackte, Hand und Fuß. Das gilt für seine schon mehr als zwanzig Jahre erfolgreich bestehende Kneipenabsturzcombo Element Of Crime - und das galt, bislang jedenfalls, auch für seine literarische Arbeit. Zum anderen ist er eine alte Rampensau; unangepasst zwar und mit rauer Schale, aber eben auch inklusive weichen Kerns und des nachvollziehbaren Wunsches, mit seiner Kunst möglichst viele Menschen zu erreichen. Kein Zufall, dass der 43-Jährige kürzlich im Standard-Interview beim Thema "Altern im Showgeschäft" ausgerechnet auf Udo Jürgens kam, der ja auch bis zum Umfallen auf der Bühne stehen werde.

"Neue Vahr Süd" ist gewiss fesselnder als Jürgens' kürzlich erschienene Familienchronik "Der Mann mit dem Fagott" (obwohl die das Rennen um den funkigeren Titel klar für sich entscheiden konnte), grundsätzlich treibt die beiden Teilzeitautoren jedoch derselbe, von Robbie Williams gültig formulierte Wunsch an: "Let me entertain you!" Ein Buch funktioniert hier nach derselben Logik, nach der Konzerte von Element Of Crime wie Udo Jürgens gern auch mal ein bisschen länger dauern dürfen: Warum aufhören, wenn's gerade so schön ist und man noch das ein oder andere Lied auf Lager hat? Regener erspart sich und seinen Lesern allerdings den Bademantelauftritt am Schluss.

In der Wahl seiner Mittel ist "Neue Vahr Süd" feiner und gegenüber "Herr Lehmann" ein deutlicher stilistischer Fortschritt. Mit sympathischem Understatement macht sich Regeners kunstvoll-unprätentiöse Schreibe bewusst kleiner, als sie tatsächlich ist. Wer erzählen kann, der muss es nicht ständig krampfhaft beweisen.

Und Regener kann: "Neue Vahr Süd" (benannt nach dem Stadtteil Bremens, in dem Frank aufwuchs) ist zwar auch eine Kasernengeschichte, dahinter verbirgt sich aber ein erstaunlich vielschichtiges Panorama Deutschlands um 1980: Punks beginnen, die Hippies zu verdrängen, und die kommunistischen Aktionskomitees an den Unis spalten sich in immer bizarrere Kleinstdebattierkreise auf. Ein weites Betätigungsfeld also für Frank, der es allerdings blöderweise verabsäumt hat, zeitgerecht den Wehrdienst zu verweigern. Während seine Freunde eine WG beziehen, geht's für Frank erst mal zum Bund.

Souverän gelingt es Regener, die hinter Kasernenmauern spielenden Teile seines Buches haarscharf an der Bundeswehrklamotte vorbeizumanövrieren. Das Personal ist da - und dennoch umweht hier noch den cholerischsten Kompaniekommandanten eine melancholische Aura, die ihn dem Leser beinahe sympathisch macht. Ebenso gelungen: die herrlich blöden, meist nur als Vorwand für hemmungslose Besäufnisse angezettelten politischen Diskussionen in der WG, in der Lehmann seine Wochenenden in Freiheit verbringt; und sich langsam fragt, ob es nicht auch einen tieferen Grund haben könnte, warum er nicht verweigert hat. Mehr sei vom Inhalt nicht verraten. Nur so viel: Es zahlt sich aus, dran zu bleiben und die ein oder andere Länge in Kauf zu nehmen.

Bei aller Unterhaltsamkeit besteht im Falle einer 600-Seiten-Schwarte nämlich die realistische Gefahr, einer langen Serie an Witzen beizuwohnen, für die es keine stimmige Schlusspointe mehr geben kann. Regener ist freilich schon im ersten Punkt freizusprechen: Sein Roman ist kein endloses Gewitzel. Er hat zwar zahllose kleine (sowie einige mittelgroße bis ausgewachsene) Pointen im Programm, erspart dem Leser allerdings den Umweg über den Witz davor, weil ihm das Prozedere an sich fragwürdig erscheint. Statt sich umständlich von einem müden "Kennst du den schon?" über eine bemühte Dramaturgie zum vermeintlichen Höhepunkt vorzuarbeiten, überrascht er in seinen Schnellschussdialogen lieber mit unangekündigten Pointen. Und zweitens: Hier sitzt auch die finale Wendung und macht jetzt schon auf den letzten Teil der Lehmann-Trilogie (es soll zwischen 1981 und 1989 angesiedelt sein) gespannt. "Neue Vahr Süd" ist beste Unterhaltung ohne schalen Nachgeschmack. Und der Titel ist in Wahrheit natürlich schwerstens kultverdächtig.

Sebastian Fasthuber in FALTER 41/2004



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