Die Zunge reicht weiter als die Hand. Anmerkungen eines Grenzverlegers

Lojze Wieser


Ein Band würdigt den "Grenzverleger" Lozje Wieser, der sich aber leider selbst laudieren muss.

Eine kämpferische, unsentimentale Stimme begegnet einem in "Die Zunge reicht weiter als die Hand". Es handelt sich dabei um eine Hommage an den 1954 geborenen slowenischen "Grenzverleger" Lozje Wieser, der rund 600 Bücher herausgebracht hat und als Vermittler des deutsch-slowenischen Austausches aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen kann: Seit 1979 im Verlagsgeschäft, leitete er von 1981 bis 1986 den Drava Verlag, dann war er Eigentümer des Wieser Verlags. Sein Motto für die slowenische Literatur: Raus aus der Ecke, ohne dabei die eigene Identität aufzugeben.

Wieser wurde und wird nicht müde zu betonen, dass slowenische Literatur nicht bloß ein Minderheitenprogramm ist, sondern Weltliteratur sein kann: "Wir Verleger sind nicht dazu auf der Welt, um Autoren in Schubladen zu stecken. Unsere Aufgabe ist es, gute Bücher zu verlegen." Autoren, die sich dank Wieser und Peter Handke, als Übersetzer und Mentor, letztendlich durchgesetzt haben - man denke an Florjan Lipus und Gustav Janus -, geben diesem Anspruch Recht. Wieser kennt den zerrissenen Kärntner Sprachraum, in dem er wirkt und vermittelt, gut: Als gebürtiger Slowene hat er erst in der Volksschule Deutsch gelernt. Mit 16 ist er nach Wien aufgebrochen und in der Studentenbewegung gelandet.

Der vorliegende Band versammelt O-Töne (Interviews, Reden, Essays von 1980 bis 2004) und literarische Übersetzungen Wiesers (Lyrik von Ales Debeljak oder Milan Rúfus). Das Buch ist eine Chronologie der laufenden Ereignisse: von allgemeinen Überlegungen zum Verlagswesen, der slowenischen Literatur und der Situation der Slowenen in Kärnten über den Jugoslawienkonflikt, dem Briefbombenterror (der den Verlag direkt betroffen hat), hin zum Fall der Berliner Mauer und dem "neuen Europa".

Man lernt die Art, wie Wieser denkt, eindringlich kennen (dafür sorgt auch die Wiederholung der Motive), was hingegen fehlt, ist der Blick von außen. Gerade bei jemandem, der sich dem Austausch der Kulturen so intensiv gewidmet hat, scheint es absurd, dass sich der Geehrte die Hommage sozusagen selbst halten muss. Als Herausgeber sind Barbara Maier, Franz V. Spechtler und Peter Handke genannt - allerdings nicht auf dem Cover, nur im Inneren des Buches ("Ausgewählt und redigiert von"). Ein bisschen weniger Zurückhaltung hätte ebenso wenig geschadet wie Texte, die über die Zweitverwertung von bestehendem Material hinausgehen.

Zumindest ein aktuelles längeres Interview, das auf das Projekt abgestimmt ist, hätte dem Buch frische Akzente verleihen können. So sind die Beiträge mehr den Neunzigerjahren verhaftet. Und eine fehlende Standortbestimmung im Jetzt scheint doch eigentlich den Prinzipien Wiesers zu widersprechen: "Die ständige Heraufbeschwörung der Vergangenheit", meint er in Bezug auf den Umgang mit der eigenen Kultur, "ist ein Akt der Verzweiflung." Wieser weist damit jedes Pochen auf Nationalstaatlichkeit vehement als veraltet zurück, denn längst sei Europa eine "Mischung von marginalen, innerlich und äußerlich zerrissenen Nationen". Das Modell, das Lojze Wieser vorschwebt, beruht deshalb nicht auf einem einheitlichen Grenzraum, sondern auf einem vielfältigen Kulturraum.

"Die Zunge reicht weiter als die Hand" ist ein seltsamer Hybrid geworden. Für neugierige Neueinsteiger in die Materie fehlt die vermittelnde Instanz, Insider hingegen werden wohl wenig finden, was sie nicht ohnehin schon wissen. Dass einem ein engagierter Verleger näher gebracht wird, ist allemal sympathisch.

Karin Cerny in FALTER 41/2004



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