Kein Ende der Genesis. Wir und unsere Staaten

Rupert Riedl


Der Biologe Rupert Riedl tritt mit seinem neuen Buch "Kein Ende der Genesis. Wir und unsere Staaten" wieder einmal dazu an, die Welt zu retten.

Wie auch weiland Konrad Lorenz ist Rupert Riedl kein Naturwissenschaftler im eigentlichen Sinn, sondern eher ein Denker und Seher. Daher sollte man sich nicht allzu sehr daran stoßen, dass die Weltsicht des Biologen eine eher subjektive ist. Bei Riedls Büchern geht es demgemäß weniger um falsch oder richtig, sondern um seine kritisch zu befragende Meinung. Das ist nicht gering zu schätzen, vermag aber auch nicht, alle Ärgerlichkeiten seines neuesten Buches zu entschuldigen. Aber dazu später.

Mit "Kein Ende der Genesis", das den Untertitel "Wir und unsere Staaten" trägt, wildert der Meeresbiologe wieder einmal kräftig in fremden Revieren. Und er macht das recht gut, gerade weil er Biologe ist und versucht, unser biologisches Gewordensein mit Staatlichkeit in Verbindung zu setzen. Das Buch enthält eine ideen- und erkenntnisgeschichtliche Einleitung, einen umfangreichen Teil zum individuellen Verhalten ("Menschliche Universalien"), einen ebenso umfangreichen Teil zu den Spannungsfeldern in der Gesellschaft ("Unterschiedliche Ausstattung"), sowie einen Schlussteil über Ist-Zustand und Zukunftsperspektiven ("Das Gegebene, Denkbare und Machbare").

Riedl macht sich nicht die Mühe, Diagnose und Lösungsansätze auseinander zu halten, sondern verstreut über den gesamten Text seine Hinweise, worüber nachzudenken wäre und was zu erforschen sei. Er gibt kaum Antworten, aber stellt viele treffende Fragen - seine Weisheit ist zugleich Angebot für die Jüngeren, Themenfundgrube für alle originalitätszwangsunterworfenen Symposiums- und Workshoporganisatoren und wäre eine Chance für Politiker, die sie freilich nicht nützen werden.

Entsprechend der gängigen Vorurteile der weltweit herrschenden Seitenblicke-Gesellschaft ist der 79-jährige Riedl allein aufgrund seines Alters gründlich "out". Wohl müßig zu bemerken, dass die meisten Jungen, Schönen, Reichen und Beliebten im Vergleich zum bio-soziologischen Weltverbesserer in ihrem postmodernen Schnickschnack-Neoliberalismus geistig uralt wirken. Mit anderen Worten: Riedls Geisteswelt fehlt es nicht an Potenzial, es mangelt am Marketing. Zudem hat Riedl es nie wirklich geschafft, sich einen akzeptierten Psycho-Stallgeruch zuzulegen, weshalb der Mainstream der Psychologen - insbesondere in Österreich - wie gehabt Nebel wirft, Riedl abkanzelt oder nicht einmal ignoriert. Da könnt' ja jeder kommen ...

Riedl ist ein Fossil aus einer Zeit idealistischer Weltsicht. Vielleicht ist das Letzte, was wir gegenwärtig wollen, dass Typen wie er uns die Welt retten. Wie soll ich wissen, was für die Welt gut ist, wenn ich das nicht mal mehr für mich selber entscheiden kann? Wenn ich nicht weiß, was "die Menschheit" sein soll, was fange ich dann mit "der Welt" an? Womit ich beim lange hinausgezögerten Riedl-Bashing angekommen wäre.

Denn manches im Buch ist ärgerlich. So etwa, wenn Riedl im ersten Teil ständig Individuen dazu vergattern will, das "Überleben der Art" zu sichern, und damit bereitwillig zugibt, dass er die Entwicklungen in der Evolutions- und Verhaltensbiologie der letzten fünfzig Jahre schlicht nicht rezipiert hat. Das ist keine Kleinigkeit und entwertet das gesamte Werk deswegen substanziell, weil er sich damit der Möglichkeit begibt, adäquate Diagnosen im Einklang mit dem modernen Verständnis von Evolution zu stellen.

In dieser Hinsicht ist sein Fortschritt gegenüber Konrad Lorenz' umstrittenen "Acht Todsünden der zivilisierten Menschheit" - heute nur noch eine zeitdiagnostische Randnotiz - gleich null. Warum der überaus gescheite Evolutionsbiologe in den alten Irrtümern verharrt, bleibt schleierhaft. Und schließlich kann es nur auf Animositäten zurückzuführen sein, dass es Riedl mit seinem Co-Autor Werner Patzelt nicht für wert befunden hat, Irenäus Eibl-Eibesfeldt zu zitieren. Der ist nicht nur der Begründer der Humanethologie. Ihm haben wir beinahe das gesamte Basiswissen zu den "menschlichen Universalien" zu verdanken, von ihm könnten Teile der ersten beiden Teile des neuen Riedl-Buches stammen. Dass Riedl dessen geistiges Eigentum verbrät und ihn nicht einmal erwähnt, soll hier unkommentiert bleiben.

Dennoch ist "Kein Ende der Genesis" ein, im Ganzen betrachtet, brauchbares Buch, dessen Beitrag zur Rettung der Menschheit in der positiven Beeinflussung des öffentlichen Bewusstseins in Österreich liegen könnte. Was keine Kleinigkeit wäre. Und mit Vor- und Umsicht ist es wirklich lesenswert - so wie zum Beispiel die folgenden Sätze daraus: "Vermutlich hat man ganz Recht mit dem Hinweis, dass Macht das Privileg verschafft, nicht mehr lernen zu müssen. Die Folge ist, dass ,durchmachtete' Strukturen die Betroffenen daran hindern, ihrer Vernunft nachzugeben und zu lernen, wie sie mit unserer komplexen Welt besser zurechtkommen."

Das klingt nicht nur weise, sondern deckt sich auch mit den neuesten Ergebnissen der Kognitionsforschung an Mensch und Tier. Riedls Resümee lautet: "Im Ganzen liegt eine Anregung vor, die Genesis fortzusetzen. Es geht darum, den Gesellschaftsvertrag, wie man ihn in der Aufklärung dachte, durch einen der Abklärung zu übersteigen." Wie schön und wahr! Allerdings: Eine "durchmachtete" und daher nach Riedl reichlich verblödete Welt lässt die Hoffnung auf den Sieg der Vernunft nicht allzu üppig sprießen.

Kurt Kotrschal in FALTER 41/2004



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