Hohe Wasser. Erzählungen

Eugenie Kain


Eugenie Kain beweist mit "Hohe Wasser", dass man auch auf deutsch gute Kurzgeschichten schreiben kann.

Vom Wasser und seiner (mit-)reißenden Kraft erzählen die sieben Kurzgeschichten in Eugenie Kains Band "Hohe Wasser". Allen Geschichten ist überdies gemein, dass sie an den fließenden Übergängen menschlicher Biografien angesiedelt sind - dort, wo durch den heftigen Einsatz unterschiedlichster (Körper-)Flüssigkeiten eine Lebensform in eine andere übergeht. Ob da von einem Mädchen die Rede ist, das ohne Vater dasteht und das gerade auch noch seine alkoholkranke Mutter zu verlieren droht; oder von einer Frau mittleren Alters, die nach der Trennung von ihrem Mann mit den zwei Kindern allein dasteht und den so genannten "Wiedereinstieg" zu schaffen hat. Immer ist es die Unabwendbarkeit der existenziellen Veränderung, an der die Figuren leiden und manchmal sogar zerbrechen.

Dass Kains Figuren allesamt ans Wasser gehen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht, mag zwar etwas aufgesetzt und wie eine nachträglich hergestellte symbolische Einheitlichkeit wirken; nach der Lektüre gewinnt man jedoch den Eindruck, dass das Symbol hier viel eher dem Schreibprozess vorangegangen ist.

Spätestens seit den "Metamorphosen" des Ovid gilt das Wasser und insbesondere das Meer als privilegierter Ort der Verwandlung, als zerstörende, aber zugleich auch schöpferische Kraft. Kain schafft es dennoch, dies alles in eine neue Form zu bringen. Die Figuren, aus deren Perspektive da erzählt wird, sind heutige Charaktere mit sehr konkreten Problemen und in sehr konkreten Lebenssituationen.

Auf diese Weise entgeht die Autorin der Gefahr, ihre Geschichten ins Mythische und Geschichtslose zu überhöhen, eine Gefahr, die angesichts der Bedeutung, die in ihren Texten der Natur zukommt, durchaus gegeben ist; sind es doch durchwegs die erhabenen, übermenschlichen Katastrophen des Wassers, um die es da geht. Und wenn dann auch noch von Wasserfrauen oder Nixen die Rede ist, sind wir überhaupt im Märchen gelandet. Doch auch im Fall von "Feuerbrand" gelingt es Kain, das Wunderbare mit der kruden Wirklichkeit derart zu verschränken, dass daraus ein "realistischer Lebenskommentar" (Musil) wird. Die allen Erzählungen zugrunde liegende Problematik kristallisiert dabei zu dem Satz: "Dieses Meer mit seinem ständigen Wandel war ihnen unheimlich."

Das Verdienst der Autorin liegt zweifellos darin, dass sie die Bandbreite menschlicher Reaktionsweisen auf existenzielle Veränderungen darzustellen und innerhalb einer Erzählung miteinander zu konfrontieren imstande ist - mit einer Genauigkeit der Beobachtung und des sprachlichen Ausdrucks, die ihre Miniaturen zu Stifter'scher Größe anwachsen lässt.

Nicole Streitler-Kastberger in FALTER 41/2004



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×