Alle Tage

Terézia Mora


In ihrem Roman "Alle Tage" schickt die aus Ungarn gebürtige und auf Deutsch schreibende Terézia Mora ihren Helden Abel Nema auf eine Reise, die kein Ankommen kennt.

Es gibt nichts Besseres, als möglichst viele Sprachen zu sprechen. Jedes neue Wort vermittelt einen Einblick in neue Welten, jedes neue Wort vergrößert die Sprachmacht. Dennoch sind Fremdsprachen auch eine Übung in Beschränkung. Man kann eine Sprache nicht beherrschen, schon gar keine fremde. Damit findet man sich entweder ab, oder man wird darüber schizophren und sagt am Ende gar nichts mehr. Davon erzählt "Alle Tage", der erste Roman der ungarischen Autorin und Übersetzerin Terézia Mora.

Es geht um Abel Nema, einen Mann, der zehn Sprachen spricht und das Paradoxon seiner Existenz schon im Namen trägt: Das slawische nemec, so wird an einer Stelle erklärt, bedeutet "stumm", Abel wiederum steht im Hebräischen für "Hauch" oder "Nichtigkeit". "Deswegen ist alles, was er sagt, so, wie soll ich das sagen, ohne Ort, so klar, wie man es noch nie gehört hat, kein Akzent, kein Dialekt, nichts - er spricht wie einer, der nirgends herkommt", heißt es zu Beginn von "Alle Tage" über den Helden des Romans.

Dieses Überall und Nirgendwo ist ein Leitmotiv in Abels Leben. In seine Heimat - vermutlich das ehemalige Jugoslawien - kann er nicht mehr zurückkehren; er ist geflohen, als er Soldat werden sollte. Schon sein Vater, ein Lehrer in der Provinz, saß zwischen allen Stühlen. Er war "Ausländer", hatte ein Dutzend Geliebte und irgendwann das Weite gesucht, ohne ein Wort zu sagen. Abel führt dieses Erbe des Vaters fort, indem er durch die Weltgeschichte tingelt. Irgendwann nimmt sich ein Professor Abel Nemas an, und der junge Fahnenflüchtige bekommt ein Hochbegabtenstipendium an der Universität.

Dort tut Abel, was er am besten kann: Er lernt Sprachen. Eines Tages bricht in seiner alten Heimat der Bürgerkrieg aus, und Abel ist erst recht lost in translation. Er geht eine Scheinehe ein und studiert zum Schein, das Einzige, was seinem Leben einen trügerischen Halt gibt, sind die Sprachen: Je mehr Abel versteht, desto verworrener wird alles für ihn. Der Mann, der mit 19 Jahren ausgezogen war, um sich überall verständigen zu können, versteht bald die Welt nicht mehr.

"Alle Tage" ist eine Variation des altbekannten Satzes, dass die Grenzen der Sprache die Grenzen der Welt bedeuten. Das Leben der Autorin Terézia Mora steht ganz im Zeichen solcher sprachlicher Grenzen. Sie wurde 1971 in Ungarn geboren, ihre Eltern und Großeltern sprachen in einem österreichischen Dialekt mit ihr, sie antwortete auf Ungarisch. 1990 zog es Terézia Mora in den Westen, nach Berlin, wo sie sich zum ersten Mal "frei und erwachsen" fühlte, wie sie erzählt. Hier studierte sie erst Hungarologie und Theaterwissenschaft, später wandte sie sich einem Drehbuchstudium zu. Mora hat Péter Esterházys voluminöse Familienchronik "Harmonia Cælestis" und István Örkénys "Minutennovellen" aus dem Ungarischen ins Deutsche übersetzt. Für einen Ausschnitt aus ihrem Erzählband "Seltsame Materie" wurde sie 1999 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Auch in diesem Buch geht es um das Leben an der Grenze - in Moras Geburtsstadt Sopron.

Für "Alle Tage" hat Mora ihren Radius erweitert, auch wenn viele Ortsbeschreibungen an Sopron erinnern. Aber Abel Nema ist jemand, der keine Grenzen hinnehmen will. Gierig eignet er sich seine Sprachen an, lebenshungrig bewegt er sich in den verschiedenen Milieus, verkehrt in Universitätskreisen, wohnt bei einer Geliebten seines Vaters, schlüpft später bei einer Hure unter. Er ist mit Musikern unterwegs, schließt Freundschaft mit Halbkriminellen - wie "ein Magnet zieht er alles Sonderbare, Lächerliche und Traurige" an. Aber nirgendwo kann Abel, dieser zerrissene Held der Moderne, bleiben, weil er überall neue Möglichkeiten vermutet. Sein Leben entspricht dem, was der große ungarische Literaturtheoretiker Georg Lukács einmal als "Anarchie des Helldunkels" bezeichnet hat: "Alles fließt und fließt ineinander, hemmungslos, in unreiner Mischung; alles wird zerstört und alles zerschlagen, nie blüht etwas bis zum wirklichen Leben."

Die Form des Romans ist der Rastlosigkeit seines Helden verpflichtet. Bereits die Koordinaten, die im ersten Satz festgelegt werden, bedeuten alles und nichts: "Nennen wir die Zeit jetzt, nennen wir den Ort hier. Beschreiben wir beides wie folgt." Es gibt keine eindeutige Perspektive, Terézia Mora schaltet vom auktorialen Erzählen in die Ich-Form, dann ist es wieder ein "du", oder das Geschehen wird aus der Sicht einer Nebenfigur aufgerollt. Ständig wechseln die Stimmen, die hier erzählen, kommentieren oder reflektieren.

Moras Sprache folgt demselben Prinzip: kein Stilmittel, das die Autorin nicht ausprobieren würde. Es gibt Sätze in Klammern, kurze, abgehackte Sätze und Sätze, die einfach mittendrin abreißen. Passagen wie die folgende sind typisch für den Roman: "Hier lassen wir Drachen steigen, wo genau, weiß ich nicht mehr, meine Frau fährt, ich habe keinen Führerschein, leider oder nicht leider, den Kopf mit anderen Dingen voll, er die Theorie und sie die Praxis, jeder tut, was er kann, hier sind wir im Zoo, hier im Museum, das ist unsere Hochzeit, nein, das ist nicht mein Schwiegervater, das ist der verstorbene Mann, Korrektur: Lebensgefährte meiner Frau ... dass ich nicht weiß, wo der Würfelzucker steht, daraus können Sie mir einen Strick drehen, zeigen Sie mir den Mann, der, wir haben gar keinen Würfelzucker, die Süße des Lebens ist uns Zucker genug, sagt meine Frau, na bitte."

Die Autorin hält sich in jedem Satz alle Optionen offen. Alles könnte ein Anfang oder ein Ende sein; oder eine ironische Brechung. Es sind Sätze wie das komplizierte Straßennetz, durch das die Autorin ihren Protagonisten hetzt - Fluchtmöglichkeit und Labyrinth zugleich. Hauptsache, Abel gehen die Worte nicht aus. Und wenn sie einmal auszugehen drohen, kann man immer noch auf Reserven zurückgreifen, zu spielen beginnen. Und so gibt es bei Mora einen Nachbarn, der in einer Nacktbar abstürzt, ein Konstantin konstatiert etwas, und einem Menschen fehlt die Menschheit. Neben solchen Kalauern steckt "Alle Tage" voller Zitate und Anspielungen, der Titel des Romans ist Ingeborg Bachmann entlehnt und keineswegs der einzige Verweis auf die Dichterin: Die Stadt B., in die es Abel verschlägt, liegt am Meer.

Mora selbst lebt gerne in Berlin. In Berlin hätten alle gefremdelt, nachdem mit dem Mauerfall eine Welt untergegangen sei und sich alle an etwas Neues gewöhnen mussten. Schwerer sei es da schon in Ungarn, "da ich zwar den dortigen Weltuntergang, nicht aber den Wiederaufbau einer neuen Welt mitgemacht habe". Die Frage der Sprache ist mittlerweile geklärt: Mora schreibt auf Deutsch, auch wenn sie in ihre deutschen Texte manchmal wortwörtliche Übersetzungen aus dem Ungarischen einfließen lasse. Plötzlich scheint in Moras Deutsch dann eine andere Sprache durch, man registriert es, und doch fällt es schwer, diese Einsprengsel zu lokalisieren.

Bei Terézia Mora ist alles Sprache, und die Sprache ist alles: Sie ist Utopie und Beschränkung, sie beflügelt den Helden und treibt ihn in den Wahnsinn. Vor allem aber trägt diese Sprache ein ganzes Buch. Zwar kann auch Terézia Mora keine Grenzen einreißen. Aber die ihren hat sie ziemlich weit gesteckt.

Verena Mayer in FALTER 41/2004



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