Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!. Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie

Tim Renner


Einst war er das Wunderkind der Plattenindustrie. Jetzt erzählt Tim Renner von ihrem Tod - und glaubt an ein Leben danach.

Heute wäre einer wie Tim Renner undenkbar. Als der deutsche Musikmanager vor knapp zwanzig Jahren seine außergewöhnliche Karriere startete, war die Plattenindustrie jedoch noch nicht platt, sondern ein sehr einträgliches Geschäft. Solang, die Umsätze stimmten, konnten es sich die Chefetagen der großen Labels auch leisten, die eine oder andere Position mit echten Musikfreaks zu besetzen. Mit Typen wie Tim Renner. Und so startete dieser 1986 bei Polydor seine Laufbahn.

Renner war einer dieser musikverrückten Gymnasiasten, der bereits während seiner Schulzeit ein Fanzine in Kassettenform herausgab. Popmusik wurde zu dieser Zeit von Musikintellektuellen um Zeitschriften wie Spex und das kurzlebige Pendant Scritti, für das Tim Renner schrieb, als subversive Kunstform verstanden. Sie ließ sich nicht mehr von vornherein in gute und böse Musik, in Hitparaden- und Undergroundplatten einteilen. Es ging jetzt vor allem um die feinen Unterschiede. Die Dinge waren in Bewegung geraten, die Sounds und Zeichen tanzten. Zumindest in der englischen Musiklandschaft. Im verschlafenen Deutschland wollte Tim Renner frischen Wind in die fette, alte Musikindustrie bringen und sie gleichsam von innen revolutionieren. Oder zumindest ein bisschen entlarven.

Fünfzehn Jahre später saß er im Chefsessel der deutschen Niederlassung jenes noch viel fetteren Konzerns Universal, der Polydor längst geschluckt hatte. Doch der heute 40-jährige Renner war keiner, der seine Ideale mit Erhalt der goldenen Firmenkreditkarte abgegeben hatte. Er hatte sich schlicht als der beste Mann erwiesen, und so musste er im Schnellverfahren durchs Unternehmen wandern, bis es irgendwann keinen Vorgesetzten mehr gab. Als Freund der Musiker verstand Renner seine Tätigkeit aber bis zum Ende ganz altmodisch als Vermittlerfunktion zwischen Künstlern, Plattenfirma und Publikum. Vor allem deutsche Musiker waren ihm wichtig, der Aufbau der international erfolgreichen Marke Motor Music (Heimat für Acts wie Element Of Crime, Westbam oder Rammstein) beweist es.

Was dann pünktlich zum Beginn des neuen Jahrhunderts passierte, beschreibt Renner in seinem Buch "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!" als Sündenfall einer Industrie, die zu satt und behäbig war, um die Zeichen der Zeit - technische Innovationen, Downloads, Schnelllebigkeit von Produkten - rechtzeitig richtig zu deuten. Anstatt beispielsweise MP3 anzunehmen und zu einem guten Geschäft zu machen, wurde Musik aus dem Internet jahrelang verdrängt und später in einem tragikomischen bis heute andauernden Kreuzzug gegen den potenziellen Konsumenten bekämpft.

Gleichzeitig wurde gemerged und Personal sowie Repertoire eingespart, dass es nur so eine Freude war. Warum Künstler aufbauen, wenn man auch "Bravo Hits" verkaufen kann? Für Tim Renner war diese, von der Konzernmutter und ihren so genannten unabhängigen Beratern vorgegebene Linie irgendwann untragbar. "Und so ging ich dann", endet der erste Teil seines höchst informativen und unterhaltsamen Schmökers.

Doch der Tod muss mitnichten das Ende sein: Im zweiten Abschnitt setzt Renner sich mit interessanten neuen Technologien und Geschäftsmodellen für die Musik- und Medienbranche auseinander - wissend, dass die Show noch nicht vorbei ist. Das Wörtchen Pop muss nur wieder einen guten Klang bekommen. Die Marke Motor Music hat Tim Renner bei seinem Universal-Ausstieg vorsorglich gleich mitgenommen.

Gerhard Stöger in FALTER 41/2004



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