Das einzig Gewisse ist das Ungewisse. Streifzüge durch die unberechenbare Welt der Mathematik

John Allen Paulos, Jan W. Haas


Der US-Mathematiker John Allen Paulos hat an der Börse ein kleines Vermögen verbrannt - und deshalb ein Buch über die Mathematik an der Börse geschrieben.

Niemand behaupte, die Mathematik sei keinen Moden unterworfen. Als noch Priester das Sagen hatten, diente sie sich mit Zahlensymbolik und geheimnisvollen Kalenderrechnungen an. Als die Physik das Weltbild dominierte und die industrielle Revolution einläutete, stand sie den Naturwissenschaftlern und Ingenieuren zur Seite. Und jetzt, da alles inklusive der gesellschaftlichen Werte in mit dem Dollar- oder Eurozeichen versehenen Zahlen gemessen wird, tummeln sich die Mathematiker erfolgreich auf den Finanzmärkten.

Für die Formel, mit der die Mathematiker Robert Merton, Fischer Black und Myron Scholes den Wert von Optionen, den berüchtigten "Puts" und "Calls", berechneten, wurden die drei 1997 mit dem Wirtschaftsnobelpreis bedacht. Raffinierteste Methoden der Wahrscheinlichkeitstheorie stecken dahinter. Wer gediegen und dennoch verständlich darüber informiert werden möchte, dem sei der Wiener Finanzmathematiker und TU-Professor Walter Schachermayer empfohlen. Wer aber nur oberflächlich und auf einigermaßen amüsante Weise erfahren will, was die Mathematik auf der Börse zu schaffen hat, kann nun zum Buch "Das einzig Gewisse ist das Ungewisse" von John Allen Paulos greifen.

Der deutsche Untertitel "Streifzüge durch die unberechenbare Welt der Mathematik" geht am Inhalt vorbei - abgesehen davon, dass er schlicht blödsinnig ist: Die Welt der Mathematik ist per definitionem berechenbar. Da ist der englische Originaltitel "A Mathematician Plays the Stock Market" schon treffender. Es geht allein ums Börsengeschäft, und das wird als "Spiel" verstanden. In der Tat: All die Fallstricke, mit denen die Wahrscheinlichkeitsrechnung den vermeintlich "gesunden" Menschenverstand verblüfft, findet man in diesem Buch im Gewand börsentechnischer Begriffe wieder.

Was zum Beispiel in der Statistik die "Standardabweichung" heißt - der Mittelwert von null Grad kaltem und sechzig Grad heißem Wasser ist laue dreißig Grad, aber die Standardabweichung ist so groß, dass es nicht ratsam ist, die linke Hand in das eine und die rechte in das andere zu stecken -, nennt man im Aktiengeschäft die "Volatilität". Das ist jener Begriff, von dem diejenigen leben, die mit drei Telefonen bewaffnet schwitzend vor vier, fünf Bildschirmen hocken und kurzfristige Käufe und Verkäufe in die Hörer bellen.

Gängige Prognosetricks für Kursentwicklungen zerpflückt J.A. Paulos mit treffenden Argumenten und humorvollen Anekdoten. Allen Zahlenverängstigten sei beruhigend gesagt: Rechnungen kommen selten vor. Und wenn: Der Verlag hat so schlecht lektoriert, dass man sie überlesen sollte. So werden zum Beispiel bei der Erklärung des Zinseszinses auf Seite 97 permanent 102, 103, 104 statt 1,12, 1,13, 1,14 als zwei-, drei-, vierjährige Aufzinsungsfaktoren genannt. Und der Rechenfehler auf Seite 48 (21+34=59) blieb ebenfalls unkorrigiert.

Über das ganze Buch hinweg liest man in mannigfachen Variationen vom persönlichen Motiv des Autors, warum er es schreiben musste. Paulos hat ein kleines Vermögen in World.com-Aktien angelegt, allen vernünftigen Portfoliostrategien getrotzt, wie ein süchtiger Spieler im Tunnelblick immer nur auf World.com gesetzt und schließlich einen Haufen Geld verbrannt. Bernie Ebbers, der windige Chef von World.Com, wird entsprechend öfter genannt als Albert Einstein.

Dazu gibt es das nervige Lamento von Paulos als Begleitmusik - "Meine Reaktion, an die ich mich nur unter Schmerzen erinnere, war", "Hätte ich mehr auf die Fundamentaldaten geachtet", "Wuchs das mulmige Gefühl in meiner Magengrube beständig an", "War mir die Absurdität meines Handelns bewusst", " Ich war ein Betrugsopfer geworden". In dieser Tonart wird beharrlich das Mitleid der Leser strapaziert. Und so bleibt J.A. Paulos nur zu wünschen, dass er die verlorenen Millionen mit dem Verkauf seines Buchs wieder hereinbekommt.

Rudolf Taschner in FALTER 41/2004



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