Multitude. Krieg und Demokratie im Empire

Antonio Negri, Michael Hardt, Thomas Atzert, Andreas...


Zwei Jahre nach ihrem Theorie-Weltbestseller "Empire" legen Antonio Negri und Michael Hardt mit "Multitude" einen Fortsetzungsband vor - und nehmen zumindest eine starke These zurück.

Die Erinnerung ist noch frisch. Im Jahre 2000 landete das seltsame Duo Antonio Negri/Michael Hardt einen erstaunlichen Coup. Die alternde Ikone des italienischen Linksradikalismus und der junge US-amerikanische Literaturwissenschaftler veröffentlichten "Empire" - und lieferten damit einer postmodernen Protestgeneration ihre neue Bibel.

Neben den unzähligen Debatten, die "Empire" weltweit initiierte, hatte der Bestseller zwei wesentliche Effekte: Negri/Hardt haben einer diffusen und verzagten Linken das "Glück, Kommunist zu sein" beschert. Und sie haben nicht nur eine neue These vorgelegt und einen Begriff geprägt, sondern mit "Empire" auch eine Losung, eine Parole ausgegeben. Nun also "Multitude". Das neue Werk weist sich schon im Untertitel als Fortsetzung aus: "Krieg und Demokratie im Empire".

Jenseits aller "weltlichen" Gründe, eine Fortsetzung folgen zu lassen, gibt es auch eine inhaltliche Motivation: die Herausforderung, das Konzept des "Empires" - der neuen netzwerkartigen Weltordnung ohne Zentrum - mit den aktuellen politischen Entwicklungen zu konfrontieren. Und so lautet das erste Kapitel folgerichtig: Krieg. Wie verhalten sich nun Empire und die Vielheit des Widerstands, die Multitude, zu den Ereignissen seit 9/11, zu dem wieder bestimmend gewordenen Krieg?

Negri/Hardt konstatieren eingangs, der Schein des Religionskrieges maskiere "eine tief greifende historische Umwälzung, den Beginn eines neuen Zeitalters". Wir begegnen hier einem aus "Empire" bekannten Motiv wieder, jenem einer Zeitenwende, deren Neuheit einer begrifflichen Erfassung bedarf. Nun also ein "neues Zeitalter des Krieges", das statt eines isolierten Kriegsgeschehens nur "einen weltweit herrschenden Kriegszustand" kennt. Diese bewaffnete Globalisierung sei ein auf Dauer gestellter Ausnahmezustand, der eine Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden nicht mehr zulasse.

Wie lässt sich nun dieser Kriegszustand als Grundlage der Politik mit der Netzwerkmacht des Empires zusammendenken? Bei Negri/Hardt wird diese Verbindung durch den Begriff der Aufstandsbekämpfung hergestellt - den zentralen Topos des Buches. Die neue Art der Kriegsführung, die wir seit 9/11 beobachten, wäre auch verantwortlich dafür, "Widerstandsbewegungen zu unterdrücken und der Multitude ihre Ordnung aufzuzwingen".

An dieser Volte ist mehrerlei beachtenswert: Zum einen müssen Negri/Hardt zugestehen, dass ihr imperiales Netzwerk mancherorts eine durchaus konventionelle Gestalt annimmt: Wie in vielen Diskussionen lautstark moniert, räumen sie ein, dass in dem neuartigen Netzwerk der Macht den USA eine "Sonderstellung" zukomme. Man erinnere sich der ständig wiederkehrenden Warnung im ersten Band, das Empire sei keinesfalls mit den Vereinigten Staaten gleichzusetzen. Nun müssen sie damit ringen, auf der Höhe ihres eigenen Konzepts zu bleiben und nicht hinter dessen Neuartigkeit zurückzufallen.

Zum anderen garantiert der Begriff der Aufstandsbekämpfung zwar den neuen Konnex von Empire und Krieg als dessen Grundlage, zugleich handeln sich die Autoren damit aber die Schwierigkeit ein, alles antiimperiale Geschehen unter dem Begriff "Widerstand" subsumieren zu müssen - also etwa auch 9/11 und Terrorismus generell. Nun sind Negri/Hardt keineswegs Freunde von El Kaida, wollen aber trotzdem am Begriff der Aufstandsbekämpfung festhalten.

Also argumentieren sie folgendermaßen: Das Empire sei, was das Kräfteverhältnis anlangt, in eine Reihe asymmetrischer Konflikte verstrickt, die sich für die dominante Militärmacht nachteilig auswirken (siehe etwa die Situation im Irak). Daher müsse Letztere zu Strategien der Aufstandsbekämpfung greifen, "die den Feind nicht allein militärisch besiegen sollen, sondern ihn zugleich mit sozialen, politischen, ideologischen und psychologischen Waffen zu kontrollieren suchen".

Die Militärmacht wird demnach selbst zur Biomacht, zur Herrscherin über das gesamte Leben, was ja die Bestimmung des Empires ist. Als solche stelle sie eine massive Bedrohung der Demokratie dar. Abgesehen davon, dass sich die Autoren damit die Schwierigkeit einhandeln, die Form des Empires als Netzwerk der Macht von deren Feinden abzuleiten, stehen sie noch vor einem weiteren Problem. Wo in dieser Verbindung von Empire und Krieg ist Platz für die Multitude, den eigentlichen Haupakteur des Buches?

In Zeiten, wo die Antiglobals etwas in den Hintergrund gerückt sind, versuchen sie, diese wieder ins Rampenlicht zu rücken. Und zwar wie folgt: Die prägende Figur des Empires in Waffen sei der "biopolitische Soldat", der nicht nur militärische Aufgaben zu lösen habe, sondern auch "Nation-Building" betreiben soll. Sein "blutiger Doppelgänger", heißt es in einer der luzidesten Passagen des Buches, sei der Selbstmordattentäter, diese schreckliche Figur, die "das Leben selbst in eine Waffe" verwandle. Dieser Schranke der Biomacht in ihrer "abstoßendsten Form" stellen Negri/Hardt nun die "Multitude" als positive Herausforderung des Empires entgegen - und dem Todestrieb der Terroristen die Lebensfreude karnevalesken Protests.

Kein Zweifel regt sich bei den Autoren ob des Problems, dass Widerständigkeit oder Grenzüberschreitung längst zu einer wesentlichen Ressource des neoliberalen Kapitalismus geworden sind. Stattdessen erhöht sich mit Fortschreiten des Buches das Pathoslevel gewaltig und mündet im Beschwören der umfassenden "Liebe". Man sollte aber nicht ungerecht sein: Gerade diesem Mut zum Pathos verdankte schon "Empire" einen seiner positivsten Effekte.

Isolde Charim in FALTER 41/2004



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