Erzählung eines Lebens


Die neu aufgelegte "Erzählung eines Lebens" von Franz Blei (1871-1942) zeigt einen wachen Literaturmenschen, einen scharfsichtigen Charakterologen und erotisierenden Frauenverächter.

DER BLEI. Ist ein Süßwasserfisch, der sich geschmeidig in allen frischen Wassern tummelt (...) Unser Fisch isst sehr mannigfaltig aber gewählt, weshalb er auch, in Analogie zu jenem Schweine, der Trüffelfisch genannt wird wegen seiner Fähigkeit, Leckerbissen aufzuspüren."

Der 1871 in Wien geborene Franz Blei war eine der zentralen Figuren im Literaturbetrieb der Jahre zwischen 1900 und 1930. Er war umtriebiger Publizist, Lektor und Herausgeber der Werke des in völlige Vergessenheit geratenen Jakob Michael Reinhold Lenz; er förderte und entdeckte Autoren wie Kafka, Musil, Broch und Robert Walser. Als Übersetzer französischer Autoren wie Stendhal, Baudelaire, Claudel oder Gide versuchte er die französische Literatur ins oft verbiestert provinzielle und chauvinistische wilhelminische Deutschland einzuschleusen. Seine Vorliebe für das - zumal aus bayrischer Perspektive - sittlich flatterhafte französische 18. Jahrhundert trug ihm 1907 einen vier Tage dauernden Prozess vor einem Münchner Geschworenengericht ein: Blei hatte im Privatdruck eine erotische Anthologie herausgegeben. In der Autobiografie, die 1930 erstmals erschien, liefert er die Pointe nach: Neun der zwölf Geschworenen baten nach dem Freispruch um Zusendung des Buches.

Ein Trüffelfisch also und auch gern gesehener "Zimmerschmuck" in den Damenboudoirs zwischen Zürich, München, Wien und Berlin, wo der Blei, "weil er sich langweilt, zur Beschauerin nicht ganz einwandfreie Kunststücke mit Flossen und Schwänzchen" macht. Bleis großes "Bestiarium der modernen Literatur" (erste Auflage 1920) enthält in der Manier zoologischer Kurzporträts und in barocker Stilisierung zumeist treffende, oft böse, zuweilen brillant geschriebene Porträts der literarischen Szene seiner Zeit. Darunter findet sich eben auch: "DER BLEI".

Das "Bestiarium" sollte Bleis letzter und zugleich größter Erfolg werden. Das Erfolgsrezept des Buches gilt auch heute noch. Die bange Frage für Betroffene und nicht Betroffene lautete: Wer ist drin im Zoo oder im Koffer? Wer möchte hinein, traut es sich aber nicht laut zu sagen, weil das beleidigt klänge? Wer will mit lautem Getöse, wer ganz still und heimlich wieder hinaus? Die, die zuerst zu klein waren, um dem Zoologen unter die Nase zu kommen, hat er in einer späteren Auflage unter der Kapitelüberschrift "Die großen Dichter deutscher Nation" aufgenommen, von Abeles über Huncke bis Zuberbühler.

Das Porträt ist Bleis Stärke als Schriftsteller. Biografische Miniaturen bilden einen Schwerpunkt der "Erzählung eines Lebens". Blei kannte sie alle: den verehrten Hofmannsthal, den ätherischen Rilke, den mathematisch starken Musil, aber auch viele, die heute, wenn überhaupt, nur noch als verblassende Namen präsent sind. Maler und Zeichner wie Thomas Theodor Heine und Olaf Gulbransson, die für die berühmte Münchner satirische Zeitschrift Simplicissimus schrieben, weltfremde Dichter und Maler wie Max Dauthendey oder Otto Julius Bierbaum, Begründer der Insel, aus der der Insel Verlag hervorging und deren Mitarbeiter Blei war. Mit großer Zurückhaltung, sieht man von der meist lässlichen Eitelkeit ab, die dem Understatement entspringen kann, zeichnet Blei außerdem atmosphärisch dichte Bilder Zürichs vor der Wende zum 20. Jahrhundert und Münchens, das nach der Jahrhundertwende zur bayrisch behäbigen Stadt der Künstlerboheme avancierte - ein Widerspruch, den Blei auf anschaulichste Weise schildert.

Zürich war die Zentrale einer nur noch in Hinterzimmern revolutionären Linken, die glühende junge Marxisten wie Blei anzog, der aus Wien geflüchtet war, um hier Nationalökonomie zu studieren. Er wurde zu einem Wortführer derjenigen, die einer verbürgerlichten Sozialdemokratie den Kampf ansagten. Bei einer 1892 stattfindenden Versammlung in Zürich antwortete August Bebel den radikalen Kritikern, dass er es satt habe, sich von verbummelten Studenten verunglimpfen zu lassen. Als Blei seine Erinnerungen abfasst, kann er von einer erstaunlichen und späten Frucht seiner frühen revolutionären Tage berichten. Im 1927 erschienenen 13. Band der Schriften Lenins fand sich eine vierseitige Kritik eines Aufsatzes von Blei aus dem Jahre 1895. Blei war Lenin in Genf und München begegnet.

Dass sich Blei 1919 in der von ihm und Albert Paris Gütersloh herausgegebenen Zeitschrift "Die Rettung" mit dem Ruf "Es lebe der Kommunismus und die katholische Kirche" als Chamäleon und Wendehals zu entpuppen schien, trug nicht zu seinem guten Ruf bei. Blei vertrat nach 1918 wie viele ehemals revolutionär Gestimmte einen Idealismus der geistigen Askese. "Das Politische ist die letzte und böseste Verflachung des Menschen", heißt es in der Autobiografie. Die Mischung aus bildungsbürgerlich elitärem Dünkel und einer von Schopenhauer beeinflussten pessimistischen Weltschau machen einige der Kapitel in der "Erzählung eines Lebens" ziemlich ungenießbar. Stark ist hingegen das erste Drittel, wenn man das räsonierende Vorwort hinter sich gelassen hat, mit der analytisch genauen und bei aller spürbaren Nähe doch distanzierten Beschreibung der familiären Herkunft: des Vaters, der zeitlebens Analphabet blieb und es durch das Errichten von Zinshäusern im boomenden Wien der Gründerzeit zu viel Geld brachte, wovon sein Sohn immerhin bis circa 1910 leben sollte; der hartherzigen Mutter, die den Grundstein für Bleis lebenslange Aversion der Institution Ehe gegenüber legte. Er selbst, der eine der ersten Studentinnen heiratete, ihr nach Amerika folgte, wo sie eine Ausbildung zur Zahnärztin machte, war bei aller Erotisiererei auch ein veritabler Frauenverächter. Klagen über den Widerspruch von Ehe und Liebe und die Seelenlosigkeit des sexuellen Aktes durchziehen das Buch.

Die Autobiografie endet mit dem imaginierten Selbstmord ihres Objektes, den Blei in einer "Verabschiedung des Lesers" mitteilt. Dazu ist es nicht gekommen. Franz Blei zog sich noch vor der Machtergreifung 1932 nach Mallorca zurück, floh vor dem Spanischen Bürgerkrieg wieder nach Wien und emigrierte 1938 über Südfrankreich nach New York, wo er 1942 in einem Armenspital starb.

Bernhard Fetz in FALTER 41/2004



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