Große Verlierer. Von Goliath bis Gorbatschow

Wolf Schneider


Wolf Schneider hat ein Herz für Verlierer - allerdings nur dann, wenn ihrer Niederlage etwas Großartiges anhaftet.

Die Wahrscheinlichkeit zu verlieren ist groß. Schon der vierte Platz bei Olympia gilt als Niederlage. "Zu wenige Sieger, zu viele Verlierer", dichtete Hans Magnus Enzensberger. Und die Stranglers machten sich über Leo Trotzki lustig, dem ein Eispickel rote Ohren gemacht habe. Wolf Schneider ergänzt, dass gute Verlierer vielleicht die "nettesten Menschen überhaupt" seien: "Sie lächeln. Sieger grinsen."

Es ist die Frage, ob Trotzki lächelte. Oder ob Wilhelm II. in seinem holländischen Exil nicht doch eher grinste. Beide gehören zu Wolf Schneiders "Großen Verlierern". Menschen wie Maximilian von Mexiko, Rommel, Che Guevara, Lassalle, Lenz, Heinrich Mann, Al Gore, Maria Stuart, Vincent van Gogh, Rainer Barzel oder Johann Strauß Vater. Menschen, die auf besonders tragische, besonders dramatische oder besonders blamable Art gescheitert sind. Menschen, die Großes wollten, aber Pech oder zu wenig Ehrgeiz hatten, vielleicht auch einfach mehr Skrupel als die Sieger. Die von ihren Konkurrenten an die Wand gedrückt wurden, manchmal sogar vom eigenen Bruder oder vom Sohn. Einige hatten schlicht und einfach zu wenig Zeit, um zu Siegern zu werden: Georg Büchner, der mit 23 an Typhus starb, oder Georg Heym, der mit 24 beim Schlittschuhlaufen ertrank.

In kurzen biografischen Porträts skizziert Schneider den Lebensweg seiner Verlierer und analysiert, warum sie scheiterten. Und was sie manchmal doch zu Siegern machte. Zum Beispiel Gorbatschow: In Russland gilt er als leichtfertiger Totengräber des Sowjetreiches, in Westeuropa, besonders in Deutschland, als visionärer Befreier, als ein Mann, der gezeigt hat, dass Politik doch noch die Welt verändern kann.

Überraschend auch, dass Ludwig XVI. in dieser Reihe auftaucht. Schneider erinnert uns daran, dass dieser König, der auf der Guillotine der Französischen Republik endete, kein Tyrann war, sondern gutmütig, sparsam und voll der redlichsten Absichten. Leider auch "wankelmütig, ein bisschen faul und herzlich beschränkt". Hätte er weniger gezaudert, hätte er vielleicht die Monarchie und seinen Kopf retten können.

Besonders dramatisch fällt das Kapitel über Maria Stuart aus, deren Schicksal nicht umsonst die Dichter zu mehr als hundert Dramen inspirierte. Auch sie wurde geköpft und galt schon zu Lebzeiten als Märtyrerin, Mordkomplizin, als intrigantes, verführerisches "Überweib". Trotzdem hat sie gegen die hässliche, kalte Elisabeth verloren. Schön, wenn man bei Schneider noch einmal kompakt auf zehn Seiten nachlesen kann, wer diese Maria Stuart war. Oder dass Wilhelm II., nachdem er in wenigen Jahren ein blühendes Reich verspielt hatte, noch 23 Jahre "unbehelligt von Anfeindungen, materiellen Sorgen, Verzweiflung oder Scham" in Holland lebte.

Der langjährige Leiter der Münchner Journalistenschule und Verfasser luzider Stilkunden der deutschen Sprache schreibt geschmeidig, abwechslungsreich und angenehm unaufgeregt. Über manchen seiner "Großen Verlierer" hätte man gerne mehr erfahren als das biografische Grundgerüst seines Lebens, ein paar Anekdoten und psychologisierende Hinweise. Schneider hätte aus seinem Thema ein hochphilosophisches oder zumindest soziologisches Traktat machen können oder ein "Sternstunden der Menschheit" unter umgekehrten Vorzeichen. Aber das war vermutlich nicht sein Ziel.

So sind es kleine, schnell konsumierbare, aber nicht unintelligente Ausflüge in die nahe und ferne Geschichte geworden. Wer es genauer wissen will, muss sich mehr Zeit nehmen und zu den Monografien greifen. Leider fehlt eine Literaturliste.

Thomas Askan Vierich in FALTER 41/2004



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