Die Sonne scheint uns

Georg Klein


Georg Klein schickt seine fünf Freunde auf eine Abenteuerreise in eine unappetitliche Welt. Und erntete er den Vorwurf, die Sache der Literatur verraten zu haben.

Ulrich Greiner war not amused. In einer harschen Polemik rechnete der ansonsten eher besonnene Kritiker vor wenigen Wochen in der Zeit mit dem neuen Buch des bundesdeutschen Autors Georg Klein und mit der anhaltenden Lobpreisung desselben durch die Kollegenschaft ab. Der als Horrorroman vermarktete Neuling "Die Sonne scheint uns" verursachte in Hamburg einen Horror der anderen Art, und tatsächlich würde es dem Inhalt dieses Buches angemessener sein, wenn man es künftig unter dem leicht modifizierten Titel "Die Sonne scheint uns nicht" ansprechen würde.

Die in Kleins Büchern versammelte Finsternis findet Greiner schlichtweg unerträglich: Ein Urschlamm aus - wie er meint - brauner Vergangenheit, abwegigen Pornos und schlüpfrigen Andeutungen, der im neuen Werk noch einmal spekulativ aufgequirlt wird. Für Greiner resultiert daraus eine zwar modische, aber völlig uninteressante Schreibe, der anders als Kleins großen literarischen Vorbildern (die dann auch gerne zitiert werden) jegliche Transzendenz fehle. Nicht mit einer Variante von Edgar Allen Poe oder Franz Kafka hätten wir es hier zu tun, sondern eher mit einer Art unappetitlicher Enid Blyton.

Und tatsächlich: Fünf Freunde werden auch in Kleins Buch losgeschickt, um nach einem dubiosen und seltsam diffus bleibenden Geheimnis zu suchen. Die Art und Weise, in der der Autor diesen Kinderbuchplot inszeniert, ist für Greiner kein Beispiel großer Literatur, es ist schlicht und einfach ein "Verrat an der Sache der Literatur".

Ob man im Falle von Literatur einen "Verrat an der Sache" so einfach zum Vorwurf erheben kann, darf bezweifelt werden. Der deutsche Philosoph Martin Seel immerhin hat die Tatsache, dass ein Schriftsteller jederzeit Verrat an seinem Gegenstand begehen kann und darf, weil er - anders als beispielsweise der Philosoph - auf den Wahrheitsgehalt seiner Rede eben nicht festgelegt ist, zu einer grundlegenden Bestimmung des Literarischen gemacht. Zugegebenermaßen betrifft diese Definition vor allem die Postmoderne, und diese Postmoderne ist es dann auch, die Greiner nicht mag und die er mit seiner Polemik zu treffen meint.

Bei Georg Klein hätte es dieses langen Anlaufes nicht bedurft. Dass der neue Roman des 1953 in Augsburg geborenen Autors nicht sonderlich gelungen ist, liegt weniger an den Lizenzen, die man heute Schreibenden gemeinhin erteilt, es liegt einfach daran, dass das Handwerk des ehemaligen Bachmann-Preisträgers mit diesem mittlerweile fünften Buch endgültig an sein Ende gekommen zu sein scheint. Mit seinem Personal, das der Autor hier in ein leer stehendes und heruntergekommenes Büro- und/oder Speichergebäude an irgendeinem Hafen sperrt, um sie dort nach der so genannten "Sonne" suchen zu lassen, vermag er auf den 220 Seiten seines Buches erzählerisch nicht mehr allzu viel anzufangen. Das Geheimnis ihrer Mission ist immer und überall und wird gerade deshalb rasch schal: Nicht einmal richtige Namen gesteht der Autor seinen Figuren zu, und so werden die fünf nach ihren Lieblingsgetränken Bitter Lemon, Funny, Light, Vita und Still (Sie können sich's denken: Mineralwasser!) genannt.

Ihren Auftrag hat die Getränkebande von einem geheimnisvollen Mann bekommen, der (wohl nicht von ungefähr) an den übermächtigen Hintermann in dem grandiosen Film "The Usual Suspects" erinnert. Bei Klein hat dieser imaginäre Pate, der dort unvergessen Kaiser Soze hieß, den Namen Gabor Cziffra bekommen, und sein Charisma ist so weit geschrumpft, dass er unerkannt im obersten Liftaufsatz des Hafengebäudes hockt und sich durch das Losschicken eines dressierten Marders (sic!) jederzeit über das Tun der fünf Abenteurer (unter ihnen auch eine Frau) informieren kann.

Wonach die Leute suchen, die "Sonne" scheint ein Art Mittelding aus Gral und Geld zu sein. Darüber, was wer wozu mit ihr anfangen könnte und wie das in etwa "kuchentellergroße" Stück aussieht, werden zwar ausufernde Spekulationen angestellt, eine befriedigende Auflösung erfährt die Sache aber nicht. Relativ klar hingegen ist eines: Zwei der fünf Glückssucher kommen im Zuge ihrer Mission ums Leben, zwei andere kopulieren ohne Ende.

Die zehnstöckige Struktur des betonierten Hafengebäudes, das nicht unpassend "Der steife Schnösel" genannt wird, spiegelt sich im Aufbau des Romans wieder. Zehn Kapitel samt eines kurzen abschließenden "11b" (der Liftaufsatz!) umfasst der Text. Die jeweiligen Überschriften ("Glas", "Papier", "Phosphor", "Sonne" ...) versprechen Alchemie, eine wirklich zündende Reaktion kommt dabei aber nicht zustande. So bleiben eigentlich nur noch die Details der Ausstattung ("Arnos-Gebrauchte-Schlüpfer-Versand"!) und die Sprache des Autors, die man mögen muss, um mit diesem Buch halbwegs zufrieden zu sein.

Versuchen wir es einmal probeweise mit dieser Passage: "Über hundertjährig geworden, dämmerte der einstige Paragraphenjongleur in einem Seniorenpflegeheim am Ammersee in Zeitlupe dem Tod entgegen. Und seine Enkelin, die Light an den Rollstuhl führte, staunte nicht schlecht, als das morsche Gedächtnis des Parkinsonpatienten urplötzlich Feuer fing. Wie glühende Kohlestücken sprangen die Namen Luchs und Gor in den Zunder des Erinnerbaren."

Wer an dieser Stelle anstatt vom "Zunder des Erinnerbaren" lieber davon gelesen hätte, dass der alte Rechtsanwalt einen brauchbaren Hinweis liefert, wird sich vom Zunder des Klein'schen Textes wohl auch an anderer Stelle nicht wirklich anstecken lassen. Alle anderen mögen es mit "Die Sonne scheint uns" ruhig einmal auf eigene Gefahr versuchen.

Klaus Kastberger in FALTER 41/2004



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