Der Islam. Geschichte, Gegenwart und Zukunft

Hans Küng


Fünf Neuerscheinungen informieren auf höchst unterschiedliche Weise über den Islam: in Form eines Katechismus, als theologisch-kulturwissenschaftliche Studie, als Reisebericht und als Länderstudie.

Was der Islam heute ist, lässt sich kurz sagen: eine Ersatzreligion nach dem Ende des Kalten Krieges. Nach dem merkwürdig widerstandslosen und verhältnismäßig konfliktfreien Untergang des einstigen Weltreiches des Bösen, der UdSSR, ist die arabische Welt an deren Stelle getreten. Mittlerweile hat sich auch im deutschsprachigen Raum ein reger Markt zur Erklärung der weltweit zweitgrößten Religionsgemeinschaft nach dem Christentum herausgebildet. Immerhin geht es um fünfundsechzig Länder, in denen Muslime die Bevölkerungsmehrheit darstellen. Dabei leben von den insgesamt 1,2 Milliarden Muslimen nur zwanzig Prozent in der arabischen Welt.

Bloße Anlassschreiberei ist John Esposito, Professor für Religion und Internationale Beziehungen an der Georgetown University in Washington, DC., nicht vorzuwerfen - auch wenn er im Vorwort seiner Fibel "Von Kopftuch bis Scharia. Was man über den Islam wissen sollte" bekennt: "Dieser kleine Band verdankt seine Entstehung meinen Erfahrungen nach der Tragödie des 11. September 2001." In achtzig Kapiteln versucht Esposito einfache Antworten auf schwierige Fragen zu geben, die da unter anderem lauten: Wie ist der Islam entstanden? Glauben Muslime an Himmel und Hölle? Was denken sie über Maria und Jesus? Warum tragen muslimische Männer Bärte? Was bedeutet Dschihad? Und schließlich: Hatte Mohammed mehrere Frauen? Hatte er anfänglich nicht, lautet die einfache Antwort.

Wer sich mit der ein wenig katechismusartigen Aufklärung nicht ganz zufrieden gibt, sei auf die ca. 900-seitige Untersuchung "Der Islam. Geschichte, Gegenwart und Zukunft" des Schweizer Theologen Hans Küng verwiesen, die den Abschluss seiner Trilogie über die drei monotheistischen Weltreligionen bildet. Nicht grundlos beginnt Küng mit den christlichen Feindbildern des Islam, zitiert zugleich aber auch jene positiven Gegenbeispiele wie Lessing, dessen Ringparabel gleichsam das ideologische Unterfutter von Küngs Argumentation darstellt.

Der Autor versteht es, den Beginn des Koran philologisch kritisch vor dem Hintergrund der Entstehung der arabischen Schrift an einem christlichen Hof des 3. Jahrhunderts zu verorten. Ein zentrales Anliegen ist ihm der Hinweis auf die gemeinsame Bedeutung des Stammvaters Abraham für Juden, Christen und Moslems. Der Islam ist für den Theologen eine synkretistische Zusammenführung mehrerer Religionen, in deren Mittelpunkt ein Allah, Hochgott der Stadt Mekka, schon lange vor dem Auftreten Mohammeds steht.

Küngs Buch stellt weit über eine bloße Religionsgeschichte hinaus eigentlich eine Kulturgeschichte des Islam dar, die sich mitunter zwar etwas akademisch in Details festbeißt, zurzeit aber das beste Mittel ist, sich ein Bild von dieser Religion zu verschaffen.

Keine gelehrte Untersuchung, dafür umso kurzweiliger zu lesen ist die Geschichte einer persönlichen Ansteckung durch den Islam ohne explizites Religionsbekenntnis - das Buch "Mohammedanische Versuchungen" von Stefan Weidner. Der studierte Islamwissenschaftler, Verfasser eines "Führers durch die Literaturen der islamischen Welt", ist vor allem als Übersetzer arabischer Lyrik bekannt.

Als Siebzehnjähriger von den Mysterien des Islam angelockt, begibt sich Weidner Anfang der Achtzigerjahre erstmals in die arabische Welt, spart sich als Autostopper jeden Groschen vom Mund ab, um sich jene Prachtausgabe des Koran zu kaufen, die bis heute das größte Objekt seiner Lektürebegierden darstellt. Die verschlungene Schrift, die Kommentare zu den einzelnen Suren betrachtet er weniger neugierig als mit purer Ergriffenheit, dabei vermittelt er einen Hauch dessen, was Offenbarung eines heiligen Textes bedeuten mag. Weidner erzählt von seinen Reisen nach Ägypten, Syrien, Algerien, reflektiert die Art, wie im Nahen Osten die Hand geschüttelt wird, erzählt von den Säulenheiligen des Mittelalters, ehe das Ganze bei einer ekstatischen Beschreibung endet, die der Deutsche jedes Mal empfindet, wenn er den Muezzin beim Morgen- und Abendgebet, egal, in welcher arabischen Stadt, hört.

Von fast entgegengesetztem Pathos, einer Art islamischem Existenzialismus, ist die Reise "Zu den heiligen Quellen des Islam" des aus Bulgarien stammenden Reiseschriftstellers und Journalisten Ilija Trojanow gekennzeichnet. Trojanow begibt sich auf die Hadsch, die traditionelle Pilgerfahrt nach Mekka. Das wichtigste Ereignis im Leben eines gläubigen Moslems wird auf eindringliche Weise sichtbar: Das beginnt bei der geistigen Vorbereitung, dem Fasten. "Gelegentlich sollte der Mensch sich in Bescheidenheit und Demut üben, einmal im Jahr wenigstens. Er sollte sich der Segnungen bewusst werden, die er im Leben genießt, den Mangel verspüren, den andere leiden, und sein Herz öffnen, indem er seinen Magen zuschnürt."

Erlebt Trojanow den ersten Fasttag unter geistlicher Betreuung noch als das größte Gemeinschaftserlebnis seines Lebens, folgt bald der körperliche Zusammenbruch, das Gegenteil der intendierten Konzentration und Bestätigung der islamischen Identität. Alle Mühen werden schließlich durch den organisierten Massenauflauf im saudi-arabischen Mekka entschädigt. Nach dreizehn Tagen erfolgt die Heimreise, wo sich alle symbolische Gemeinsamkeit sogleich wieder auflöst.

Trojanows Betrachtungen klingen faszinierend, wäre da nicht der kleine Zweifel, der den Leser bei seiner Beschwörung einer mystischen Gemeinsamkeit befällt, die offenbar das Hautpanliegen des westlichen Individualisten ist. Es scheint eigentlich um eine Art von aktionistischer Selbsttherapie zu gehen. "Du hast nicht richtig gelebt", heißt es am Ende von Trojanows Buch, "ehe du nicht die Hadsch gemacht hast." Das kann aber nur der Autor selbst wissen.Kein Buch über den Islam im engen Sinn ist "Afghanistan, fragmentarisch" von Christian Reder, Ordinarius für Kunst und Wissenstransfer an der Universität für Angewandte Kunst. Das nach der Vertreibung der Taliban und den US-amerikanischen Bombardements zur Republik Afghanistan ausgerufene Land am Hindukusch galt einen Moment lang ob des Regimes der jungen fanatisierten Moslems fast als das Weltreich des Bösen, als Bedrohung der ganzen Welt.

Reders Buch steht für Aufklärung über eine weithin unbekannte und lange Zeit in sich verschlossene Weltgegend, die erst mit dem Begriff "Taliban" traurige Berühmtheit erlangte. Mit den Verhältnissen seit den Achtzigerjahren vertraut, in praktischer Flüchtlingshilfe tätig und mit Wiederaufbauprogrammen betraut, zeichnet der Autor ein penibles Bild, das er zwar für fragmentarisch erklärt, das aber schrittweise all jene hermeneutischen Zirkel der Fremdwahrnehmung durchbricht, um schließlich tatsächlich nach Afghanistan zu führen.

Skepsis gegenüber Religion ist gerade dort angebracht, wo sie am meisten als Erklärung herbeizitiert wird. Im Fall von Afghanistan wird vor allem klar, dass diese Art der Erklärung erstaunlich blind und leer zugleich bleibt. So oft das "Ali Akbar", "Gott ist groß", auch als angeblicher Schlachtruf islamischer Gotteskrieger zitiert wird - das Reich des Bösen wird man andernorts suchen müssen.

Erich Klein in FALTER 41/2004



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×