Vielleicht ist es sogar schön

Jakob Hein


In "Vielleicht ist es sogar schön" widmet sich Jakob Hein der Kindheit und Herkunft seiner Mutter.

Als Jakob Hein vier Jahre alt war und durch die Wohnung in Berlin-Weißensee streifte, sah er überall Menschen am Schreibtisch sitzen: seinen Vater, den Schriftsteller Christoph Hein; seine Mutter Christiane, die im Dokumentarfilmstudio der DDR arbeitete; den Bruder, der schon in die Schule ging. Also setzte auch er sich an einen Tisch, zog Schlangenlinien über die Seiten eines Heftes, setzte mutig Punkte drüber und drunter und erzählte während dieses Vorgangs Geschichten von Prinzessinnen und Indianern vor sich hin. Anschließend "las" er sie der Mutter vor: wortwörtlich so, wie er sie zuvor erfunden hatte.

In dieser Familie gab es für Jakob Hein wohl keine andere Möglichkeit, als selbst zum Schriftsteller zu werden - und zugleich etwas ganz anderes zu tun. Die Lösung lautet: Er schreibt nebenbei. Im Hauptberuf arbeitet der studierte Mediziner als Kinderpsychiater in der Berliner Charité. Vor zwei Jahren ist er selbst Vater geworden. Dem Gast in seiner Altbauwohnung im Bezirk Prenzlauer Berg bietet er roten Zwergensaft an - ein Kindergetränk, das es hier zum veritablen Durstlöscher gebracht hat. Der kleine Sohn läuft unterdessen durch die Wohnung und erprobt komplizierte Worte wie "Gabelstapler" oder "Bohrmaschine". Vielleicht ist Sprachempfindlichkeit ja doch erblich.

Die Anekdote vom frühen Schreiben ohne Alphabet findet sich im neuen, dem dritten Buch von Jakob Hein, in dem er unter dem Titel "Vielleicht ist es sogar schön" von seiner Mutter erzählt, von ihrer Krebserkrankung und ihrem Tod. Während die Medizin mit ihren Möglichkeiten abdankt, arbeitet Jakob mit seinen Erinnerungen dem Tod entgegen. Solange noch Geschichten des Lebens erzählt werden, gibt es keine Abwesenheit und keine Vergänglichkeit. So entstand ein trostreiches, anekdotisch dem Sterben trotzendes Buch über eine zärtliche Mutter-Sohn-Symbiose. Als gäbe es nichts anderes als diese beiden. Der Vater, Christoph Hein, kommt nur am Rande vor. Vielleicht, sagt der Sohn, hätte er mehr über ihn geschrieben, wenn er weniger bekannt wäre.

Im Zentrum steht die jüdische Herkunft der Mutter. Ihr Vater, also der Großvater Jakob Heins, ist 1943, beim Versuch, aus Deutschland zu fliehen, spurlos verschwunden. Vermutlich wurde er festgenommen und nach Auschwitz deportiert. Weil sie ihn nicht kannte, wenig über ihn wusste und nur ein Foto von ihm besaß, versuchte sie ihm durch ihr Interesse für die jüdische Tradition und Kultur näher zu kommen. Mit mäßigem Erfolg: Bei ihren Besuchen in der winzigen jüdischen Gemeinde Ostberlins, auf denen der etwa zehnjährige Sohn sie in den Achtzigerjahren begleitete, fühlte sie sich nur als Gast.

Auch Jakob Heins eigene Versuche, sich seiner jüdischen Herkunft zu versichern und Ende der Neunzigerjahre in der jüdischen Gemeinde Anschluss zu finden, scheitern. Sein Buch handelt auch von der Unmöglichkeit, in Deutschland Jude zu sein. Im Gespräch zitiert Hein die Meinung eines israelischen Historikers, dem zufolge, "die Deutschen auf Dauer das symbolische Tätervolk und die Juden auf Dauer das symbolische Opfervolk bleiben werden". Bei der kleinsten Kritik am Staate Israel witterten manche Kreise sofort Antisemitismus, beklagt Hein. "Eine Frage, die ich stelle, zielt ja auf den Umgang der jüdischen Gemeinde mit der Judenvernichtung zwischen 1935 und 1945, der meiner Erfahrung nach noch nicht souverän ist."

Die Schwierigkeiten zeigen sich besonders bitter nach dem Tod der Mutter. Sie, Tochter eines in Auschwitz ermordeten Juden, ist der jüdischen Gemeinde plötzlich nicht jüdisch genug. Weil ihre Mutter keine Jüdin war - die Nazis verwehrten ihr den Übertritt zum Judentum - darf sie nicht auf dem jüdischen Friedhof bestattet werden. Es ist der Friedhof, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft sie wohnte und wo sie oft spazieren ging. Doch jetzt, nach ihrem Tod, entscheidet die "arische" Abstammung und damit immer noch ein Kriterium der Nazis. Und da sie mit einem Nichtjuden, dem protestantischen Pfarrerssohn Christoph Hein, verheiratet war, wäre für sie allenfalls das Gräberfeld der "Mischehen" infrage gekommen. Für Sohn Jakob haben sich nach dieser für ihn skandalösen Erfahrung alle Versuche erledigt, selbst in der jüdischen Gemeinde heimisch zu werden.

Bekannt wurde der 1971 geborene Jakob Hein zunächst in der Berliner Lesebühnenszene, wo Woche für Woche junge Autoren in Bars und Kellerkneipen auftreten und kleine, heitere Geschichten zum Vergnügen des Publikums vortragen. Heins 2001 erschienenes literarisches Debüt "Mein erstes T-Shirt" und der Amerikareisebericht mit dem Titel "Formen menschlichen Zusammenlebens" aus dem Jahr 2003 waren ganz in diesem Lesebühnenton gehalten, der individuelle Erfahrung, künstlerische Schlichtheit und eine hartnäckige Naivität zum Markenzeichen erhebt. Er bot lustige Kindheits- und Jugendgeschichten aus der DDR und bediente damit das Bedürfnis, mehr vom alltäglichen Leben im untergegangenen Sozialismus zu erfahren als immer nur Stasi-Enthüllungen und Schuldverstrickungen. Mit "Vielleicht ist es sogar schön" knüpft Hein an diesen Ton an - ohne dabei jedoch die repressiven Seiten der DDR-Gesellschaft auszuklammern. So schildert er beispielsweise, wie im Dokumentarfilmstudio Filmabnahmen durch die Partei funktionierten und welche Rolle er als schweigsamer kleiner Junge dabei spielte.

Erneut hat er ein literarisches Sachbuch in eigener Sache geschrieben. Alles daran ist "wahr", nichts ist erfunden. Es gibt keine Differenz zwischen dem Ich-Erzähler und dem Autor. Oder doch? "Ich habe bisher immer auf die Distanzierung vom Ich verzichtet - weil ich es von der Vorlesebühne auch so gewohnt bin. Andererseits erzähle ich die Geschichte so, wie ich es für am besten erzählt halte. Zum Beispiel kommen in dem Buch kaum Namen vor - außer dem meiner Mutter. Das Ich hat auch keinen Namen. Da steht nur ,Ich'. Die Reduktion des Lebens meiner Mutter auf ihr Leben als Kind und als Mutter ist ja auch ein Stilmittel. Sie war ja viel mehr. Auf all das zu verzichten ist ein deutliches Zeichen für eine Auswahl und für etwas, das man betont. Ein Tagebuch sollte es nie werden."

Hein demonstriert mit "Vielleicht ist es sogar schön", dass die beiläufige Leichtigkeit seines Erzählens eine tragfähige Ausdrucksform ist. Die Einfachheit des Stils bewährt sich an einem ernsten Thema. Seinen subtilen Humor verliert er trotzdem nicht. Was in den beiden früheren Büchern als saloppe Nonchalance und charmante Schlichtheit erschien, ist zu einer Haltung gereift, die gegen den Tod bestehen kann. Das erinnernde Erzählen, zuvor ein Modul zur Produktion heiterer Anekdoten, wird zum Mittel der Bewältigung: nicht der Vergangenheit, die sich sowieso nicht "bewältigen" lässt, sondern der Trauer um einen geliebten Menschen. Das ist etwas Außergewöhnliches. Vielleicht sogar schön.

Jörg Magenau in FALTER 41/2004



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