Der Turm zu Babel

Antonia S. Byatt, Brigitte Heinrich


In ihrem Roman "Der Turm zu Babel" schickt Antonia Byatt eine falsch verheiratete Frau vom Land ins London der Sechzigerjahre und rekonstruiert, wie aufregend Linguistik damals war.

Das vornehme Landhaus, der Pfarrhof und die lebendige Großstadt - das ist seit dem 18. Jahrhundert das gut angelegte Kapital, von dem der englische Roman lebt. Mit den Zinsen kann Antonia Byatt ein sorgenfreies Dasein als Erzählerin führen, nicht so Frederica Reiver, die Heldin ihres Romans "Der Turm zu Babel", deren Mann Nigel sie auf dem Lande versauern lässt. Nigel ist eifersüchtig, als sich Freunde aus ihrer Studienzeit wieder melden. Er prügelt sie, wirft mit einer Axt nach ihr; sie flieht. Nigel sucht sie in der Umgebung und tobt; er wird tätlich, greift den Schwiegervater und den Schwager seiner Frau, einen Geistlichen, an. Frederica hat den gemeinsamen Sohn Leo mitgenommen; sie lebt in London bei den Freunden von einst, beginnt Literatur zu unterrichten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In Cambridge galt sie als hervorragende Studentin der Literatur und konnte die privilegierte Stellung während ihres Studiums genießen, da das Verhältnis Männer zu Frauen elf zu eins betrug.

Die Erzählung setzt im Jahr 1964 ein und endet etwa zwei Jahre später. Die Gesellschaft ist im Umbruch, und Frederica wird zur aufmerksamen Beobachterin des Treibens der Boheme und der pädagogischen Szene (Summerhill lässt grüßen). Sie fertigt Lektoratsgutachen an, man bekommt solche auch mitgeteilt; vor allem aber setzt sie sich mit dem Manuskript des Enfant terrible Jude Mason auseinander, einem historischen Roman mit Titel "Babbletower". Er handelt von einer Gruppe von vornehmen Anarchisten, die den Wirren der Französischen Revolution entkommen und eine neue Gemeinschaft gründen, deren Lebensformen und Prinzipien denen der Kommune Otto Muehls verblüffend ähneln. Das Experiment scheitert kläglich.

Auch der Ausbruchsversuch Fredericas ist keineswegs von Erfolg begleitet. Der Scheidungsrichter hält die Gewalttaten Nigels für unbewiesen, das Kind wird beiden Eltern zugesprochen. Privatdetektive haben Fredericas eher spärliche nacheheliche Liebesabenteuer gewissenhaft registriert, und der Anwalt des Gatten versteht es glänzend, sie als gewissenlose und unmoralische Frau darzustellen. In dieser von Männern bestimmten Judikatur wiegen die Verfehlungen des Mannes gering: Dass Nigel ihr vor der Trennung noch eine galante Krankheit verpasste, bewegt die Gemüter der Richter wenig. Der bitter ironische Abschluss des Verfahrens: Nigel erklärt sich herablassend bereit, die Kosten des Verfahrens zur Gänze zu übernehmen. In einem zweiten Prozess geht es um Masons "Babbletower", das Buch wird beschlagnahmt, der Verlag zu 500, der Autor wegen Mittellosigkeit nur zu fünfzig Pfund verurteilt. Das Urteil wird schließlich in einem Berufungsverfahren aufgehoben.

Das alles und noch viel mehr erfährt man auf gut 800 Seiten; es gibt ja so viel zu erzählen, und das Buch soll so bunt werden, wie die Jahre nach 1964 es waren, da Utopien hoch im Kurs standen und jeder sich anschickte, weniger sich selbst als alle anderen zu reformieren. Ab Mitte der Sechzigerjahre war England der Inbegriff für Innovation in allen Lebensbereichen.

Mag sein, dass Antonia Byatt ihren Landsleuten erzählen wollte, wie es damals ausgesehen hat, als die Sozialisten noch Hoffnungsträger waren und bevor Maggie Thatcher wieder Ordnung machte. Das Ganze wirkt wie eine Beschwörung einer Vergangenheit, in der mehr oder weniger dilettantische Reformbewegungen die alte Ordnung und unzählige Theorien die alten Lehrgebäude unterwanderten. Da ist von Noam Chomsky und der generativen Grammatik die Rede und von der damals weit verbreiteten Hoffnung, mithilfe der Linguistik das Denken und damit auch die Gesellschaft zu reformieren. Der Beipacktext der Antibabypille, damals die Neuheit und das Thema schlechthin, wird zitiert; man will ja schließlich authentisch sein. Viele Figuren dürfen auftreten, ganze Traktate aufsagen oder an Gesprächen teilnehmen, die sich wie dialogisch aufbereitete Schulfunksendungen lesen. Sie haben ihre Rollen gut gelernt und sind immer passend kostümiert. Immer wieder laufen uns Menschen über den Weg, die einen Typus ideal verkörpern: der alte Schulmeister, der liberale Kanonikus, die altjüngferlichen Tanten, die treue und zugleich unsäglich sture Haushälterin, die ledige Mutter, die stolz den Namen des Kindsvaters verschweigt.

Der Titel des Romans, der die ersten 200 Seiten mitreißt und dann zu einer unangenehme Erinnerungen an den Bildungsroman wachrufenden Pflichtübung wird, legt nahe, dass es darin um Gebrauch und Missbrauch von Sprache geht. Den Älteren wird noch in Erinnerung sein, wie Basil Bernsteins sprachsoziologische Theorien damals die Linguistik erschütterten. Der Roman war für mich eine gute Wiederholungsübung in Geschichte und Kulturgeschichte, aber so richtig lebendig wird das alles trotz oder vielleicht gerade wegen des guten Willens der Autorin nicht. Alles kommt aus der Literatur, und Frederica steht mit dieser auf gutem Fuße. Außerdem leidet sie an einer Zitierneurose: W.H. Auden, E.M. Forster und William Blake sind in diesem Falle die Favoriten. D.H. Lawrence avanciert zum Propheten einer neuen Gesellschaft und ist allenthalben präsent. Frederica entzieht sich ihrem Mann durch Flucht auf die Toilette und damit zugleich in die Literatur. Nigel versteht nichts von Gedichten, und die Frage, warum sie, die emanzipierte Studentin, gerade diesen zur Brutalität neigenden Geschäftsmann geheiratet hat, stellt sich zu Recht. Wahrscheinlich ist eine Kombination: Trotz, der eine Alternative zur Intellektualität sucht, und Sex. So was geht oft schlecht aus.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 41/2004



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