Neue arabische Lyrik

Suleman Taufiq


Die Lyrik nimmt in der arabischen Welt einen besonderen Stellenplatz ein - heißt es. Die Übersetzungen ins Deutsche lassen daran zweifeln.

Erich-Fried-Fans werden ihre Freude haben: einfache Wahrheiten über Leben, Liebe, Tod und Politik in einfache Teekannesprüche gefasst - das ist, kurz gesagt, was im Vorfeld der diesjährigen Frankfurter Buchmesse mit dem Generalthema Literatur der arabischen Welt an Lyrik auf dem deutschen Buchmarkt erscheint.

Die von dem aus Syrien gebürtigen, in Aachen lebenden Publizisten und Dichter Suleman Taufiq herausgegebene und übersetzte Anthologie "Junge arabische Lyrik", die gut vier Dutzend Dichter und eine Hand voll Dichterinnen enthält, verheißt nichts Gutes. Lyriker, heißt es in dem eher emphatischen denn informativen Nachwort, "genießen in der arabischen Welt großes Ansehen". Sie seien immer mehr als nur Dichter, Inspirierte und Wissende - ein Umstand, der seinen Niederschlag auch in der Aufführungspraxis der Gedichte finde. Gedichte würden in der arabischen Welt vor einem großen, mitunter ganze Fußballstadien füllenden Publikum nicht bloß vorgetragen, sondern gesungen, die Zuhörer durch Bilderreichtum und Körperlichkeit der Texte gleichsam in Ekstase versetzt.

Ein Fußballplatz sublimer Worte? Dass es sich dabei eher um ein Klischee über eine Dichtung handelt, die tatsächlich verhältnismäßig jung ist, erst Ende des 19. Jahrhunderts in ihrer heutigen Form entstand und sich unter den Bedingungen postkolonialer Öffnung in Zentren wie Kairo oder Beirut entwickelte, sei einmal nur unterstellt. Dass es sich bei dem Nachwort um pure Propaganda handelt, die einer Literatur mehr Bedeutsamkeit verleiht, als sie tatsächlich besitzt, davon kann sich jeder Leser leicht überzeugen.

Einsamkeit scheint das Generalthema der Mehrzahl der hier versammelten arabischen Dichter zu sein, die sich in zahlreichen Fällen entweder als Diplomaten außerhalb ihrer Heimatländer aufhielten oder als Mitarbeiter arabischer Zeitungen und Zeitschriften zwischen London, Paris und New York ihr Exil und ihren Heimatverlust wortreich und schmerzvoll besingen. So tragisch die jeweiligen Lebensumstände sein mögen, ob es sich dabei um die beste Voraussetzung handelt, gute Gedichte zu schreiben, muss gerade angesichts der zahlreichen Vorgaben in der Dichtung des 20. Jahrhunderts, die Exil in jeglicher Hinsicht zu ihrer Grundvoraussetzung hat, bezweifelt werden.

Beim Syrer Nizar Brek Hnedi (Jahrgang 1958) tritt die Poesie "durch mein Fenster ein, stiftet all diese Brände in meinem Zimmer und geht davon als unschuldiges Kind. Die Poesie schlägt in mein Herz ein wie ein Blitz." Was als surreal forumlierte Poetik noch originell wirkt, verkommt bei den Themen Liebe und Politik zur klischeehaften Monotonie der Verzückung. Der Ägypter Amal Dunqul (Jahrgang 1940) lässt die Geliebte am Meeresufer entlangspazieren:
"Sie entblößt sich, löst ihre Zöpfe und geht
nackt im Regen durch die Straßen."
Beim aus Beirut stammende Ouinsi Al Hadj (Jahrgang 1937) heißt es:
"Deine Schenkel sind mir so vertraut wie deine
Brüste."
Wie sonst, fragt man sich, liebt der Mann diese Frau? Wird von Politik gesprochen, ist die Brust sowieso sofort entblößt, diesmal heroisch:
"Ich entblößte meine Brust für die Kugeln,
aber ich starb nicht.
Ich zog die Palme hinter mir her.
Ich pflanzte die Fahne in mein Blut."
Selten genug findet man wie beim Libanesen Abbas Beydoun anstatt der endlosen Meere, Wellen und Stürme eine unerwartete Wendung:
"Nicht der Sturm allein erinnert daran,
dass die Meereswellen keine Sitze haben,
deshalb stürzen sie übereinander
wie ein Berg von Koffern."

Selbstredend finden sich in der Anthologie auch Ausnahmen wie der legendäre Palästinenser Mahmud Darwisch, Jahrgang 1941, Stimme seines Volkes. Mahmud Darwisch kann gleichermaßen von Körper wie Rose sprechen, ohne Peinlichkeit zu erzeugen, er kann den Soldaten von der Lilie träumen, den Mond abstürzen lassen oder die Feststellung seiner Identität verweigern - ein Gedicht kommt dabei immer heraus:
"Fragt nicht die Bäume nach ihrem Namen,
Fragt nicht die Bäche, wer ihre Mutter sei.
Aus meiner Stirn stürzt das Licht,
aus meinen Händen quillt das Wasser des Flusses.
Das Herz aller Menschen ist meine Nationalität.
Nehmt mir den Reisepass doch weg!"

Da gibt es außerdem noch die früh verstorbene syrische Lyrikerin Amal Djarah (Jahrgang 1943), deren durchaus konventionell geschriebenen Gedichten es an Glaubhaftigkeit keinswegs mangelt:
"Guten Morgen,
du von Sonne und Salz gebräunter Mann
die Augen verfolgen mich durch Straßen und
Gassen,
Dolche umzingeln mich.
Wir haben nichts außer einem flüchtigen Blick
und einer Ähre
die vom Inneren der Hand bis unter die Rippe
reicht?"

Überhaupt erweisen sich im Vergleich die Frauen als die besseren Lyriker. Ihr Pathos ist erträglich, weil berechtigt - vor allem dann, wenn es um die notorische Frauenfrage des Islam geht. Drastische Bilder dafür findet die Irakerin Nazik Al-Maläka (Jahrgang 1923) in einem großem Poem:
"Wir werden unser Zöpfe abschneiden und unser
Hände abtrennen.
Damit die Kleider der Männer sauber und weiß
bleiben.
Kein Lächeln, keine Freude, kein Blick mehr.
Das Messer lauert auf uns in der Hand unseres
Vaters und unseres Bruders."
Die junge Syrerin Maram Al-Masri (Jahrgang1962) dichtet ganz ähnlich:
"Ich töte meinen Vater
in dieser Nacht
oder an diesem Tag
ich weiß es nicht mehr."
Sania Saleh (Jahrgang 1935), ebenfalls aus Syrien, spricht unumwunden von der Frau als einer "Geisel":
"Die Ahnen und die Nachfahren beanspruchen mich."

Ein Sonderfall der zeitgenössischen arabischen Lyrik ist der 1930 geborene Syrer Adonis, mit dem die dtv-Anthologie eröffnet wird und dem dank einer zweibändigen Werkausgabe im renommierten Schweizer Ammann Verlag der Ruf eines modernen Klassikers vorauseilt. Kein Lyrikfestival europaweit ohne Adonis, der in Paris studierte und in seiner Heimat für die Modernisierung der klassischen Gedichtsprache durch Rückgriff auf mittelalterliche arabische Denker und Dichter heftig kritisiert wurde. Es mag unfair klingen, aber was hier im Zeichen gehobener Kulturkritik als Weltdichtung verkauft wird, ist, gelinde gesagt, Kitsch, Rosenwasser aus den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts.

Diese postheideggerianische Lyrik - Hölderlin, Heidegger und Nietzsche sind Adonis' Hausgötter - zitiert haufenweise Arabismen herbei, die Welt der Moderne und der Technik wird in eine mit viel Asche überzuckerte Apokalpyse versetzt, dazu kommt noch glühende Liebesleidenschaft. Adonis beherrscht dabei religiös verbrämte Ornamentik und einen knappen brechtischen Ton gleichermaßen. In einem seiner berühmtesten Gedichte heißt es:
"Das Minarett weinte
Als der Fremde kam
Es kaufte ohne Not
Und baute drauf einen Schlot."

Der Gedichtband mit dem nach dem 11. September 2001 gleichsam prophetischen Titel "Ein Grab für New York" ist weniger hellseherisch als vielmehr eine solide Spielart amerikanischer Lyrik der Seventies, kurz: ein aus den USA importierter Rimbaud, der nach Syrien versetzt wurde. Das klingt dann folgendermaßen:
"Meine Heimat verfolgt mich wie ein Fluss aus Blut die Stirn der Zivilisation ist schlammiger Grund Moos ich sammelte Kronen schlüpfte in Lampen Damaskus war verliebt Bagdad verging vor Sehnsucht das Schwert der Geschichte zerbricht im Antlitz meines Landes wer ist der Brand wer ist die Flut?"

Tahar Bel Jelloun, der große französische Romancier marokkanischer Herkunft, hat kürzlich in der Zeit gegen die Auswahl der in Frankfurt vorgestellten arabischen Autoren gewettert und mit dem Hinweis auf die Bedeutung der Lyrik in der arabischen Welt empfohlen, man solle lieber die Dichter lesen. Dabei muss es sich um andere handeln als die bislang ins Deutsche übersetzten.

Erich Klein in FALTER 41/2004



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