Vom geräumten Meer, den gemieteten Socken...

Aglaja Veteranyi


Drei Fäuste für ein heiles Leben: Kathrin Groß-Striffler, Véronique Olmi und Aglaya Veteranyi zeigen überzeugend, dass es mit dem Glück auf dieser Welt nicht weit her ist.

Wie merkt man eigentlich, dass man lebt?", jammert ein Buch, nach dessen Kauf es ratsam ist, einen Schnapsladen zu konsultieren, um ein Maß an Trostlosigkeit hinunterzuspülen, das im nüchternen Zustand kaum zu ertragen ist. Aglaya Veteranyis "Vom geräumten Meer, den gemieteten Socken und Frau Butter" ist der brutalste von drei Prosabänden, die dem massentherapeutischen Heilsversprechen des positiven Denkens eine barsche Abfuhr erteilen. Drei Prosabände erster Güte, die es mit Hochprozentigem zu begrüßen gilt. Veteranyi: "Meine Geburt fand im engsten Familienkreis statt. Nur ich war anwesend. Am falschen Ort und zur falschen Zeit, anders lässt sich dieser Umstand nicht erklären."

Bei Groß-Stiffler und Olmi gibt es keinen gangbaren Weg, der das Personal aus dem Delimma herausführen kann. Bei Veteranyi schon. Entkommen kann man dem Kind im Erwachsenen, wenn man zum Beispiel ein "Selbstinserat" aufgibt: "Suche jemand, der mich umbringt. Bezahle mit meiner Frau."

1999 war der clownesken Autorin, die in ihrer Jugend auf zwielichtigen Varietébühnen für das Auskommen der Familie zu sorgen gehabt hatte, mit einem absurd naiven Roman eine Blitzkarriere gelungen. Bevor sich die Spezialistin für sarkastische Verniedlichung schwerster Depressionen am 3. Februar 2002 im Zürichsee ertränken sollte, hatte sie eine Sammlung von Prosaminiaturen zusammengestellt, die das Sterben als lustiges Spiel beschreiben und als einen kindischen Witz erzählen, bevor einem das Lachen im Hals krepiert.

Die meisten der in dem nun posthum erscheinenden Buch versammelten Texte stammen aus der Zeit vor dem Durchbruch, in der sich Veteranyi in literarischen Subkulturzirkeln tummelte. Kaum je ist die Verzweiflung darüber, dass die Liebe nur ein Machtspiel, selbstlose Zuneigung eine Illusion und das Leben eine Strafe dafür ist, geboren worden zu sein, so brutal, hemmungslos und sarkastisch auf den Punkt gebracht worden. "Hier eine andere Version" der eingangs zitierten Rekapitulation, wie das Mädchen Onimka ("bin 13 Jahre alt") auf die Welt gekommen ist: "Meine Mutter ist eine Klapperschlange. Als sie mich nach ihrem Verdauungsschlaf unverdaut wieder herauswürgte, meinte sie, sie hätte ein Kind bekommen. Bei dem kleinsten Versuch, ihr den wahren Sachverhalt auseinander zu setzen, wickelte sie sich um meinen Hals und drückte liebevoll zu." Dann zum Abschluss noch "die dritte Version" der Geschichte ("vielleicht heiße ich auch anders und bin erst sieben"): "Meine Geburt fand überhaupt nicht statt. Ich habe das Ganze nur erfunden, um dem Tod einen Streich zu spielen." Zum Wohlsein!Nach zwei fulminanten Romanen präsentiert Kathrin Groß-Striffler in "Herr M. und der Glaube ans Glück" detailbesessene Kurzgeschichten aus dem Alltag des Durchschnittsbürgers. Die 49-jährige Newcomerin des vergangenen Jahres ist in Isling, einem Dorf im Nirgendwo der nordbayerischen Provinz, zu Hause. Das nächste Kreisstädtchen Lichtenfels wirkt so verschlafen, dass Bahnreisende auf Lokschaden tippen, obwohl der ICE Nürnberg-Leipzig hier ganz regulär hält. In einem vergleichbar weltabgewandten Kosmos haben sich auch ihre Figuren ein gefährlich bescheidenes Glück eingerichtet. Es sind Mütter und Väter zwischen vierzig und sechzig, die sich alles mühsam haben erarbeiten können, außer einer Versicherung dagegen, wovor sie sich am meisten fürchten. In keiner der messerscharf beobachteten Sequenzen ist ihre Strategie, sich durch Rückzug in das narkotisierte Ambiente einer Einfamilienhaussiedlung um barbarische Schicksalsschläge herumzumogeln, von Erfolg gekrönt. Mögen die Fassaden und Vorgärten noch so penetrant Harmonie verkünden, nichts ist stabil in der Welt der Thujahecken und Kunststofffolienteiche.

13 Seiten genügen Groß-Striffler, um in "Die Kunde" das von der Routine des Kleinfamiliendaseins und dem Paradiesversprechen der Bausparkassen zerfressene Innere eines in die Jahre gekommenen Paars vom Scheitel bis zu den Zehen zu obduzieren. Aus der sicheren Distanz einer heimlichen Voyeurin wird beobachtet, wie er und sie auf die Nachricht reagieren, dass ihre längst erwachsene Tochter gestorben ist. Emotions- und kommentarlos spulen sich jene drei Minuten ab, in denen ihr Ersatzbunker implodiert, der sie vor der Härte der Normalität hätte bewahren sollen. Die Bauherren stehen vor einem Trümmerhaufen: ihrem Lebenswerk. Groß-Strifflers Blick ist schonungslos. Kurze Verschnaufpausen gewährt sie dem Leser nur in zwischengeschobenen Traumfragmenten, die die Schulung an Edgar Allan Poe bezeugen. Dann stirbt ein zweites Kind, implodiert eine zweite Mutter. Implodiert eine Pfarrfrau. Implodiert der Glaube, dass sich Glück wie die Blumen im Garten heranziehen ließe.

Bevor sie Prosa zu schreiben begann, hatte sich die 1962 in Südfrankreich geborene Véronique Olmi einen Namen als Bühnenautorin gemacht. In ihrem dritten Roman kehrt sie in ihr künstlerisches Heimatmetier zurück. Auch die Paare Elisabeth/Pascal und Clara/Boris aus Paris haben sich "Eine so schöne Zukunft" eingerichtet. Sie verdienen viel Geld. Sie können einlösen, was man von ihnen als Bühnenkünstler erwartet, leben sich beruflich, privat und öffentlich aus. Alle vier fallen, werden von einer schlimmen Kindheit eingeholt, in der ihnen eine glückliche Zukunft verbaut wurde.

Martin Droschke in FALTER 41/2004



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×