Das bleiche Herz der Revolution

Sophie Dannenberg


Sophie Dannenbergs lässt an der Generation der 1968er kein gutes Haar und ermöglicht so einen bizarren Schulterschluss zwischen der Großväter- und Enkelgeneration.

Mit Verve fiel das deutsche Feuilleton über Dannenbergs Erstling "Das bleiche Herz der Revolution" her: Als geistige Enkelin von Heinz G. Konsalik, die ein "bundesdeutsches Kettensägenmassaker" anrichte, bezeichnet Katrin Hillgruber Dannenberg in der Frankfurter Rundschau. Süffisant reitet Klaus Harpprecht auf dem Pseudonym und dem Studienaufenthaltsort Capri der 1971 geborenen Autorin herum, bezweifelt gar, dass eine "Schreiberin dieser Generation" wissen könne, wie es in den Studentenbuden von anno dazumal gerochen habe. Die Schärfe der Reaktionen spricht allemal gegen Harpprechts in der Zeit angestellte Vermutung, dass dieses Thema "uns" nicht mehr auf den Fingern brennen würde.

Fürwahr, es ist ein glattes Parkett, auf das sich Dannenberg begibt, vor allem, weil sie die Protagonisten der Straßen- und Hörsaalschlachten (ein wohl nicht geringer Anteil der Rezensentenschaft von heute?) in einem O-Ton sprechen lassen muss, den sie nur aus zweiter Hand kennen kann. Die Dialoge, die die Ideologie von 1968 transportieren sollen, wirken wie aus dem Lehrbuch abgeschrieben. Aber anders als der Klappentext insinuiert, geht es der Autorin gar nicht um eine "Suche nach der Wahrheit jenseits aller Ideologie", sondern um eine gnadenlose, subjektive Abrechnung mit 1968, um eine knallharte Satire.

Schade nur, dass sich die Satire auf eine Seite beschränkt, und den nichts als selbstgerechten, dummen, miefenden, autoritären und machtversessenen Revoluzzern die beiden Hauptfiguren des Romans - völlig ironiefrei - als Opfer gegenüberstehen, die allen Intrigen und Indoktrinationsversuchen tapfer widerstehen: die junge Galeristin Kitty, Tochter des gescheiterten RAF-Anwalts und Aussteigers Borsalino von Baguette (alias Claus Croissant), erzogen mit dem Kursbuch-17-Knüppel, und der um seine Karriere geprellte Hieronymus Arber, Assistent am "Frankfurter Institut" von Aaron Wisent (alias Theodor Adorno). Sarkasmus beherrscht den Erzählton, der immer wieder unvermittelt ins Lyrische kippt und tatsächlich keine Scheu vor abgeschmackten Trivialitäten kennt: Das reicht dann von Bäumen, die mit verängstigten Kindern sprechen, über stalinstarke, stahlharte Schwänze bis zu der Verehrung, die gealterte 1968er-Profs auf einem Kongress im Jahre 2004 einem gewissen Orlando Latrino (alias Osama bin Laden) entgegenbringen ...

Wo gesägt wird, fallen Späne. Also wollen wir es Dannenberg nachsehen, dass sie die von den 1968ern ausgehende Modernisierung und Liberalisierung der Gesellschaft ausgeblendet hat. Dass aber auch gleich noch die damals so bitter notwendige Aufarbeitung der NS-Vergangenheit unter den Tisch fallen gelassen bzw. diskreditiert wird, ist zuviel des Schlechten und führt zu einem bizarren Schulterschluss der Enkel- mit der Großvätergeneration: Ein Soldat und Ostpreußenflüchtling darf dann seinen 1968er-Kindern selektives Gedächtnis vorwerfen und die feierliche Entschuldigung eines Amerikaners für die Gräuel der Alliierten entgegennehmen.

Dieser Roman schlägt oft über die Stränge, kann sehr komisch sein und ist an keiner Stelle langweilig. Die gebildete und intelligente Autorin hält die Stränge der komplexen Handlung souverän in der Hand und hat umfangreiche Recherchen betrieben (bei denen ihr anscheinend ein gewisser "Alexander Oronzov" an die Hand ging, aus dessen Feder die brillanten Reden und Vorträge im Jargon der Zeit stammen). Die Aufarbeitung einer "utopischen Jugendbewegung" aus Sicht ihrer Kinder - so lautet das wissenschaftliche Projekt, unter dem Kitty und Arber sich im Laufe der Handlung zusammenfinden - kann man in diesem Roman allerdings beim besten Willen nicht entdecken.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 41/2004



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