Die Templer. Aufstieg und Untergang 1120-1314

Alain Demurger


Der französische Mediävist Alain Demurger geht in zwei Büchern den Lügen und Wahrheiten über die Templer nach, jenen geistlichen Ritterorden, dem so manches angedichtet wurde.

Wer sich auch nur ein bisschen für die Geschichte des europäischen Mittelalters interessiert, wird an den Kreuzzügen kaum vorbeikommen. Mit diesen "bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem" (Hans Wollschläger) waren die geistlichen Ritterorden aufs Engste verknüpft, besonders deren wohl bekannteste Vertreter: die Tempelritter, die in Walter Scotts "Ivanhoe" eine sinistre Rolle spielen und im "Parzival" (unter anderem Namen) die Gralsburg bewachen. Außerdem haben sie die Schätze aus König Salomos Tempel in Spanien oder Portugal versteckt. Und obwohl sie wegen Ketzerei und Götzendienst verurteilt wurden und ihr Orden aufgelöst, haben sie letztendlich Rosenkreuzer, Freimaurer und Donaldismus begründet - und existieren mithin heute noch.

So oder ähnlich steht es nachzulesen, zum Beispiel in Umberto Ecos "Das Foucaultsche Pendel". Wem allerdings diese Klischees nicht genügen, der kann sich bei Alain Demurger eingehender informieren. Der französische Mediävist meint jedenfalls, dass eine wissenschaftlich fundierte Geschichte der Templer erst noch geschrieben werden müsse. Sein eigener Beitrag wäre mithin nur ein Grundriss.

Also zu den Fakten: Die Vereinigung der Ritter Christi vom Tempel Salomos wurde im Königreich Jerusalem um 1119/20 als Miliz zum Schutz der christlichen Pilger gegründet. Demurger legt sich nach längerer Erörterung auf das Jahr 1120 fest. Die Templer erhielten eine von Bernhard von Clairvaux beeinflusste Ordensregel sowie über lange Zeit zahlreiche Spenden und konnten so gemeinsam mit den Johannitern, dem zweiten großen geistlichen Ritterorden, stehende Truppen im Heiligen Land unterhalten. Den muslimischen Staaten gelang es jedoch, die christlichen Nachbarn immer weiter zurückzudrängen. 1291 fiel mit Akkon die letzte Stadt der Lateiner, die Ritterorden zogen sich nach Zypern zurück.

Während es aber den Johannitern 1309 gelang, Rhodos zu erobern und zu behalten, schlug den Templern vermehrt Misstrauen entgegen. Demurger will die Kreuzzugsidee in diesen Jahren keinesfalls für überlebt erklären. Tatsache aber ist, dass ein Kreuzzug ab 1300 nur mehr Rhetorik blieb, freilich noch bis zum Fall Konstantinopels 1453. Bekanntlich fand auch dann keine konzertierte Aktion der Christenheit mehr statt. Philipp der Schöne von Frankreich ließ die Ritter 1307 im ganzen Land verhaften, und gemeinsam mit Papst Clemens V. machte er dem Orden, der 1312 aufgelöst wurde, den Prozess.

Demurgers Werk liest sich leicht, ist es doch spannend, bisweilen schon fast sarkastisch geschrieben. Doch es genügt nicht wirklich strengeren wissenschaftlichen Kriterien, dazu fehlt es im Buch an Hinweisen und an einem Apparat. Ein paar Karten und Zeittafeln müssen dem Leser genügen. Der Verlag hätte dieser stark beworbenen Sonderedition zum Beispiel ruhig ein Sach- und Namensregister anhängen können.

Etwas mehr Mühe hat man sich mit dem zeitgleich erscheinenden anderen Werk desselben Verfassers gegeben. In "Der letzte Templer. Leben und Sterben des Großmeisters Jacques de Molay" hat sich der Stil Demurgers nicht wesentlich verändert, wenn sich auch einige Verhärtungen bemerken lassen. So nennt er es hier schon "natürlich", dass sich die Mamelucken nicht an Vereinbarungen halten.

Obwohl der Schwerpunkt dieser Untersuchung auf dem letzten Großmeister des Templerordens liegt, widmet sich Demurger eingehend den Jahren ab 1230 bis zur Verbrennung des obersten Templers Jacques de Molay als rückfälligen Ketzer 1314 in Paris. Enthält diese Biografie wenig über den Großmeister, so nimmt dies kaum wunder - einfach weil tatsächlich wenig Persönliches überliefert ist. Aufgrund der schmalen Quellenbasis muss der Autor immer wieder zu Formulierungen greifen wie "möglich ist das schon, aber es kann nicht belegt werden". Immerhin veröffentlicht Demurger im Anhang ein Register aller bis heute bekannten Briefe de Molays - 27 Stück.

Der Prozess gegen die Templer ist dagegen wesentlich besser dokumentiert. Eigentlich waren es ja zwei Verfahren: eines gegen den Orden, das zweite gegen die einzelnen Mitglieder, aber aus taktischen Gründen vermengten die Richter König Philipps ihre Untersuchungen mit den Ermittlungen der rechtens zuständigen kirchlichen Inquisition. Das Recht auf seinen gesetzlichen Richter kannte man damals bestenfalls in der Theorie, und die Templer kannten es, wie Demurger betont, als des Lateins wenig kundige Krieger wohl gar nicht.

Dem Verlag ist leider anzukreiden, dass er es nicht geschafft hat, die neueren Ergebnisse in die Sonderausgabe zu übertragen. Während in beiden Bänden dasselbe Foto der Kreuzritterburg Krak des Chevaliers (eine beeindruckende Johanniterfestung in Syrien) verwendet wird, gab es offenbar sonst wenig Zusammenarbeit. Aufgrund einer neu gelesenen Urkunde steht zum Beispiel das Datum der Amtsübernahme de Molays von seinem Vorgänger nicht mehr eindeutig fest (1294 oder doch eher 1292). In der Sonderedition findet sich noch keine Spur davon - schade, eine verpasste Chance.

"Der letzte Templer" ist dennoch als Ergänzung zu "Die Templer" ausgezeichnet geeignet, geht Demurger doch hier den letzten Jahren des Ordens auf den Grund und beleuchtet die Lage im Palästina des 13. Jahrhunderts. Selbst einige der zahlreichen, diesen fanatischen Christen später angedichteten Gerüchte untersucht er - und entdeckt wenig Belegbares. Dass sowohl Philipp der Schöne als auch Papst Clemens V. 1314 starben, ist für Demurger nicht mehr als ein Zufall. Der Heilige Gral wird kein einziges Mal erwähnt, obwohl er in der populären Vorstellung mit den Tempelrittern untrennbar verbunden ist. Merkwürdig? Mag sein, aber so steht es geschrieben!

Martin Lhotzky in FALTER 41/2004



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