Arthur Koestler.. Ein extremes Leben. 1905-1983

Christian Buckard


"Der liebe Gott weiß alles, Arthur Koestler weiß alles besser", meinte Albert Einstein. Eine neue Biografie weiß fast alles über den gebürtigen Ungarn.

Mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod ist es still um Arthur Koestler geworden. Die meisten seiner Bestseller sind längst aus den Regalen der Buchhandlungen verschwunden. Geschrieben hat Koestler über fast alles, worüber man schreiben kann: den Sklavenaufstand des Spartakus, das Leben Johannes Keplers, die psychologischen Charakteristika des Witzes, Quantenphysik, die Destruktivität des Menschen - und da sind seine vielfältigen journalistischen Reportagen noch gar nicht eingerechnet.

Koestler war immer eigenständig, oft originell, lag bisweilen aber auch ordentlich daneben - etwa im Buch "Die Wurzeln des Zufalls", in dem Koestler die Ergebnisse der modernen Physik im Sinn der Parapsychologie zu interpretieren versuchte. Auf mehr Resonanz stieß hingegen seine Analyse kreativer Denkprozesse in "Der göttliche Funke". Der darin von ihm geprägte Begriff der "Bisoziation" wird bis heute verwendet.

Mit Analysen seines wissenschaftspublizistischen Werks hält sich die neue Koestler-Biografie "Ein extremes Leben" von Christian Buckard nicht lange auf. Mit Grund: Denn Koestlers private Vita bietet genug Stoff. Der studierte Judaist setzt dabei den Schwerpunkt vor allem auf Koestlers Engagement in der zionistischen Bewegung und den politischen Wirren seiner Zeit. Hier ist Buckard offensichtlich in seinem Element, und zeigt, wie stark Koestlers Werk von dessen kulturellem Umfeld geprägt ist.

Koestler, der 1905 als Sohn eines jüdischen Industriellen in Budapest geboren wurde, zog neun Jahre später mit seiner Familie nach Wien und studierte ab 1922 an der Technischen Universität Maschinenbau. Dabei sollte es nicht lange bleiben: "Vernunft und Routine", wie Koestler in seiner Autobiografie schrieb, waren für ihn "eine Zwangsjacke, unter der das lebendige Fleisch verfault". Er verbrannte sein Studienbuch, ging nach Palästina und versuchte sich als Korrespondent. Im Jahr 1930 bot ihm Franz Ullstein bei der Vossischen Zeitung eine Stelle als Wissenschaftsredakteur an - und bereits in seinen ersten Reportagen findet sich jener bunt gemischte Themenstrauß, der Koestler sein ganzes Leben lang beschäftigen sollte.

Im Jahr darauf trat Koestler der (antizionistisch orientierten) KPD bei - äußerlich ein glatter Widerspruch zu dessen bisherigen politischen Überzeugungen, wie Buckard herausarbeitet, aber eben typisch für das an Brüchen nicht gerade arme Leben. Die zweite Hälfte der Dreißigerjahre war die wohl turbulenteste Phase seines Lebens: Während seiner Tätigkeit als Kriegsberichterstatter in Malaga wurde er durch Francos Truppen festgenommen und verbrachte drei Monate in der Todeszelle.

Die kurz danach verfasste Aufarbeitung dieser Ereignisse in "Ein Spanisches Testament" - von Walter Benjamin und Thomas Mann hoch gelobt - bedeutete den literarischen Durchbruch. Die Abrechnung mit dem Kommunismus folgte dann wenige Jahre später mit dem Roman "Sonnenfinsternis", einer Parabel über die kommunistischen Schauprozesse der Stalinära. Wie Buckard zeigt, blieb Koestler sein ganzes Leben ein Nonkonformist - und zwar bis zum Schluss: 77-jährig an Leukämie und Parkinson erkrankt, wählte er, nachdem er schon Jahre zuvor für die rechtliche Verankerung der Sterbehilfe gekämpft hatte, gemeinsam mit seiner Frau Cynthia den Freitod.

Robert Czepel in FALTER 41/2004



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