Die Verheißung

Sahar Khalifa, Regina Karachouli


Eine klare Absage an Ideologien jeglicher Art erteilt die aus einer Beduinenfamilie stammende Ägypterin Miral al-Tahawi in ihrem Roman "Die blaue Aubergine", für den sie als erste Schriftstellerin den ägyptischen Förderungspreis für Literatur erhielt. Die allmähliche Zurichtung einer jungen ungestümen Frau, der weder die islamische noch die feministische Bewegung aus der existenziellen Verunsicherung helfen können, ergibt hier ein lakonisch-schrilles Bild unverbesserlicher Hoffnung.Um einiges leiser ist der Roman "Der Honig" der seit langem in Großbritannien lebenden und auf Englisch schreibenden Zeina B Ghandour aus Beirut, die wie al-Tahawi zur jungen Generation arabischer Autorinnen zählt. In geschickt geschnittenem Perspektivenwechsel lässt Ghandour die verengte Gedankenwelt eines Selbstmordattentäters, die innere Kraft einer jungen Gläubigen und die zynische Weltauffassung einer westlichen Journalistin aufeinander prallen.Eine unentwirrbare Verstrickung in die eigene Geschichte und jene der einst verlassenen Heimat beschreibt die auf Französisch schreibende Assia Djebar in ihrem neuesten Roman "Das verlorene Wort", in dem es ein weiteres Mal um Algerien geht - diesmal aus der Perspektive eines Heimkehrers, dessen Blick durch die zwanzigjährige Exilerfahrung in Paris gebrochen ist. Berkane zieht sich in ein Ferienhaus am Meer zurück, um die Trennung von seiner Freundin zu verwinden und endlich zu schreiben; doch er wird von der turbulenten Vergangenheit des Landes eingeholt und verschwindet schließlich in der Nähe jenes Gefangenenlagers, in dem er während des Unabhängigkeitskriegs inhaftiert gewesen war.Der kurze Moment des idyllischen Miteinanders von Christen und Muslimen, den die bedeutendste Romanautorin der palästinensischen Literatur, Sahar Khalifa, zum Ausgangspunkt ihres Romans "Die Verheißung" nimmt, macht das darauf folgende persönliche Scheitern umso deutlicher: Nur kurze Zeit lässt sich die Verständigung zwischen den Konfessionen in einem Ort am Rande von Jerusalem aufrechterhalten, dann springen die Spannungen der Heiligen Stadt über, und die Liebe zwischen der Christin Mariam und dem Muslim Ibrahim wird durch den sozialen Druck und die Radikalisierung der politischen Lage zu einer Belastung. Der angehende Student und Schriftsteller vergisst über den Kriegswirren sein privates Glück und seine beruflichen Ideale und wählt den bequemeren Weg des leicht verdienten Geldes, um am Ende seines Lebens mit seiner persönlichen Leere und dem unwiederbringlichen Selbstverlust konfrontiert zu werden.Die Iranerin Fattaneh Haj Seyed Javadi, deren Bücher in ihrer Heimat zu den Bestsellern gehören ("Der Morgen der Trunkenheit"), beschreibt in ihrem Erzählband "In der Abgeschiedenheit des Schlafs" Menschen in der Mitte eines bitteren Lebens, an denen sich erweist, wie sich Kriegswirren bis in die entlegensten Teile der Gesellschaft auswirken. Ihre Landsfrau, die aus Teheran stammende Sudabeh Mohafez, lebt bereits seit 1979 in Berlin. Wenn dort in ihrer Erzählung "Sediment" an allen Ecken ein iranischer Berg auftaucht, der nur von der Protagonistin wahrgenommen wird, steht dies für jenes Symptom interkultureller Erfahrung, das Mohafez' Schreiben bestimmt.Der Erzählband "Wüstenhimmel Sternenland" zeugt von der ungeheueren sprachlichen Souveränität und dem Witz der Autorin, die in deutscher Sprache schreibt und lieber der Realität ein Schnippchen schlägt, als auf das poetische Moment zu verzichten.

Alexandra Millner in FALTER 41/2004



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