Grado. Süße Nacht

Gustav Ernst


Sechzig Jahre und keine Spur von Altersmilde: Weder die gesammelten Theaterstücke von Gustav Ernst noch seine aktuelle Erzählung "Grado" sind jugendfreie Lektüre.

Die Karriere des Gustav Ernst begann mit einem Amoklauf. "Ein irrer Hass", sein 1979 in Frankfurt uraufgeführtes Debütstück, handelt von einem gerade aus der Haft entlassenen jungen Mann, der nach einem jämmerlich missglückten Raubüberfall und einer absurden Geiselnahme festgenommen wird. "Ein irrer Hass" wäre auch ein passender Titel für das Gesamtwerk des Wiener Autors, den man als den Wirtshausraufer unter den Literaten bezeichnen könnte. Die feine Klinge war nie sein bevorzugtes Arbeitsinstrument, Sprachgewalt ist bei ihm oft Synonym für Kraftausdruck.

Ende August ist Gustav Ernst sechzig geworden. Altersmilde ist seinen Texten nicht anzumerken. "In Wirklichkeit bin ich immer ein äußerst milder Mensch gewesen", sagt der Autor, der privat tatsächlich nichts mit dem rabiaten Berserker gemein hat, den man nach Lektüre seines Werks vor Augen hat. "In der Literatur pflege ich mich gelegentlich abzureagieren. Und wenn man beim Schreiben einmal milde wird - ich glaube, dann ist es vorbei." Der "irre Hass", der aus seinen Texten spricht, sei zwar nicht nur literarisches Stilmittel, sondern schon auch Wesenszug. "Aber Gott sei Dank ist er bisher im Großen und Ganzen in der Literatur geblieben."

Neben einer Hand voll Prosabüchern umfasst Ernsts bisheriges Œuvre ein Dutzend Theaterstücke, die bei Sonderzahl jetzt in dem Sammelband "Blutbad, Strip und tausend Rosen" vorliegen. Sein jüngstes Drama "Tears of Joy", das derzeit im Kabelwerk läuft, ist erst nach Redaktionsschluss fertig geworden; dafür ist in dem Band mit "Der Maestro stirbt" (1994) ein bisher unaufgeführtes Drama enthalten: eine sogar für Ernst-Verhältnisse ungewöhnlich deftige Satire, die verschiedene Spitzen der Gesellschaft am Sterbebett eines Malers versammelt. Um nicht in Versuchung zu geraten, etwas umzuschreiben, habe er sich die Stücke für die Gesamtausgabe nicht noch einmal genau durchgelesen, sondern nur darauf geachtet, dass die jeweils letzte Fassung von seiner Hand aufgenommen wird.

Gustav Ernst ist keiner von den am Theater gefürchteten Autoren, die ihre Stücke möglichst "werktreu" inszeniert sehen möchten. "Ich gehe davon aus, dass das andere Medium meinen Text gewissermaßen noch einmal schafft, ihn fertig stellt." Aber erst jetzt, bei der Beschäftigung mit den alten Dramen, ist ihm bewusst geworden, wie stark ein Theatertext vom Theater abhängig ist. "Es sind Bilder wieder aufgetaucht, die ich damals beim Schreiben hatte und wo ich mir heute denke: Eigentlich ist das nicht wirklich eingelöst worden." In manchen Fällen, etwa bei seinem "Faust" 1997 am Wiener Schauspielhaus, seien seine Erwartungen übertroffen worden. "Aber dann gibt es auch Stücke, wo ich mir denke: Das ist nicht adäquat vergrößert, verbreitert, verlängert worden." Grundsätzlich versteht sich der Autor nicht vorrangig als Dramatiker: "Ich komme von der Prosa und habe mich nie näher mit Theater befasst."

Auf der anderen Seite hat auch ein nicht für die Bühne geschriebener Ernst-Text wie die aktuelle Erzählung "Grado. Süße Nacht" dramatischen Charakter: Wie im vorangegangenen Band "Die Frau des Kanzlers" (2002) handelt es sich abermals um ein Stück Rollenprosa, um einen großen Monolog mit unsichtbarem Gegenüber. In einem kleinen Restaurant im Hafen des Adriastädtchens Grado hat ein Mittfünfziger ein Rendezvous mit einer mindestens um 15 Jahre jüngeren Frau, auf die er 160 Seiten lang einredet.

In immer expliziteren Details setzt der Mann seiner Urlaubsbekanntschaft auseinander, was er im späteren Verlauf des Abends alles nicht mit ihr zu machen beabsichtigt; keine Körperöffnung und kaum ein anatomisches Detail des Geschlechtsaktes bleiben in der durchaus unappetitlichen, aber streckenweise auch sehr komischen Suada ausgespart. "Immer glaubt man, Geschlechtsorgan ist Geschlechtsorgan", heißt es eingangs. "Aber nein. Den bösen Überraschungen sind keine Grenzen gesetzt." Der langen Rede kurzer Sinn: Die wahren Abenteuer sind im Kopf. "Ich will keine wirklichen Körper mehr", fasst der Erzähler zusammen. "In der Wirklichkeit hängt doch immer ein Körper daran, ist es nicht so, gnädige Frau?"

Gustav Ernst gibt zu, dass die These seines Helden, wonach Masturbation besser als Sex mit anderen Menschen sei, nicht haltbar ist. Aber es sei ihm bei dem Buch schon auch um das "Lob der sexuellen Fantasie" gegangen. Dass ihm die Arbeit daran Vergnügen bereitet hat, merkt man dem Text an. "Ich lache selten beim Schreiben. Aber sagen wir so: Diesmal hab ich eher gelacht als gewichst. Das Schreiben hat mich weniger erregt als ich den Witz genossen habe, mit dem der Erzähler immer noch eine Ebene tiefer geht, noch ein Scheiberl heraus holt. Die Komplexität dieser Fantasie hat mir gefallen, die bis an die Grenzen dessen geht, was möglich ist. Wobei es, wie wir wissen, noch viel weiter ginge." In Rücksprache mit dem Verlag hat er das Manuskript übrigens um zwei, drei extreme Szenen gekürzt.

Wollte man "Grado" dramatisieren, müsste man sich gut überlegen, wie man die Situation plausibel auf die Bühne bringt. Fast gewinnt man bei der Lektüre den Eindruck, auch das Essen selbst finde nur im Kopf des Erzählers statt. Eine Lesart, die der Autor nicht ausschließt. "Unrealistisch ist es sowieso, klar. Oder kennen Sie eine Frau, die so lang dort sitzen und sich das alles anhören würde?"

Dass die aktuelle Erzählung nicht gerade "die passende Schrift zum würdigen Alter ist", hat Gustav Ernst erst bemerkt, als es schon gedruckt war. "Jetzt hab ich wieder einmal meinen Ruf bestätigt." Für das nächste Buch aber hat er sich einen Themenwechsel vorgenommen: "Komischerweise scheint es, als wäre das Unangenehme immer das Sexuelle oder das Ordinäre, was natürlich ein Unsinn ist. Ich möchte herausfinden, wo ich noch unangenehm sein kann."

1980 hat Gustav Ernst das Drehbuch für einen der besten österreichischen Kinofilme der Nachkriegszeit, Franz Novotnys "Exit nur keine Panik", geschrieben. Die zotigen Dialoge, die den Film berühmt gemacht haben ("Kann man sich bei euch vaginamäßig a bisserl wichtig machen?"), sind zugleich wohl der Grund dafür, dass er beim ORF bis heute keinen Auftrag bekommen hat. "So wie ich schreibe, ist es natürlich schwierig, vielen Leuten zu gefallen", sagt er. Damit, dass er nie so populär war und sein wird wie andere Autoren seiner Generation, hat er sich abgefunden. Solange er vom Schreiben halbwegs leben kann, soll es ihm recht sein. "Wer den Leuten mit dem Oasch ins G'sicht fahrt, kann nicht erwarten, dass sie ihn küssen."

Obwohl Gustav Ernst in "Grado" peinlich genau darauf geachtet hat, nur neutrale Ausdrücke wie "Geschlecht", "Brust" oder "After" zu verwenden ("Zwei Oaschlöcher hab ich rausgestrichen!"), wird das Buch mit dem warnenden Aufkleber "Für Leser ab 18 empfohlen" ausgeliefert. Es ist absehbar, dass der dreifache Familienvater seinen Kindern (Alter: 6, 8 und 10) bald einiges erklären wird müssen. Ein Schulkollege seines ältesten Sohnes hat ihn unlängst schon mit der Frage ins Schwitzen gebracht, warum er nicht einmal eine von seinen Geschichten vorlese. Er hat dann doch wieder zu den Wiener Sagen gegriffen.

"Es ist nicht mein Ehrgeiz, prinzipiell Unvorlesbares zu schreiben", beteuert Ernst. "Aber wenn man an die Kinder und die alten Leute denkt, kann man gar nichts schreiben." Am Beginn seiner Schriftstellerkarriere hat seine Mutter dem Autor einen Rat gegeben: "Gusti, denk an die Tanten!" Mit dem Verfertigen von Texten, die auch von Tanten gern gelesen werden, tut sich Gustav Ernst noch heute schwer. "Aber zum Glück kann ich das mit meinem sonnigen Wesen immer wieder ausgleichen."

Wolfgang Kralicek in FALTER 41/2004



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