Die Vögel brüllen. Kommentare zum Alltag

Daniel Glattauer


Sein jüngster Kolumnenband weist Daniel Glattauer einmal mehr als witzigen Landeskundler aus.

Daniel Glattauer teilt sich mit Hans Rauscher das Kolumnistenkästchen auf der ersten Seite des Standard im Verhältnis zwei zu vier. Das hat er geschickt gemacht. So schreibt der unter dem Kürzel "dag" auftretende Wiener zwar nur halb so viel wie sein Kastlkollege, dafür freut man sich über seine Kleinstwerke aber doppelt so oft wie auf jene Rauschers. Wie jeder Kolumnist schreibt Glattauer über Gott (eher weniger) und die Welt (deutlich mehr). Ein Großteil seiner weltlichen Betrachtungen ist jenem Flecken Land gewidmet, dem er entstammt und in dem er (nach Lektüre seiner Kolumnen muss davor gesetzt werden: unbegreiflicherweise) immer noch wohnt: Österreich also.

Glattauer nähert sich den Phänomena des Alpenlandes sowie der darein geborenen Landsmänner und -frauen auf den unterschiedlichsten Pfaden. Ein gern begangener ist jener der meteorologischen Reflexion: Da prangert Glattauer mutig die Unbeseitigbarkeit von Nebelbänken an, argumentiert stichhaltig gegen das Heizen im Juni oder läuft bei der akustischen Konfrontation mit dem Begriff "Schneefallgrenze" in Monaten ohne "r" heiß. Darüber hinaus geht es Glattauer auch gerne linguistisch an: Ob er die zahlreichen zur Verknappung neigenden Antwortvarianten des Ostösterreichers ("No na net") aufschlüsselt oder das perverse Aussagepotenzial gerne verwendeter Abschiedsfloskeln decouvriert ("Man sieht sich!") - das ist alles nah dran an Zunge und Hirn von Herrn und Frau Österreicher. Und wenn wir schon bei Zunge und Hirn sind: Auch die Gepflogenheiten der hiesigen Gastronomie schildert Glattauer mit Hingabe. Sei es der Kampf ums Glas Leitungswasser, um die Aufmerksamkeit der Gästebetreuung oder um das gewünschte Kulinarium: Nichts lässt der Mittvierziger unglossiert.

Neben den Seite-1-Betrachtungen erwarten den Leser der gesammelten "Kommentare zum Alltag" auch Pro- und Kontra-Stellungnahmen zu Themen wie Händeschütteln, Händetrockner, Bidet oder Dekolleté wie auch die eine oder andere längere Schreibarbeit über das neue Auto oder den alten Hund des Autors.

Halten Glattauers fürs schnelle Tagesgeschäft verfasste Betrachtungen nun auch dem Anspruch auf längerfristige Gültigkeit stand, der doch immer zwischen zwei Buchdeckeln nistet? Gut möglich. Dank Glattauers Witz, seinem sprachlichen Feingefühl und seiner Beobachtungsschärfe könnten seine literarischen Kurzwaren auch künftige Generationen erleuchten - vielleicht nicht ganz so hell funkelnd wie die Feuilletons von Polgar & Co, aber doch so in etwa.

Stefan Ender in FALTER 41/2004



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