Forschende Denkweisen. Essays zu künstlerischem Arbeiten

Christian Reder


In den 13 Essays seines neuen Buches "Forschende Denkweisen" entschlüsselt Christian Reder eine ganze Generation der Gegenwartskunst.

Dass sich Hugo Ball von seiner Affinität für das Mystische überwältigen hat lassen, dürfte bekannt sein. Dass hingegen bei Kleidung das Unsichtbarste das Wichtigste ist, hat sich vielleicht noch nicht überall herumgesprochen. Das sind zwei von Hunderten Nebenbemerkungen im neuen Essayband von Christian Reder, Ordinarius für Kunst- und Wissenstransfer am Institut für Medienkunst der Universität für angewandte Kunst.

Der Band "Forschende Denkweisen" enthält 13 Essays, die einen exzellenten Einblick in die künstlerische Produktionswelt zweier Jahrzehnte geben. Dass darin Künstler im Mittelpunkt stehen, mit denen das Sammlerehepaar Ingrid und Christian Reder befreundet ist, gereicht dem Werk kaum zum Nachteil. So erhalten unzählige in Ateliers und auf gemeinsamen Reisen geführte Gespräche nachträglich den notwendigen intellektuellen Schliff.

Das Buch entsiegelt und entschlüsselt eine ganze Generation. Am tragfähigsten fällt der sich weit ins Philosophische vorwagende Gironcoli-Essay aus. Am wenigsten Eindruck macht die Konfrontation Christian Ludwig Attersees mit Partikeln französischer Denkungsart, die dessen Lust- und Leidensthematik in fragender Weise auffächern. Man findet in diesem Buch wunderbar präzise Beobachtungen und Sager von verblüffender Eleganz - etwa wenn Kurt Kocherscheidt während einer Autofahrt auf "Ausbesserungsflächen aus Asphalt" hinweist, dann vermittelt dieses kräftige und bekräftigende Bild mehr als tausend Worte.

Reders Texte verschieben unauffällig die Aufmerksamkeit: hier ein fallen gelassenes Wort, dort eine Fußnote, und schon entsteht ein unerwartetes Bild von der Lage der Dinge. "Gewalt ist nie eine Sache der anderen", heißt es an einer Stelle, und später: "Die Aufklärung ist auf neue Bündnisse aus; und die Kunst lässt ihr mitteilen, dass das ihr Problem sei." Die erste Bemerkung stellt Gewalt als ein unbedingt zum Sozialen gehöriges Phänomen dar; die zweite weist der Kunstproduktion einen Ort deutlich jenseits von allem Gesellschaftlichen zu. Das sind klare Positionen.

Wenn man behauptet, jeder schmallippige Intellektuelle besitze ohnehin nur einen einzigen originellen Gedanken, den er unaufhörlich variiert, dann wäre Reders Zentralgestirn mit Sätzen umrissen wie: "Vermeintliche Hermetik stellt sich als komplizierte Offenheit heraus." Oder: "Die diffuse Automatik von Systemen dürfte sich als das eigentliche System herausstellen." Der Autor belehrt uns eindrucksvoll über ein Geflecht, dessen Elemente auf einer anderen Ebene in je neuer Ordnung erstrahlen. Die "Metamorphose von Strukturen", dieses "Entwicklungsgesetz des Multicharakters" - das scheint Reders ureigenstes Thema zu sein.

Die versammelten Kunstessays unterscheiden sich nach ihrer Entstehungszeit. Der zu Quellen von Walter Pichlers Denken 1986 war Reders erster überhaupt. Hier schimmern noch Endzeitängste aus dem Kalten Krieg herüber, geistern Anarchisten durch die Zeilen, und nur selten erscheint ein religiöser Gedanke.

Die Neunzigerjahre fokussierten dann die Frage nach der medialen Präsenz von Kunst und Künstler. Das bewegt uns heute schon wieder in anderer Weise, indem wir etwa die Voraussetzungen von Medien zu dekonstruieren versuchen. Doch Reder deliriert nie über epistemologische Veränderungen, die sich zum neuen "Technoimaginären" oder ähnlichen Begriffsungetümen verbinden.

Wolfgang Kralicek in FALTER 41/2004



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