Entziehungen. Österreichische Deserteure und Selbstverstümmler in der...


Peter Pirker hat den spannenden Bericht des Nachrichtenoffiziers Patrick Martin-Smith über die letzten Kriegsjahre in Österreich zugänglich gemacht und klug ergänzt.

Warum ist 1944 im Örtchen Dellach ein Mann von einem Wehrmachtssoldaten rücklings erschossen worden? Warum eine ganze Familie deswegen ins KZ gebracht worden? Von solchen Fragen ausgehend, die buchstäblich vor seiner eigenen Haustür lagen, hat sich Peter Pirker in ein Thema vertieft, das sich als viel komplexer erwies, als erwartet war.

Zuerst stieß er bloß auf Beschönigungen - gerade so, als ob der Nationalsozialismus im oberen Drautal nie existiert hätte. Pirker bohrte aber weiter, ging in Archive, zu Zeitzeugen, führte Interviews und stieß auf immer neue Fragen. Schließlich machte Pirker einen höchst aufschlussreichen Fund: Er stöberte das Manuskript des Briten Patrick Martin-Smith auf, eines Nachrichtenoffiziers während der letzten drei Kriegsjahre. Darin wird von den Einsätzen der Österreich-Sektion der Special Operations Executive (SOE) berichtet, eines britischen Nachrichtendienstes während des Zweiten Weltkriegs.

Martin-Smith dokumentiert darin die Versuche, Österreich über den Alpenhauptkamm zu infiltrieren und dabei zu überprüfen, wie weit die Bevölkerung dazu neigt, überhaupt "an eine österreichische Unabhängigkeit zu denken". Er gibt Auskunft über waghalsige Unternehmungen, über Konflikte zwischen den ansässigen italienischen Partisanengruppen, über Kämpfe gegen deutsche und kosakische Truppen, die den Rückraum ihrer Front(en) sichern. Und schließlich berichtet er vom Einsatz und der Beteiligung jüdischer Flüchtlinge aus Berlin und Wien, Wehrmachtsdeserteuren und Widerstandskämpfern.

Martin-Smiths Aufzeichnungen beginnen mit viel Enthusiasmus, doch bald stellt sich ein anderer Tonfall ein: Viele der Operationen scheitern, teils wegen schlechter Planung, teils wegen mangelhafter Unterstützung vonseiten des britischen Hauptquartiers, teils wegen des geschlossenen volksgemeinschaftlichen Zusammenhalts in Österreich. Der auf eigenen Anschauungen beruhende Tatsachenbericht ist zugleich auch eine atemberaubende Geschichte, ein Agententhriller, wenn man so will.

Und so sind es erst die fünf Beiträge von Pirker unter dem Titel "Agents in Fields" im zweiten Teil des Buchs, die den Band in den Rang einer historisch relevanten Studie erheben. Unter Bezugnahme auf den Bericht Martin-Smiths gelingt ihm eine fundierte Historie des Widerstands auf Basis von Studien über jene Personen, die als Agenten auf Seiten des SOE ihr Leben riskierten - und zum Gutteil auch ließen. Diese einzelnen Miniaturen, die auf Briefwechsel, Archivfunde und Interviews mit Hinterbliebenen zurückgehen, sind aber weit mehr als Personenstudien zu SOE-Agenten. Sie beleuchten Herkunft, Auseinandersetzung und Erfahrung mit dem Nationalsozialismus. Und sie schließen luzide Beobachtungen etwa der tödlichen Scheinidylle der dörflichen Volksgemeinschaft ein.

Gründe, ja Motivationen, warum diese Einzelnen sich zum Widerstand durchrangen oder wie selbstverständlich dazu bereit erklärten, werden angeboten, aber nicht aufgezwungen. Und gerade deshalb ist das Buch nicht nur eine hervorragende Studie über Widerstand und Denunziation in Kärnten. Es ist auch ein beklemmendes Drama von einzelnen Personen, die ihr Leben ließen im Ringen mit dem Nationalsozialismus, der Volksgemeinschaft und dem Krieg.Nirgendwo sonst gerät das Naheverhältnis von Widerstand und Konformität in einer Zeit des "totalen Kriegs" und seinen Dynamiken derart präzise ins Blickfeld wie in Studien zu Desertion und geheimdienstlichen Aktionen. Dass man Widerstand, Kollaboration und nachrichtendienstliche Aktivitäten gerade in einem so polykratischen und zugleich total beherrschten Gebilde wie dem Nationalsozialismus zusammendenken muss, zeigen die einzelnen historischen Beiträge in dem von Hans Schafranek und Johannes Tuchel herausgegebenen Band "Krieg im Äther". (Siehe auch Rezension Nr.37/04)

Die von den einzelnen Beiträgen herausgearbeiteten historischen Konstellationen und Situationen ermöglichen es, ein vielschichtiges Bild der spezifischen Vorgänge, involvierten Institutionen und Personen (Fallschirmagenten, "V-Männer", Nachrichtenoffiziere) zu zeichnen. Dass es meistens mit einem "Versagen" derer endete, die sich als Exilanten oder Deserteure zu einem Einsatz in Nazideutschland bereit erklärten - oftmals ohne genaues Wissen um die große Gefahr -, ist eines der bittersten Ergebnisse dieses "Widerstands von außen".

Über die Widrigkeiten einer bislang öffentlich nur widerwillig anerkannten Widerstandsform von innen - der Desertion aus der Wehrmacht bzw. der Selbstverstümmlung - berichtet Maria Fritsches Buch "Entziehungen". Ist der Schwerpunkt auch auf österreichische Deserteure gelegt, so besticht das Buch vor allem durch die präzise Darstellung der juristischen Verfolgung und martialischen Bestrafungsformen von Wehrdienstverweigerern.

Vergangenheitsbewältigung in Österreich inkludierte lange Zeit auch das Abstempeln von Deserteuren als Feiglinge und Verräter. Dass diese aber Widerstand geleistet und als Opfer zu gelten haben, stößt immer noch auf Unverständnis. Die letzten Kapitel zeichnen die Geschichte der Deserteure in der öffentlichen Meinung der Nachkriegszeit bis heute nach, in der Opfer zu Ausgestoßenen wurden, und behandeln die schleppende Wiedergutmachung vonseiten des österreichischen Gesetzgebers. Dabei ist es ganz egal, aus welchen Gründen junge Männer desertiert sind, wurden sie doch in jedem Fall politisch verfolgt. In Fällen der Opferbeurteilung aber ist der Verfolgungstatbestand ausschlaggebend.

Thomas König in FALTER 41/2004



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